Kulturaustausch am Bosporus

Außenminister Westerwelle mit seinem türkischen Amtskollegen Davutoglu bei der Einweihung der Kulturakademie © picture alliance / dpa Foto: Tim Brakemeier
von Angelika Ludwig · 21.12.2012
Im Herbst 2011 eröffnete in Istanbul die erste Deutsche Kulturakademie. Die weiße Villa am Bosporus war einst Sommerresidenz des deutschen Botschafters. Sultan Abdulhamid II. hatte sie dem deutschen Kaiser im Jahr 1880 geschenkt. Jetzt ist sie ein Ort der Inspiration für Kulturschaffende aus Deutschland.
Die Kulturakademie hat einen tollen Start hingelegt. Der Kulturaustausch ist schon nach wenigen Monaten in vollem Gange. Mit viel Engagement setzte sich Claudia Hahn-Raabe, die Leiterin des Goethe-Instituts in Istanbul, für die Gründung ein. Sie hatte eine Vision:

"Die Vision, dass die Menschen nicht nur reinkommen in die Stadt und gleich wieder verschwinden, sondern dass sie die Chance haben mit den Kulturschaffenden zusammenzuarbeiten. Denn erst dann findet die wirkliche Begegnung statt. In der gemeinsamen Arbeit."

Marc Sinan sammelt Klänge. Er reist durch die Türkei auf der Suche nach traditioneller Musik, einer wichtigen Inspirationsquelle für seine eigenen Kompositionen, einer Mischung aus orientalischer Tradition, europäischer Klassik und Jazz. Der Mittdreißiger studierte unter anderem in Salzburg und Boston Gitarre und spielte schon auf vielen Konzertbühnen. Er vereint beide Kulturen in sich, die Mutter ist Türkin, der Vater Deutscher.

"Für mich ist das ein großes Geschenk, dass ich hier sein kann. Vor allem, weil ich vorher nie die Gelegenheit hatte, in der Türkei zu leben. Ich hab die Türkei immer als Tourist besucht. Es ist so, dass es sich sehr glücklich gefügt hat, dass ich gerade ein großes Musiktheaterprojekt vorbereite, was im Herbst 2013 in der Schaubühne laufen soll und in Hellerau, ist ein Auftrag aus Hellerau, in Dresden, also Festspielhaus Hellerau. Das ist ein Musiktheater unter dem Titel ‚Dede Kurtouk’, das sich einem der großen zentralasiatischen und türkischen Nationalepos ‚Dede Kurtouk’ widmet."

Marc Sinan bewohnt ein geräumiges Apartment in der weißen Villa der Kulturakademie im Istanbuler Stadtteil Tarabya. Notenblätter liegen auf dem Tisch, die Gitarre und ein Klavier stehen in einer Ecke, seine Espressomaschine hat er aus Deutschland mitgebracht. Ab und zu treffen sich die fünf Stipendiaten zum Plausch oder einem Spaziergang in dem kleinen Wäldchen auf dem Grundstück der Akademie. Auch Nachwuchsautorin Marianna Salzmann ist dabei. Mit ihrem ersten Theaterstück "Weißbrotmusik" hatte sie 2010 gleich einen Volltreffer gelandet. Eine Geschichte über Freundschaft, Liebe und Versagen junger Leute mit sogenanntem ‚Migrationshintergrund’ in Deutschland. Claudia Hahn-Raabe erzählt:

"Wir haben das Stück ´Weißbrotmusik` ins Türkische übersetzen lassen, und eine türkische Regisseurin hat mit Schauspielern dieses Stück einstudiert und hier präsentiert. Es war unglaublich, in dem Theater, das war überfüllt, 50 Leute mussten wir wegschicken, denn jeder war neugierig, wer sind denn diese Stipendiaten, und sie hat einen bombastischen Erfolg gehabt hier."

Marianna Salzmann, 1985 in Wolgograd geboren, ist in Moskau aufgewachsen, zum Studium nach Deutschland gekommen; sie lebt in Berlin, hat einige Zeit als Dramaturgin gearbeitet und schreibt jetzt Theaterstücke. Noch bis März wird sie in der Kulturakademie sein. Ein Fenster in ihrem Apartment gibt den Blick frei auf die Ozeanriesen, die täglich die Wasserstraße zwischen dem Schwarzen Meer und dem Marmarameer befahren. Marianna Salzmann sagt, sie habe sich schnell eingelebt in Istanbul.

"Ich habe ja viele Freunde in Berlin, die hier Leute kennen. Ich wollte sofort in die politischen Kreise, wo Aktivisten und Journalisten arbeiten, und dann geht es natürlich sehr schnell. Und die Theaterszene, mit der hat mich das Goethe-Institut sehr gut verlinkt, und da sind ja auch extrem politische Leute, solange es die freie Szene hier ist."

Die Kulturakademie war lange umstritten. Unter Außenminister Walter Steinmeier entstand der Plan einer Künstlerakademie. Sein Nachfolger Guido Westerwelle entschied sich 2010 ohne Absprache dagegen. Er schlug eine Mischnutzung für Veranstaltungen vor. Das wiederum verstimmte die türkische Regierung. Das Villengelände war zwar 1880 ein Geschenk vom osmanischen Sultan an die Deutschen, jedoch an eine diplomatische Nutzung gebunden. Nach vielen Diskussionen im Bundestag fiel dann im September 2012 der Startschuss für die Kulturakademie Tarabya, und Marc Sinan, Marianna Salzmann sowie drei weitere Stipendiaten zogen ein. Dass Tarabya 20 Kilometer von der pulsierenden Innenstadt Istanbuls entfernt liegt, empfinden die Stipendiaten übrigens keinesfalls als Hindernis. Sie genießen das hektische Stadtleben ebenso wie die Ruhe in Tarabya.

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