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Fazit / Archiv | Beitrag vom 18.04.2019

Kultursponsoring in der TürkeiKulturszene an der Grenze zur Selbstzensur

Von Marion Sendker

Blick auf Bosporus vom Szeneviertel Cihangir aus gesehen, Istanbul (imago stock&people/ Ali Kabas / Danita Delimont )
Blick auf den Bosporus: In der Türkei sind unabhängige zeitgenössische Kunst und Kultur in der Defensive. (imago stock&people/ Ali Kabas / Danita Delimont )

Künstler haben es in der Türkei nicht leicht. Staatlich gefördert werden fast nur noch Projekte, die auf Staatslinie sind und private Förderung hängt von großen Familienkonzernen ab. Selbst namhafte Mäzene sitzen für ihre Kulturarbeit im Gefängnis.

Wer in der Türkei erfolgreich Kunst machen will, hat am besten gute Verbindungen in die Wirtschaft. Denn es sind die großen Familien-Konzerne, die die Kunstszene finanzieren. Die Istanbuler Biennale oder die Filmfestspiele werden vor allem vom Pharmazie- und Baukonzern Eczacibasi bezahlt. Und das berühmte Pera-Museum oder das Kunsthaus ARTER in Istanbul gehören der Koc-Familie, deren gleichnamiger Mischkonzern das reichste Unternehmen im Land ist.

Große Familienkonzerne mit Verbindungen zur Regierung

Der Staat hält sich offiziell raus aus der großen Kunst, doch die ist damit nicht gleich Privatsache: Natürlich gebe es wirtschaftliche Verbindungen zur Regierung, sagt Üstüngel Inan. Er hat lange für die Eczacibasi-Familie gearbeitet und ist mittlerweile Kunstkurator für die Koc-Familie: "Ich gehe davon aus, dass sie in ihren Entscheidungen Rücksicht auf die Regierung nehmen. Ich kann aber als jemand, der seit 25 Jahren in der Kunst- und Kultur-Branche arbeitet, mit gutem Gewissen sagen, dass diese Vorsicht noch nicht so groß ist, als dass sie für die Konsumenten sichtbar wäre."

Sichtbar ist diese Vorsicht ja noch nicht einmal für viele Künstler. Und genau da liege das Problem, sagt Eda, Kunstkuratorin in Istanbul: "Es gibt diese Bedrohung, die überall ist, aber sie ist nicht so sichtbar und zielgerichtet. Es gibt auch keine richtigen Kriterien; wen wird es treffen? Es ist eine obskure Drohung, die Du fühlst, aber der Du Dich nicht unbedingt beugen musst."

Wichtigster Mäzen des Landes in Haft

Und damit wird Kunst schnell zum Risiko: Was passiert, wenn Kunstförderer gegen die politische Marschrichtung agieren, zeigt am besten der Fall von Osman Kavala. Auch er ist Unternehmer - vor allem aber hat er durch seine Stiftung Anadolu Kültür den Dialog zum Beispiel zwischen Kurden und Türken gefördert. Doch in den Augen des Staates finanziert er keine Kultur, sondern Terrorismus. Deswegen sitzt der wichtigste unabhängige Mäzen der Türkei seit mehr als einem Jahr in Untersuchungshaft. Was international zum Aufschrei führte, hat die Kulturszene stark verunsichert.

Hinter vorgehaltener Hand heißt es sogar, dass einer der beiden größten Konzerne des Landes den Kontakt zu Kavalas Stiftung meide. Sicher ist sicher. Kavalas Fall schreckt auch die Kunstschaffenden selbst immer mehr ab, sagt Kunstkritiker Kültigin Kağan Akbulut: "Die Menschen verlieren den Glauben und die Hoffnungen in dieses Land und wollen dafür auch nichts mehr machen. Künstler fragen sich: 'Was soll ich mit meiner Kunst noch provozieren und dadurch etwas verändern wollen?'"

Kurdische Künstler sind auf dem Rückzug

Vor allem kurdische Künstler ziehen sich zurück. Die großen Unternehmen finanzieren Projekte zu kurdischen Themen - oder gar in kurdischer Sprache - fast gar nicht mehr. Die Erfahrung machte auch Bilal Korkut. Er ist Kurde, kam vor zwei Jahren aus der Südosttürkei nach Istanbul, um Kunst und Theater zu machen. Seine Bilanz: Enttäuschung pur. "Die Institutionen, die Kunst sponsern sind nicht ausreichend unabhängig. Alle haben eine Verbindung zu einer Partei oder einer Organisation. Jemand wie ich, der unabhängige Kunst machen will, kann eine Zusammenarbeit nicht akzeptieren."

Bilal und sein Team hatten große Pläne: Sie wollten das erste Internationale Kurdenfilmfestival in Istanbul veranstalten. Doch dann kam alles anders. Als sie mit ihrem Konzept auf Sponsorensuche gingen, reklamierte das Mesopotamische Kulturzentrum MKM die Idee für sich. Zwar baten sie Bilal an, für ihn zu arbeiten, doch der winkte ab. Die Institution ist in Deutschland wegen Verbindungen zur Terrororganisation PKK verboten und gilt auch in der Türkei als anrüchig.

Zeitgenössische Kunst spielt kaum eine Rolle

"Wir hatten auch Angst, dass die Regierung das Projekt verbieten würde. Aber dann ist etwas Interessantes passiert: Sie haben es allein gemacht und es gab keine Hindernisse". Bilal glaubt, dass das MKM das Festival ohne Probleme aufführen konnte, weil sie es so klein machten, dass kaum jemand in Istanbul davon erfuhr. Ähnlich ergehe es selbst der großen zeitgenössischen Kunst, schätzt Kunstkuratorin Eda: "Zeitgenössische Kunst und das Interesse daran sind so klein in der Türkei. Und deswegen berührt es die Macht der Regierung im Grunde gar nicht."

Viel wichtiger sind für die Regierung Film und Fernsehen. Hier investiert der Staat und fördert vor allem Projekte, in denen das Osmanische Reich verherrlicht wird. Moderne Kunst dagegen will provozieren. Das gilt auch in der Türkei. Aber viele Künstler haben mit Provokation schlechte Erfahrungen gemacht haben, sagt Kunstkritiker Kültigin Kağan Akbulut: "Die Menschen wissen mittlerweile, dass sich aus Empörung beispielsweise AKP-Anhänger noch enger zusammenschließen und sich noch weiter radikalisieren. Deshalb bevorzugen sie mittlerweile eine Ausdrucksweise, die nicht so scharfzüngig ist, sondern versöhnlicher."

Die Grenze zur Selbstzensur ist fließend. Das gilt in der Türkei für Künstler und deren Sponsoren - und hat mit freier Kunst nichts mehr zu tun.

Unsere Fazit-Reihe "Kultursponsoring"

Kultursponsoring in Russland - Finanzierung bei patriotischer Grundhaltung
(Deutschlandfunk Kultur, Fazit, 21.04.2019)


(Deutschlandfunk Kultur, Fazit, 20.04.2019)

Kultursponsoring in Los Angeles - Kritik am Einfluss der Reichen wächst
(Deutschlandfunk Kultur, Fazit, 19.04.2019)

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