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Religionen / Archiv | Beitrag vom 23.10.2010

Kulte oder Neureligionen?

Ein Blick auf den "neuen" Religionsmarkt

Von Thomas Kroll

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Blick auf den Eingang des neuen Scientology-Hauptquartiers in Berlin (AP)
Blick auf den Eingang des neuen Scientology-Hauptquartiers in Berlin (AP)

Seit 2007 veröffentlicht der Verlag der Weltreligionen nach und nach die wichtigsten Texte der religiösen Weltliteratur in deutschen Übersetzungen. Seit Mitte September liegt ein neuer Band vor mit dem Titel "Neureligionen und ihre Kulte".

"Deutschland ist ein Einwanderungsland, und dadurch werden wir in einem ungeahnten Ausmaß mit anderen Überzeugungen und auch fremden Religionen konfrontiert."

Michael Utsch von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. Der Theologe und promovierte Psychologe ist überzeugt: Wir müssen wissen, was Einwanderer glauben. Nur dann gelingt das Zusammenleben in einer multikulturellen Gesellschaft.

"Wir brauchen da sehr viel mehr Informationen, weil wir durch die Migranten mit koreanischem Christentum und asiatischen Meditationstechniken oder auch anderen neureligiösen Überzeugungen konfrontiert werden."

Fundierte Informationen bieten zahlreiche Publikationen aus dem Verlag der Weltreligionen. Religionen der Antike kommen ebenso in den Blick wie religiöse Bewegungen der Moderne. Letzteren widmen Douglas Cowan und David Bromley einen eigenen Band mit dem Titel "Neureligionen und ihre Kulte". Die beiden Religionswissenschaftler aus Kanada und den USA schreiben:

""Neue Religionen werden häufig mit Skepsis betrachtet, wenn ihre religiösen Grundüberlegungen sich von denen der dominanten religiösen Tradition in einer bestimmten Gesellschaft unterscheiden. In diesem Buch nehmen wir den Standpunkt ein, dass die Anhänger neuer Religionen genauso ernst genommen werden wollen (und sollten) wie jeder andere religiös Gläubige.""

Auf gut dreihundert Seiten stellen Cowan und Bromley acht Neureligionen vor. Darunter findet man die Transzendentale Meditation des Maharishi Mahesh Yogi ebenso wie die Vereinigungskirche des Sun Myung Moon und das moderne Hexentum.

Drei Leitfragen strukturieren die acht Porträts:
Wer sind die Gründer der Bewegung, und wodurch gelangten sie zu ihren Überzeugungen? Was sind Kernelemente ihrer Lehren und ihrer Praxis? Wie gewinnen sie Anhänger, und wie organisieren sich diese?

Ein Beispiel: Scientology.

""Scientology beginnt mit Lafayette Ronald Hubbard. Für fromme Scientologen ist Hubbard der Gründer ihrer Praxis, der Autor ihrer heiligen Schriften, der Prüfstein des Glaubens und der Garant der Erlösung. Für andere jedoch ist er nichts als ein Schwindler und spiritueller Wichtigtuer.""

Zentrales Ritual ist das Auditing. Mit Hilfe von Fragen und Anleitungen sowie eines Elektropsychometers will man Gemeindemitglieder vom negativen Einfluss vergangener Erfahrungen befreien.

""Sobald man 'Clear' ist, kann der Aufstieg zu den 15 oberen Stufen beginnen. Diese Auditing-Kurse für Fortgeschrittene werden weltweit nur an wenigen, ausgewählten Zentren angeboten und haben Lehren zum Gegenstand, welche die Kirche ihren ergebensten Anhängern vorbehält.""

"Scientology ködert die Leute ja mit einem Persönlichkeitsfragebogen und der Message: Mach mehr aus deinem Leben! Es ist im Grunde ein Therapieprogramm, was sie anbieten. Durch teure Kurse sollen sie lernen, ihre Schattenseiten besser zu integrieren und ihre Persönlichkeit mehr zu entfalten. Aus psychologischer Sicht ... sind diese Verfahren und Kurse wirkungslos."

Michael Utsch. Solch klare Urteile findet man bei Cowan und Bromley nicht. Die Religionssoziologen beschränken sich auf das Beschreiben von Lehren und Praxis.

Dabei kommen immer auch Kontroversen in den Blick zwischen den neureligiösen Minderheiten und der jeweiligen Mehrheitsgesellschaft. So kämpfen zum Beispiel alle neureligiösen Bewegungen um ihre Anerkennung als Religion – und sind dabei unterschiedlich erfolgreich.

Nochmals das Beispiel Scientology: Als religiöse Organisation genießt sie in den USA Steuerfreiheit, in Deutschland hingegen wird sie als verfassungsfeindlich eingestuft.

"Ich finde es wichtig zu wissen, dass zum Beispiel Hubbard gesagt hat, dass in seiner Vorstellung einer Gesellschaft nur Scientologen das Wahlrecht haben dürfen, dass also Religion zu einem elitären Denken führt bei Scientology, was problematisch ist."

Der vorliegende Band erschien 2007 unter dem Titel »Cults and New Religions«, zu deutsch: Kulte und Neureligionen. Hintergrund: In den USA werden neue religiöse Bewegungen oft abschätzig als »cults« bezeichnet, als Sekten. Cowan und Bromley hingegen plädieren dafür, sie als Neureligionen zu betrachten. Hilfreich ist ihnen dabei der sehr weit gefasste Religionsbegriff des US-amerikanischen Philosophen und Psychologen William James. Der definiert:

""Religiöses Leben ist 'die 'Überzeugung, dass es eine unsichtbare Ordnung gibt und dass unser höchstes Gut in einer harmonischen Anpassung an diese liegt'.""

Bei ihrem Plädoyer haben die Autoren vor allem den amerikanischen Religionsmarkt im Blick. Viele der Bewegungen spielen in Deutschland keine Rolle mehr.

Wer sich aber grundsätzlich für neue religiöse Bewegungen interessiert, insbesondere für deren Entstehen, Verbreiten und daraus resultierende Kontroversen, findet in dem gut lesbaren Buch reichlich Stoff und fundierte Einblicke.


Douglas Cowan / David Bromley: Neureligionen und ihre Kulte
Verag der Weltreligionen
322 Seiten, 26,90 Euro

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