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Diskurs | Beitrag vom 14.03.2021

Kultur im LockdownSilberstreif am Horizont?

Moderation: Hans Dieter Heimendahl

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"Wir freuen uns auf Sie in 2021" steht an der geschlossenen Schaubühne in Berlin.  (imago images / IPON)
Berliner Schaubühne im Lockdown: Das Kulturleben unter Pandemie-Bedingungen hochzufahren, ist eine Herausforderung. (imago images / IPON)

Ein Jahr nachdem überall die Vorhänge fielen, geht es wieder los, unser kulturelles Leben. Doch in welchem Zustand sind die Institutionen und Akteure nach der langen Zwangspause? Und welche Hilfen brauchen sie, um dauerhaft zu Kräften zu kommen?

Die Museen und Galerien dürfen schon wieder öffnen, am 22. März könnten Theater, Kinos, Konzert- und Opernhäuser folgen – sofern die Inzidenz in den entsprechenden Regionen unter 100 liegt und die Hygienekonzepte überzeugen.

Doch die Lage bleibt angespannt. Denn es ist nicht leicht, das Kulturleben unter Pandemie-Bedingungen hochzufahren. Gerade hat der Bund eine zweite Milliarde für die Neustarthilfe zur Verfügung gestellt – die Kulturschaffenden sollen so gut es geht unterstützt werden. Wird jetzt alles wieder so, wie es war?

Der große Schaden

Kurz vor dem erhofften Kultur-Comeback zeigt sich, in welchem Ausmaß die Kreativbranche Federn gelassen hat.

Kulturministerin Monika Grütters hat es schwarz auf weiß: "Wir haben eine Studie, die europaweit die Situation überprüft hat. Und die kommt zu dem Ergebnis, dass die Kulturszene, neben der Luftfahrt, am stärksten betroffen ist. Und innerhalb des Kulturbetriebs sind es die darstellenden Künste, die in ihrem Lebensnerv wirklich verletzt wurden. Die haben ein Minus von 90 Prozent."

Das Künstlertum, sagt Monika Grütters, habe einen großen "gesamtgesellschaftlichen Wert".

Und diese Sonderstellung müsse man unbedingt betonen: "Ich fände, ein 'Staatsziel Kultur' im Grundgesetz wäre ein deutliches Bekenntnis: Der Staat schützt und fördert die Kultur. Das als Staatsziel zu formulieren, könnte als Ergebnis dieser Krise das Bewusstsein für den Wert dieses Berufsstandes, egal welcher Sparten, schärfen."

Abgründe des Kulturbetriebs  

Finanzielle Zuwendungen vom Staat sollen die extremen Verwüstungen in der Kulturbranche lindern. Aber diese Hilfe kommt oft nicht an. Die freischaffende Schauspielerin Julischka Eichel hat auf nachtkritik.de einen offenen Brief an Kulturministerin Grütters geschrieben: "Wir sind nicht gerettet!"

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In der Pandemie zeigen die zahlreichen prekären Beschäftigungsverhältnisse im Kulturbetrieb ihre Defizite mit voller Wucht: Viele Künstler sind arbeitsrechtlich nicht einzuordnen und gehen leer aus. Sie profitierten weder von November-, noch von Dezember- auch nicht von Erst- oder Neustarthilfen. Die Folgen sind finanzielle Not und zermürbende Kämpfe mit Arbeitsagenturen und Rentenkassen.

"Das ist eine richtige Katastrophe", sagt Julischka Eichel. "Ich glaube, es liegt am Charakter des Schauspielers. Man vergisst das immer so schnell, solange man wieder spielt oder irgendwie zu tun hat. Aber unsere Verträge müssen anders werden. Ganz dringend anders!"

Dafür müsse man aber auch kämpfen, mahnt Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, "und sich zusammenschließen." Nur so ließen sich Arbeitsbedingungen verändern.

Das hätten die Orchestermusiker mit ihrer "Orchestervereinigung" gezeigt: "Es ist ja doch erstaunlich, wie unterschiedlich die Tarife sind. Orchestermitglieder verdienen völlig anders als Schauspieler verdienen. Und das liegt nur an dieser Frage, dass man sich in Organisationen verbündet."

Staatliche Häuser öffnen

Im Rückblick wird sich die Pandemie vielleicht nicht nur als bloße Zäsur, sondern als Transformationsprozess im Kulturbetrieb darstellen – auch was die Nutzung von staatlich subventionierten Häuser angeht. Der Kulturjournalist Tobi Müller stellt die Frage nach strukturellen Reformen.

Wenn Gelder fehlen und Veranstaltungsorte schließen, müsse man vieles neu denken: "Was ist eine öffentliche Institution? Soll sie nur ganz eng einer Sparte verpflichtet sein oder muss sie sich auch öffnen, anderen Künsten gegenüber? Können wir das vielfältiger und hybrider gestalten? Das sind Diskussionen, die schon lange laufen, die jetzt aber an Fahrt aufnehmen müssten."

Auch Monika Grütters kann sich Verträge mit Stadt- und Staatstheatern vorstellen, die Kultur durchlässiger machen würden: "Dass wir die Institutionen verpflichten, zu einem bestimmten Anteil auch auf freiberufliche Künstler oder andere Gruppen Rücksicht zu nehmen. Und sie einzubeziehen in ihren staatlich subventionierten Betrieb."

Weitere Anreize, damit es sich lohnt

Um die Kulturwirtschaft wieder in Schwung zu bringen, sei die Neustarthilfe des Bundes das richtige Signal, sagt Olaf Zimmermann. Damit Veranstaltungen aber geplant und auch durchgeführt werden, sind noch weitere Anreize notwendig – wie etwa ein Wirtschaftlichkeitsfonds.

"Wenn die Kultureinrichtungen wieder ein bisschen öffnen dürfen – unter Pandemie-Bedingungen – dann rechnet sich das für viele Veranstalter nicht", sagt er. "Besonders nicht für die, die sich am freien Markt behaupten müssen. Das heißt, es muss Zuschüsse geben, damit sie überhaupt öffnen."

Beim Kulturpolitischen Salon im Deutschen Theater diskutierten:

Monika Grütters – Staatsministerin für Kultur und Medien
Julischka Eichel – Schauspielerin
Olaf Zimmermann – Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates
Tobi Müller – Kulturjournalist

Die Aufzeichnung fand am 12. März im Deutschen Theater Berlin statt.

Der Kulturpolitische Salon ist ein Diskussionsforum in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Bühnenverein, dem Deutschen Kulturrat und Deutschlandfunk Kultur.

(tif)

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