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Zeitfragen | Beitrag vom 23.10.2019

KünstlerkolonienAuf der Suche nach dem Rhythmus des Lebens

Von Elisabeth Nehring

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Historisches Foto vom einstigen zentralen Gebäude der Aussteiger-Kolonie auf dem Monte Verità am Lago Maggiore. (Picture Alliance / Ticino Turismo)
Auf dem Monte Verità in der Schweiz versuchte man alternative Lebensgemeinschaften, jenseits des städtischen Lebens zu etablieren. (Picture Alliance / Ticino Turismo)

Sich bewegen, Körper und Geist weiterentwickeln – am besten im Einklang mit der Natur. Immer wieder ziehen Menschen aufs Land, um in Künstlerkolonien zusammen zu leben, wie der Schweizer Monte Verità. Der Wunsch nach Selbstverwirklichung hat aber auch Tücken.

Ein viereckiger Raum, 250 qm groß und weit. Holzbalken tragen das sechs Meter hohe, spitz zulaufende Dach, großzügige Fenster lassen die umgebende Natur und viel Licht und Sonne in den Innenraum. Das große Studio der Organisation Ponderosa ist ausgestattet mit Tanzteppich und Sprungboden, es ist in das obere Geschoss eines ehemaligen Kuhstalls gebaut. Alle, die es im Sommer auf das Gut Stolzenhagen zieht, haben dort schon einmal einen Bewegungsworkshop gemacht: Yoga, Body-Mind-Centering, Authentic Movement oder eine der vielen anderen somatischen Praktiken, die in der zeitgenössischen Tanzszene gerade en vogue sind. Und natürlich: Contact Improvisation!

Schwerkraft und Balance, Leichtigkeit und Stabilität sind die Elemente, die dieses freie Miteinander-Tanzen ausmachen. Tänzerinnen und Tänzer bewegen sich fließend – einzeln, zu zweit, über- und untereinander. Sie springen, rollen über den Boden, heben sich gegenseitig, balancieren miteinander, nehmen mit ihrem ganzen Körper das Gewicht des Gegenübers an oder überlassen sich ganz der Schwerkraft.

"Für mich bedeutet Contact Improvisation: in einem öffentlichen Raum zusammen sein und zusammen tanzen – und zwar mit allen, die dabei sein wollen, auch mit den seltsamsten Typen. In den Contact Improvisation-Sessions verhandeln wir jedes Mal aufs Neue, wie wir zusammenkommen und was wir machen wollen. Das fasziniert mich auch nach all’ den Jahren immer wieder! Jeder kann kommen und mitbringen, was er hat, was er ist, was er will. Das macht die Schönheit und Lebendigkeit dieser Art zu tanzen aus."

Ponderosa auf einem ehemaligen LPG-Gelände

Zusammen mit ihrem Mann Uli Kaiser hat Stephanie Maher vor 20 Jahren Ponderosa gegründet. Die heute 54-jährige, vor Energie sprühende Tänzerin und Choreografin, kam in den 90er-Jahren aus San Franzisco nach Berlin. Die Freiheit, die Brachen, die noch ungenutzten Räume, der viele Platz – all das faszinierte die damals noch jungen Wilden Stephanie Maher und Uli Kaiser am Ostteil der Stadt. Noch mehr davon fanden sie in Brandenburg – auf einem abgelegenen LPG-Gelände in der Nähe der Oder.

Ammenkühe stehen im Morgennebel auf einer Weide im Nationalpark Unteres Odertal in Lunow-Stolzenhagen in Brandenburg, aufgenommen am 22. August 2019. (imago images/tagesspiegel/Kitty Kleist-Heinrich)Nationalpark Unteres Odertal: Unbeschreibliche Stille in Stolzenhagen. (imago images/tagesspiegel/Kitty Kleist-Heinrich)
Der kleine Ort Stolzenhagen liegt kurz vor der polnischen Grenze, inmitten hügeliger Landschaft am Rande eines Natur- und Vogelschutzgebiets. Autoverkehr hört man kaum, die Straße endet hier; wer weiter will zur Oder, muss zu Fuß gehen oder das Fahrrad nehmen. Die Stille in Stolzenhagen – sie ist unbeschreiblich.

Das dazugehörige Gut auf dem ehemaligen LPG-Gelände liegt auf einem Hügel. Architekten und Möbeldesigner haben sich im Laufe der vergangenen 20 Jahre die alten Gebäude um- und ausgebaut. Überall duftet und blüht es; es wird leise gehämmert, gelegentlich gesägt, gelötet und geschraubt. Ein Ort, paradiesisch, aber nicht frei von Konflikten, fernab der Großstadt und in andauernder Veränderung begriffen.

Ein Ort der bunten Mischung

Hier haben Stephanie Maher und Uli Kaiser mit Hilfe vieler Freundinnen und Kollegen 1999 Ponderosa gegründet – einen, so die offizielle Bezeichnung heute, "international art space", der vor 20 Jahren sprichwörtlich aus Ruinen erwachsen ist.

"Diese Chance zu haben, hier aus dem Nichts in den Ruinen von diesem Gut einen Tanzboden zu bauen – das hatte was total Utopisches, Faszinierendes. Es ging alles ohne Geld – wir sind hier ein Wochenende rausgefahren, haben das Heu aufgeräumt und saubergemacht und angefangen, diesen ersten Tanzboden zu legen. Und von da an war ich dabei."

Heute kommt in der großen Gemeinschaftsküche eine bunte Mischung von Leuten zusammen: erfahrene Choreografen wie Peter Pleyer, angehende Tanzkünstlerinnen, junge Kunsthochschulabsolventen. Leute, die lange auf der Bühne gestanden oder ihr Leben lang selbst unterrichtet haben, aber auch viele, die professionell gar nichts mit Tanz zu tun haben, sich aber leidenschaftlich gerne bewegen.

Laut, leise, extrovertiert, zurückhaltend, konventionell, queer – Ponderosa ist ein Raum der Möglichkeiten, an dem morgens im Studio und nachmittags im Garten gearbeitet wird, an dem es abends Partys und Filme gibt – und rund um die Uhr Gespräche über Tanz und Choreografie, aber auch Genderfragen, queere Lebensformen oder darüber, was der Tag an physischem und psychischem Erleben gebracht hat. Ein Ort in der brandenburgischen Provinz, an dem das Politische körperlich und verbal verhandelt wird: Wie können wir einen Raum teilen und uns nahe kommen, ohne unsere individuellen Grenzen zu überschreiten? Was bedeutet es, jemanden intentionslos zu berühren? Wann beginnt Manipulation? Wer gehört dazu, wer ist ausgeschlossen? Fragen, die mit jeder neu ankommenden Gruppe neu austariert werden müssen.

Es geht undogmatisch, aber nicht ohne Regeln zu: In gut organisierten Schichten wird vegetarisch und vegan gekocht und zu festen Zeiten gemeinsam gegessen. Die Workshops und Tanzsessions aber können schon einmal die ganze Nacht dauern.

"In Ponderosa gibt es nicht nur einen Weg, Kunst zu machen, stattdessen fassen wir den Begriff der künstlerischen Arbeit sehr weit. Dabei glaube ich überhaupt nicht an pädagogische Konzepte. Ich habe viele Leute gesehen, die im Laufe der Zeit große Veränderungsprozesse durchlaufen haben – vom Choreografen zum Musiker bis zum Koch. Hier ist es möglich, all’ das nacheinander oder gleichzeitig zu sein – für alle Ideen und Vorstellungen, die Menschen von sich selber haben, ist Platz – seien sie auch noch so wandelbar oder extravagant. Ponderosa steht ganz unter dem Einfluss von Josef Beuys´ Denken: Jeder Mensch ist ein Künstler."

Der Mensch als Künstler – und Tänzer

Der von Stephanie Maher zitierte Satz – "Jeder Mensch ist ein Künstler" – hat sicherlich nicht nur einen, aber er hat einen ganz berühmten Vorläufer. Bereits ein halbes Jahrhundert vor Josef Beuys proklamierte der österreichische Choreograf Rudolf von Laban: "Jeder Mensch ist ein Tänzer!"

Den 1879 in Pressburg geborenen Laban führte sein unstetes Leben an zahlreiche Orte, unter anderem in zwei Künstlerkolonien, die Geschichte geschrieben und – bei allen Unterschieden jede auf ihre Art – Ähnlichkeiten mit Ponderosa haben: das britische Dartington Hall im Südwesten Englands und der Monte Verità, den berühmten Schweizer "Berg der Wahrheit" in der Nähe des Städtchen Ascona, zu dessen Füßen sich der Lago Maggiore erstreckt.

Undatiertes Foto von Tänzerinnen der Laban-Schule Perottet in Zürich. Ein Schwarzweißfoto, auf dem Frauen tanzen. (picture-alliance / akg-images)Undatiertes Foto von Tänzerinnen der Laban-Schule Perottet in Zürich. Aus: Rudolf Laemmel, „Der moderne Tanz. Berlin- Schoeneberg“, (Peter J. Oestergaard Verlag) (picture-alliance / akg-images)
1913 kam Rudolf von Laban das erste Mal in die Siedlungsgemeinschaft auf dem Monte Verità, die rund zehn Jahre zuvor von den beiden Idealisten Ida Hofmann und Henri Oedenkoven sowie den Brüdern Gusto und Karl Gräser gegründet worden war. Die waren inzwischen verstritten und der Monte Verità hatte schon viele Künstlerinnen und Sinnsucher kommen und gehen sehen. Was blieb, war der beständige Versuch, alternative Lebensgemeinschaften jenseits des städtischen Lebens zu etablieren.

Zur Verwirklichung der Utopie eines anderen, freieren Lebens ging, wanderte und tanzte man in losen Gewändern oder sogar nackt, schlief in einfachen Holzverschlägen, sogenannten Lichtlufthütten, setzte die Haut zur Heilung von Zivilisationskrankheiten intensiver Sonneneinstrahlung und den gesamten Körper den Elementen aus. Der Choreograf Rudolf von Laban war mit seiner Auffassung vom freien Tanz an diesem Ort genau richtig.

Ein Schwarzweißfoto des ungarischen Tänzers und Tanzpädagoge Rudolf von Laban in einer Aufnahme vor dem Zweiten Weltkrieg. (picture alliance/dpa/Bildarchiv)Der ungarische Tänzer, Choreograph und Tanzpädagoge Rudolf von Laban lehrte in den 30er-Jahren auch in Berlin. (picture alliance/dpa/Bildarchiv)
Rudolf von Laban: "Die Leute müssen vor allem aus der Stadt heraus und (...) ein ganz anderes Leben führen. Sie müssen neben der Kunst eine gesunde Arbeit betreiben, am besten Gartenbau oder Landwirtschaft. Die künstlerische Arbeit muss in Form und Inhalt aus der Gemeinschaft herauswachsen, zu der ich sie zusammenführen will."

Heilung, Befreiung von zivilisatorischen Zwängen, Harmonie mit der Natur und dem Kosmos – die Suche nach der Wahrheit, die dem Ort seinen Namen gab, nahm auf dem Monte Verità verschiedene, zum Teil auch obskure und dogmatische Formen an, vor allem aber wurde sie körperlich betrieben. Ein historisches Foto zeigt eine posierende Tänzerinnengruppe am Lago Maggiore vor der beeindruckenden Kulisse der umliegenden Schweizer Berglandschaft: 

Ganz rechts Rudolf von Laban in cognacfarbenem, um den Körper drapiertem Gewand und mit einem Tuch um den Kopf. An der siegreich erhobenen Hand hält er eine nackte Tänzerin, die Hüfte wiegend, den Torso zur eleganten S-Form gebogen, das rechte Bein leicht nach vorne und schräg gestellt. Sie ist sehr braungebrannt, anders als ihre Kollegin links von ihr, die eine ähnliche geschwungene Position einnimmt, aber ganz weiße Haut hat und aus einem Jugendstilgemälde entsprungen scheint. Die Gruppe, zu der noch weitere Personen in Bewegung gehören, signalisiert: Freie Körper, freie Bewegung. Licht, Luft, Leben, Sonne!

Von Anfang an nahm die tänzerische Bewegung in der Philosophie des Monte Verità eine Schlüsselstellung ein. Zur beabsichtigten Reinigung von Körper, Geist und Seele betrieb man seit der Gründung der Kolonie Eurythmie, zelebrierte eigens entwickelte, mitunter verklärte Naturrituale oder versenkte sich in esoterische Jahreszeiten- und Lichtgebete. Als Laban seine Sommerschule hier eröffnete, sprach er vom "freien Tanz eines schönen Lebens".

Ob es ein Kieselstein war, der in der Sonne blinkte, der wippende Schwanz eines Vogels oder die in der Nacht aufglühenden Augen einer Katze, eine am Weg verlorene Haarnadel, eine zerfallende Mauer oder ein frisch gestrichener Gartenzaun – war man erst einmal offen dafür, so ließ sich alles in Tanz verwandeln. (Mary Wigmann)

Die auch in heutigen Künstlerorten wie Ponderosa praktizierte Offenheit gegenüber einer Vielzahl von eigentlich tanz-fernen Inspirationen war eine der Voraussetzungen für den freien Tanz Rudolf von Labans, wie es seine Schülerin Mary Wigman beschreibt, die später in den 30-Jahren eine der bedeutendsten Ausdruckstänzerinnen werden sollte. Dagegen war – genau wie heute in vielen Contact Improvisation-Sessions – Musik nicht erwünscht.

Schüler und Schülerinnen der Protagonistin des Ausdruckstanzes, Mary Wigman, beim "Instrumententanz".  (picture alliance/dpa/Bildarchiv/DB)Schüler und Schülerinnen der Protagonistin des Ausdruckstanzes, Mary Wigman, beim "Instrumententanz". (picture alliance/dpa/Bildarchiv/DB)
Stattdessen setzte Laban auf rhythmische Klänge: Handtrommeln, Tamburine, Gongs, Klappern, Schellen, Kastagnetten und Holzstücke sollten den Bewegungssinn aktivieren, das Körpergefühl sensibilisieren und zur freien Tanzimprovisation anregen. Ziel des Unterrichts war es, impulsiv und ganz aus dem Moment heraus die Tänzerinnen eigene Bewegungsrhythmiken und -dynamiken entwickeln zu lassen.

Die Sommerschule hat die Aufgabe, in alle Äußerungsformen des menschlichen Genius einzuführen und zielt auf eine allseitige, körperlich-geistig-seelische Erziehung.

Mit diesen Ideen passte Rudolf von Laban nicht nur hervorragend auf den Monte Verità, sondern auch in eine weitere Künstlerkolonie: Dartington Hall.

Im Südwesten Englands liegt das weitläufige Anwesen Dartington Hall – wie Ponderosa und der Monte Verità fernab des urbanen Lebens und ebenfalls auf einer Anhöhe. Der Weg vom benachbarten Städtchen Totnes dorthin führt über die sanften Hügel Devons immer bergauf – mitten durch die Natur mit ihren satten Grüntönen.

Oben angekommen fallen als erstes einige flache, Bauhaus-ähnliche Häuser ins Auge, dahinter steht man nach wenigen Schritten in der Mitte des riesigen Anwesens, einer beeindruckenden gotischen Gebäudegruppe aus dem 14. Jahrhundert, die sich im grauen Viereck um einen großzügigen, Rosen überwucherten Innenhof ordnet. Gavin Henderson war viele Jahre Direktor in Dartington Hall.

Menschen liegen in Liegestühlen vor dem gotischen Hauptgebäude von Dartington Hall. (Imago / Loop Images / Oliver Edwards)Heute ist Dartington Hall unter anderem Austragungsort eines Literaturfestivals. (Imago / Loop Images / Oliver Edwards)
"Im Mittelalter war Dartington ein sehr nobles Anwesen. Besucher, die durch den Bogengang in die Große Halle traten, bewunderten die Architektur und dachten oft, das müsse ein wundervolles Kloster oder eine Abtei sein. Aber Dartington war immer ein säkularer Ort. Angelegt wurde das Ensemble um die Große Halle für John Holand, den Bruder Richards des Zweiten – für Turniere, Spiele, Feste und Jagden. Alle, die immer von der Spiritualität Dartingtons schwärmen, irren sich. Dartington war niemals ein religiöser Ort."

Lebensfreunde und Exzentrik in Dartington

Im Gegenteil – seit der Gründung im Jahr 1926 durch das wohlhabende, freigeistige Ehepaar Elmhirst war Dartington Hall ein Ort, an dem lebensreformatorische, praktische, künstlerische und pädagogische Ideen zusammenkamen und sich zu einer ungewöhnlichen, gelegentlich auch exzentrischen Mischung ergänzten. Joe Richards, lange Dozent am später gegründeten Dartington College of Arts, hat Dorothy und Leonard Elmhirst noch persönlich kennen gelernt. 

"Die Elmhirsts hatten nicht nur die Großzügigkeit, sondern auch ausreichend Geld, viele Künstler aufzunehmen, die bereits vor dem Zweiten Weltkrieg in die Emigration gegangen waren. Sie waren Mäzene im alten Stil, ungefähr so wie die Medici, natürlich nicht ganz in dieser Dimension. Zu ihrer Zeit brummte es hier geradezu vor modernen Ideen, moderner Kunst, Musik und Choreografie."

Rudolf von Laban kam 1939 nach Dartington – 20 Jahre nachdem er das letzte Mal seine Sommerschule auf dem Monte Verità abgehalten hatte. Er war krank und ausgebrannt, traf aber auf eine Vielzahl von Künstlerkollegen wie die Choreografen Kurt Jooss und Sigurd Leeder, die in Dartington zusammen eine Schule für Tanz eröffnet hatten.

Hier üben bei gutem Wetter Tänzerinnen elegante Schwünge und Schrittfolgen, die Kurt Jooss für seine berühmte Choreografie "Der Grüne Tisch" entwickelt hat. Ihre männlichen Kollegen proben im eigens für den Choreografen gebauten Studio eine der Schlüsselszenen, in der Männer mit Masken anonyme Mächte darstellen, die leichtfertig über das Schicksal von Millionen entscheiden.

Das in Dartington entstandene Tanzwerk "Der Grüne Tisch" stellt den Ersten Weltkrieg als Klage und Totentanz dar; erarbeitet hat Kurt Jooss es jedoch an einem der schönsten Orte, an dem Künstler und Künstlerinnen in den 30er-Jahren gemeinsam lebten und arbeiteten. 

Progressiver Ort in konservativen Zeiten

Dartington war von Anfang an mehr als ein Ort für die Künste. Die Elmhirsts betrieben in Devon ein immenses Wiederaufbauprogramm für die zur damaligen Zeit völlig vernachlässigte Landwirtschaft und eröffneten außerdem eine Schule, in der sich Kinder – anders als in den sonst so strengen britischen Internaten – frei und ihrer Persönlichkeit gemäß entfalten konnten. John Sandford war dort in den 70er-Jahren Schüler.

"Das erste, was passierte, als ich mit 13 hier ankam, war, dass ich von meinem Zimmernachbarn eine Zigarette angeboten und gesagt bekam: ´Übrigens, du weißt, dass du hier nicht zur Schule gehen musst?!` Das stimmte aber nicht ganz, es wurde schon erwartet, dass man im Unterricht erscheint – wenigstens ab und zu. Auch sonst gab es einige Regeln, die Wichtigste aber war, die anderen zu respektieren."

Schülerinnen und ihre Lehrerin stehen im Kreis und halten einander an den Händen. (Picture Alliance / Mary Evans Picture Library)Schülerinnen der Dartington Hall School 1958 bei den Proben für eine Weihnachtsaufführung. (Picture Alliance / Mary Evans Picture Library)
Natur, Künste, Landwirtschaft und antiautoritäre Pädagogik – in Dartington existierte alles gleichzeitig und nebeneinander. Doch auch wenn die Elmhirsts mit ihrer Community bei Gästen, Eltern und den eigenen Arbeitern wegen der guten Produktions- und Lebensbedingungen sehr beliebt waren – der Großteil der Nachbarschaft beäugte das Treiben auf dem Hügel mit Misstrauen. Joe Richards:

"Dartington hatte den Ruf eines liberalen, links-gerichteten, nicht-christlichen Milieus, was in den Köpfen einiger Leute automatisch mit dem Kommunismus verbunden war. (...) Alles ´Internationale` hat die Leute in den 20er- und 30er-Jahren misstrauisch werden lassen, nach dem Motto: Vielleicht sind es deutsche Spione oder so etwas."

Darin ähneln sich die Künstlerkolonien von Monte Verità, Dartington und Stolzenhagen: Es waren und sind Orte, an denen Menschen aus urbanen Milieus im ländlichen Raum nach ihrem Rhythmus des Lebens suchen. Und auf den Argwohn der Landbewohner treffen, denen das Treiben oft so fremd ist wie die fernen Metropolen.

Erst Skepsis, dann Akzeptanz

In Dartington Hall schlug den Neuankömmlingen das Misstrauen ebenso entgegen wie auf dem Monte Verità; auch die Mütter und Väter des ostbrandenburgischen Guts Stolzenhagen haben Ende der 1990er-Jahre die Skepsis der Nachbarschaft erlebt. Doch während auf dem Monte Verità die Natur zwar zum Heiligtum erhoben wurde, die lokale Bevölkerung aber – zumindest am Anfang – völlig außen vor blieb, suchte man sowohl in Dartington als auch in Stolzenhagen die Zusammenarbeit zwischen ‚Alten und Neuen’, wie Ponderosa-Gründerin Stephanie Maher erzählt.

"Als wir hier ankamen, dachten die Leute aus dem Dorf, dass wir ein verrückter Kult sind. Sie waren komplett schockiert, als sie hörten, dass ich Amerikanerin bin und hier leben möchte. Als wir begannen, die Dächer und Häuser zu reparieren, waren sie erst sehr erstaunt, aber dann auch froh. Obwohl es sehr vernachlässigt war, hatte dieses Gut für die Menschen, die hier aufgewachsen waren und gearbeitet hatten, eine große Bedeutung. Das Vertrauen zwischen den Alteingesessen und uns baute sich langsam auf – wir brauchten ja auch Mitarbeiter und hier gab es viele Männer, die den ganzen Tag rumsaßen und Bier tranken, weil sie keine Arbeit hatten. Durch diese Menschen begannen unsere guten Beziehungen zum Dorf – denn sie verbreiteten die Nachricht, dass wir nicht verrückt, sondern ganz ok waren."

Dennoch liegen viele Jahre der Auseinandersetzungen hinter Ponderosa. Wie viel Platz braucht jeder Einzelne? Wie viel Beständigkeit und Ruhe oder Veränderung und Lebendigkeit braucht das Zusammenleben auf dem Land? Die Meinungen darüber gehen auf dem Gut Stolzenhagen heute noch weit auseinander.

Was alle, die von Anfang an dabei waren, miteinander verbindet, ist ihr Pioniergeist. Das urbar-machen des Landes und die Belebung einer vernachlässigten Gegend gehören zu den Gründungsmythen von Künstlerkolonien. Stephanie Maher.

"Auf den ehemaligen Schuttplätzen wächst jetzt der schönste Teil des Gartens. Hier haben wir Walnuss-, Eichen- und Pflaumenbäume, Sanddorn- und alle möglichen Beerensträucher gepflanzt. Es gibt Zucchini, Kartoffeln, Karotten und Kürbis und das Gewächshaus dort drüben ist immer voll mit verschiedenen Tomaten-Sorten. Alles, was hier wächst, ist für unsere Küche, aber wir versuchen, es nicht zu übertreiben."

Soziales Experiment im ländlichen Raum

Genau wie es in Dartington und in Labans Sommerschule auf dem Monte Verità praktiziert wurde, wird auch bei Ponderosa überwiegend mit dem gekocht, was der eigene Gemüseanbau hergibt. Das, was man sich zuführt, mit den eigenen Händen gesät und geerntet zu haben und auf diese Weise eine gewisse Kontrolle über seine Versorgung zu besitzen – auch das gehört, wie der Verzicht auf Fleisch, zur Philosophie ländlicher Kunst- und Lebensexperimente.

Sehr unterschiedlich ist, wie streng diese Praxis gehandhabt wird: für Labans Schülerinnen und Schüler waren praktische Tätigkeiten wie Jäten, Umgraben, Anpflanzen, Ernten und Einkochen obligatorisch. Bei Ponderosa dagegen muss niemand im Garten mitarbeiten. Doch viele, die aus der Stadt aufs Land kommen, wollen gerne helfen. Aber – können sie das auch?

"Unsere Besucher kümmern sich darum, die Pflaumen vom Baum zu holen; sie pflücken und lagern alles richtig, aber dann beschneiden sie die Bäume falsch. Oder sie wollen für alle ein nächtliches Ritual abhalten und zertrampeln dabei die jungen Pflanzen. Oder sie säen etwas, was gar nicht in den Garten passt. Wir machen alle so viele Fehler – und ich habe über die Jahre gelernt, das alles geschehen zu lassen."

Die Philosophie Stephanie Mahers ist gekennzeichnet von großer Offenheit und Toleranz. Das Undogmatische, Bewegliche, Fluide hat sie zum leitenden Prinzip Ponderosas gemacht, das, wie andere Künstlerkolonien, auch ein soziales Experiment im ländlichen Raum ist.

"Es gibt immer Reibungen und Konflikte zwischen denjenigen, die hier auf dem Gut leben, den Leute im Dorf und denen, die gerne kommen, aber dann auch wieder gehen. Da können ganz unterschiedliche Dynamiken entstehen. Die meisten, die hier leben oder länger bleiben, bemerken irgendwann: Ich brauche meine Privatsphäre, ein eigenes Zimmer, einen Ort, an den ich mich zurückziehen und dann wiederkommen kann."

Von den wenigen Regeln, die für das Leben auf Ponderosa gelten, sind – ähnlich dem pädagogischen Ansatz in Dartington – viele frei verhandelbar. Nicht gerade, was die Solardusche betrifft, in der man doch bitte ausschließlich Bioshampoo verwenden soll. Doch sonst darf vieles ungeplant und spontan entstehen.

Die Freiluftdusche auf dem Monte Verità. (Picture Alliance / akg-images / Jürgen Raible)Freiluftduschen wie diese hier auf dem Monte Verità gehören zum Standardinventar von Künstlerkolonien. (Picture Alliance / akg-images / Jürgen Raible)
"Die Leute kommen hierher und denken, oh, das ist eine tolle Alternative zum Leben in der Stadt – ein Paradies! Aber gleichzeitig beobachten wir, dass urbane Strukturen zu uns zurückkommen und die Leute sagen: Los, lass uns eine Party machen, eine Bar eröffnen, wir brauchen ein Café, warum gibt es keine Läden und so weiter. Natürlich ermutigen wir sie auch, sich mit ihren Ideen einzubringen – und dabei können wir beobachten, dass hier, mitten auf dem Lande, wieder ein soziales Gefüge wie in der Stadt entsteht."

Neben dem künstlerischen Schaffen in Gemeinschaft und Natur verbindet die Künstlerkolonien – bei aller Unterschiedlichkeit – auch das Experimentieren mit seelischen Zuständen durch körperliche Betätigung und die Idee der Reinigung und Heilung durch Tanz und Bewegung.

Wenn in manchen Nächten im großen Studio Ponderosas die sogenannten Hexentänze abgehalten werden, bei denen alle Anwesenden lange gemeinsam im Oval laufen, zu Beginn noch mit leichter, feuriger Energie, zunehmend verschwitzt und schwer atmend, schließlich erschöpft und aufgewühlt von der Dynamik und dem Rhythmus der Live-Musik – dann erinnern diese Erlebnisse, zumindest von Ferne, an Beschreibungen der Festivitäten auf dem Monte Verità. Zum Beispiel das Sonnenfest, das Rudolf von Laban und seine Schülerinnen in einer Augustnacht 1913 – fast genau ein Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges – inszenierten. Der Schriftsteller und Maler Jakob Flach schrieb damals: 

Tänzerinnen und Tänzer huschten durch das Dunkel des Parks, brachen aus dem Dickicht, rissen Efeu von den Ruinen, um sich zu bekleiden und zu bekränzen, trommelten auf hohlen Stämmen, mit leeren Bechern, mit Händen und Füßen zum klatschenden, donnernden, rasenden Trommelschlag – ein Wirbel, ein Sturm, ein Zyklon.

Auch wenn heute andere Bilder und Begriffe für die Beschreibung von Tänzen bemüht werden: Die Linie, die die künstlerische Avantgarde von expressiver Spiritualität trennt, ist sehr fein und beweglich und wird häufig und furchtlos überschritten. Wenn sich heute auf dem Gut Stolzenhagen Tänzer in die Erde graben oder Heilungstänze und Reinigungsrituale abhalten, ist – ganz im Sinne der Postmoderne – auch immer ein gewisser Abstand dabei. Es geht auch, aber nicht nur um das reine Erleben. 

"Es geht ins Spirituelle-Esorerische, aber auch ins Grounding und the nature. Und es geht um das Fühlen, aber auch um das Verstehen des Fühlens – was kann das Fühlen für den Tanz oder meine Kunst bedeuten? Also der Körper mit dem kritischen Geist."

Peter Pleyer beschäftigt sich in seiner künstlerischen Arbeit viel mit Tanzgeschichte; seine Arbeiten untersuchen, in welchen Traditionen zeitgenössische Choreografinnen und Choreografen stehen und zeigen Entwicklungslinien dieser hybriden Kunstformen auf.

Dass nichts ganz neu erfunden, sondern stets Ideen transformiert und neu ausgestaltet werden – mit dieser Gewissheit lebt auch Ponderosa-Gründerin Stephanie Maher.

"Ich liebe die Tradition von Gemeinschaften, die mit Kunst und Leben in der Natur experimentiert haben. Monte Verità ist das am weitesten zurückliegende europäische Erbe, das ich mit Ponderosa in Verbindung bringe, aber auch das Black Mountain College und Dartingon waren große Inspirationen. Ich sehe uns in einer Linie mit diesen Pionieren, für die Körper, Kunst und Natur eine wichtige Rolle gespielt haben."

Es sprachen:
Die Autorin als Erzählerin
sowie:
Cornelia Schönwald, Brigitte Paul, Wolfgang Condrus und Georg Scharegg.
Ton: Jan Fraune
Regie: Clarisse Cossais
Redaktion: Winfried Sträter

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