Kulturvermittlung mit Witz

Bei Fladt erfährt der Leser, dass "Queen" die Klänge einer Bachkantate verwendeten. © dpa/Werner Baum
21.09.2012
Anschaulich und unterhaltsam erklärt der Komponist Hartmut Fladt die Musikgeschichte. Mit seinen 114 Beispielen und vielen assoziationsreichen Exkursen übergeht er in "Der Musikversteher" bewusst die Grenzen von Klassik und Pop.
Ein breiteres Publikum kennt Hartmut Fladt dank seiner Auftritte bei radioeins, einem stark von aktuellem Pop geprägten Programm beim RBB. Der Musikwissenschaftler und Komponist, seit 1981 Professor für Musiktheorie an der Universität der Künste Berlin, ist sich nicht zu schade, Woche für Woche jeweils einen Song seiner kurzen Musikanalyse zu unterziehen. In verständlicher, unterhaltsamer Sprache bringt Fladt prägnant die "Machart" des Titels auf den Punkt, illustriert in kurzen Ausschnitten harmonische und rhythmische Strukturen und das Verhältnis zwischen Wort und Musik.

Ähnliches geschieht jetzt in sehr viel größerem Umfang auch in seinem Buch "Der Musikversteher – Was wir fühlen, wenn wir hören". Im Verzeichnis der hier analysierten Musikbeispiele findet man sage und schreibe 114 Titel, von der Russischen Nationalhymne und Beethovenkompositionen über Songs von Johnny Cash und Michael Jackson bis hin zu Titeln von Nena und Helge Schneider. E-und U-Grenzen werden selbstbewusst übergangen.

Anschaulich zeigt Fladt in Genre übergreifenden Themenkapiteln wie "Kitsch und Kunst" oder "Herrscher und Herrscherinnen über Hundertschaften", dass es zu Arroganz (von Seiten etwa der Klassik-Fans) keinen Grund gibt: Auch bei großartigen Pop-Titeln sind es handwerkliche Qualität und musikalisches Genie, die den Unterschied machen. Vor allem die Beatles mit ihren so eingängigen wie raffinierten Songs werden hier immer wieder als Beispiel angeführt. Ebenso gut vertreten ist Freddy Mercury von Queen, dessen Song "Bicycle Race" laut Fladts Analyse in einer bestimmten Tonfolge (bei der Zeile: "I want to ride my bicycle") sogar von Bachs Kantate "Was Gott tut, das ist wohlgetan" BWV 100 inspiriert ist.

Umgekehrt - auch das zeigt Fladt ausführlich - hat quasi der "Pop" in der klassischen Musik seinen festen Platz: Als Leopold Mozart seinem Sohn Wolfgang Amadé in einem Brief eingängige Elemente ans Herz legt, antwortet dieser: "Wegen dem sogenannten Popolare sorgen Sie nichts, denn in meiner Oper ist Musick für aller Gattung Leute - ausgenommen für lange Ohren nicht".

Gegen die "langen Ohren" - also musikalische Ignoranten - geht Hartmut Fladt mit ausführlichen "Musikalischen Grundlagen" an, die den umfangreichsten Teil dieses Buchs ausmachen. Doch auch diese essayhaften Exkurse zu Musikgeschichte, Rhythmus, Harmonie-und Formenlehre kommen immer mit Beispielen (und häufig mit einfachem Notenmaterial) daher. Nicht eine Sprache der Musik gibt es, so sein Motto, sondern viele unterschiedliche Sprachen, und es liegt an unserer Bereitschaft, unserer Neugierde, ob wir eine oder mehrere dieser Sprachen beherrschen oder besser kennenlernen wollen.

Fladts Kreativität und Spaß im Umgang mit Musik und ihrer Vermittlung sind überpräsent: in der kleinteiligen, assoziationsreichen Ordnung seiner Gedanken, im Wortwitz und Humor und nicht zuletzt in seinen sogenannten "Wanderungen durch musikalische Märchenlandschaften". Das sind von den Brüdern Grimm inspirierte moderne Märchen, die er als Parabeln auf das gegenwärtige Musikleben versteht. Kein Buch, das man in einem Zug durchlesen sollte - zu überbordend ist seine Fülle. Wohl aber ein Buch, das man immer wieder inspiriert zur Hand nimmt.

Rezensiert von Olga Hochweis

Hartmut Fladt: Der Musikversteher. Was wir fühlen, wenn wir hören
Aufbau Verlag, Berlin 2012
329 Seiten, 19,99 Euro
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