Seit 11:05 Uhr Lesart
Samstag, 19.06.2021
 
Seit 11:05 Uhr Lesart

Interview / Archiv | Beitrag vom 26.11.2020

Kulturszene im LockdownManche stehen vor dem Ruin

Matthias Brodowy im Gespräch mit Axel Rahmlow

Der Kabarettist Matthias Brodowy bei der Show "Der Comedy-Mix - Drei Theater, eine Show" im Juni 2020 auf der Autokultur-Bühne auf dem Schützenplatz in Hannover. (picture alliance/dpa/Geisler-Fotopress)
"Kunst ist eine sehr anständige Arbeit und Kunst macht auch Arbeit", sagt Kabarettist Matthias Brodowy. (picture alliance/dpa/Geisler-Fotopress)

Dem Kabarettisten Matthias Brodowy fehlt die politische und gesellschaftliche Anerkennung der Kultur. Für manche seiner Kollegen und Kolleginnen sei die Situation jetzt im zweiten Lockdown dramatisch.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat am Donnerstag noch einmal erklärt, warum sich Bund und Länder darauf geeinigt haben, den Lockdown im Dezember mindestens bis Weihnachten zu verlängern. Dabei hat die Kanzlerin auch die großen wirtschaftlichen Folgen für die Kultur erwähnt. Es müsse "Gesundheit und Kultur" heißen, und nicht "Gesundheit oder Kultur". Es ging um Anerkennung und darum, welche Last die Gastronomie und die Kulturwelt gerade tragen. Trotz aller Hygienekonzepte. 

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)
Einer von Zehntausenden Menschen, die betroffen sind, ist der Kabarettist Matthias Brodowy aus Hannover. Er sei froh, dass in all diesen Wochen überhaupt einmal über die Kultur gesprochen werde, sagt er. "Im ersten Lockdown sind wir tatsächlich komplett rausgekippt." Man habe das Gefühl gehabt, in einem Land, das sich seit Jahrhunderten auf die Dichter und Denker berufe, habe man immer nur die Vergangenheit beschworen. Man habe aber vergessen, dass Kunst und Kultur auch in der Gegenwart stattfinden würde. Betroffen seien auch nicht nur die Künstler und Künstlerinnen, sagt Brodowy, sondern auch zahlreiche andere Mitarbeiter wie die freien Techniker.

Kritik an Umgang mit Hilfszahlungen

Auch wenn eine Betrugsgefahr bestehen würde, sei es für ihn schwer zu verstehen, warum die Novemberhilfen für die Branche bereits im Oktober angekündigt wurden, aber erst seit Ende November beantragt werden können. Ein zweiter Lockdown sei absehbar gewesen, daher hätte man die notwendige technische Infrastruktur, an der es angeblich unter anderem liegen würde, schon viel früher vorbereiten können. "Ich wundere mich schon, warum man so viel Zeit verstreichen lässt."

Einige Künstler und Techniker in der Szene seien in ihrer Existenz bedroht, sagt Matthias Brodowy, weil sie seit Monaten kein Geld erhalten würden. "Das ist schon dramatisch." Er kenne Künstlerkollegen, die vor dem Ruin stehen würden. "Die müssen eventuell ausziehen, weil sie die Miete nicht mehr zahlen können, die sind schlicht und einfach verzweifelt."

"Kunst ist eine sehr anständige Arbeit"

Wenn in solch einer Situation dann auch noch Sätze fallen würden wie "Ihr hättet ja auch etwas Anständiges lernen können", dann gehe ihm die "Hutschnur" hoch. "Dann denke ich mir: Was ist denn an Kunst unanständig?" Es gebe unanständige Kunst. Ansonsten sei Kunst etwas sehr Ehrbares, so Brodowy. Menschen mit solchen Äußerungen würden es sich zu einfach machen. "Kunst ist eine sehr anständige Arbeit und Kunst macht auch Arbeit." Es wäre schön, wenn das gewürdigt werden würden, denn in den letzten Jahren seien Künstler auch "eifrige Steuerzahler" gewesen.

(jde)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Interview

Heike Geißler über die Bachmann-Jury"Das geht nicht"
Die Jury im Studio bei der Lesung von Heike Geißler. Die Schriftstellerin ist über Bildschirme zugeschaltet. (LST Kärnten / Johannes Puch)

Die Schriftstellerin Heike Geißler hat in Klagenfurt gelesen und übt nun deutliche Kritik an der Arbeit der Jury: Die Diskussion sei unfair und nicht auf den Text bezogen gewesen. Das sei aber das Mindeste, was Literaturkritik leisten müsse.Mehr

Studie zur Spaltung der GesellschaftEin Land, zwei Lager
Köpfe einer Menschenmenge am Potsdamer Platz in Berlin. Es handelt sich um eine Demo. Zwischen den Köpfen ragt ein Schild mit der Aufschrift "Dagegen" hervor. (Unsplash / Leon Bublitz)

Eine Studie zeigt, dass sich in der deutschen Gesellschaft zwei Lager polarisiert gegenüber stehen: Das Problem daran ist, dass sich eines von ihnen marginalisiert fühle und unzufrieden mit der Demokratie sei, sagt der Psychologe Mitja Back. Mehr

Schule und CoronaNoch nicht fit für den Herbst
Unterrichtsszene: In einem Klassenzimmer sieht man zwei Kinder von hinten. Sie sitzen jeweils einzeln an einer Bank und blicken nach vorne zur Tafel, neben der ihre Lehrerin steht. (picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Patrick Pleu)

Im Herbst könnten die Infektionszahlen wieder steigen. Heinz-Peter Meidinger vom Deutschen Lehrerverband mahnt, die Schulen bis dahin mit Luftfilteranlagen und schnellem Internet auszustatten: Distanzunterricht könnte wieder notwendig werden.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur