Künstlerfreundschaften

Von Oliver Seppelfricke |
Der 1883 geborene Schweizer Unternehmer Karl Im Obersteg trug rund 200 Werke der Klassischen Moderne zusammen. Seit 2004 sind die Bilder im Kunstmuseum Basel zu sehen. Aktuell zeigt das Museum nun auch den Briefwechsel zwischen dem Sammler und "seinen" Künstlern.
Für Karl Im Obersteg war das Beste gerade gut genug! 200 Werke der Klassischen Moderne sammelte er von 1919 bis zu seinem Tod im Jahr 1969, etwa die Hälfte ist nun in der großen Sonderausstellung zu sehen.

KIO, wie ihn seine Freunde nannten, war kein Kunstjäger. Der Maler Bernard Buffet, dessen Bilder Im Obersteg ebenfalls kaufte, malt ihn 1954 als korrekten Geschäftsmann, mit Anzug, Brille, Seitenscheitel, eher wie einen Buchhalter. Und doch war Karl Im Obersteg einer der wichtigsten Sammler der Kunst der Jahrhundertwende bis in die fünfziger Jahre. Im Obersteg war weltweit tätig als Spediteur und Unternehmensberater, seine Kontakte waren einzigartig. Doch seine Liebe galt der Kunst. Nachzulesen und anzuschauen nun in den vielen Briefen, Postkarten, Skizzen, Fotos, Zeichnungen und Zetteln, die das Kunstmuseum Basel neben den großartigen Bildern auch ausstellt. Henriette Mentha ist Kuratorin der Schau:

"Wir wollen eben diese Freundschaften vorstellen. Dass diese Sammlung auch aus diesen Freundschaften heraus entstanden ist. Dass Beziehungen sehr wichtig gewesen sind für den Sammler und für den Aufbau seiner Sammlung. Und wir wollen, dass diese Beziehungen einen atmosphärischen Hintergrund zu den Highlights der Werke, zu diesen tollen Kunstwerken bilden und so die Sammlung in einem lebendigen Hintergrund erlebbar gemacht wird."

Aus Paris schrieb Marc Chagall am 30.6.1933 an Karl Im Obersteg in Basel:

"Sehr geehrter Herr,

Danke für den Katalog zu Braque. Sie tun sehr viel für die moderne Kunst und machen beste Reklame dafür. Die Begegnung mit Ihnen ist mir in bester Erinnerung, und ich bin froh, dass Sie das, was ich mache, lieben und verstehen.

Mit freundlichen Grüssen

Marc Chagall"

Den russischen Maler lernte Karl Im Obersteg 1919 in Ascona kennen, wo er sich von der Spanischen Grippe erholte. Hier hatten sich zu jener Zeit außer Marc Chagall auch Cuno von Amiet, Alexej Jawlensky und Chaim Soutine niedergelassen. Ascona war damals so etwas wie das Mekka der Modernen Kunst. Henriette Mentha:

"Das war so ein multikulturelles Zentrum, wo auch viel experimentiert wurde. Wo sich natürlich Intellektuelle und Künstler aus der ganzen Welt getroffen haben."

Karl Im Obersteg sammelte van Gogh, Picasso, Cézanne, und auch jene Künstler, die er in Ascona kennengelernt hatte. Er besaß das nötige Geschick, um etwas zu bitten und es dann auch zu erhalten. So im Fall des "Juden" von Marc Chagall, ein Werk von 1914, das zu den besten dieses Malers gehört.

Karl Im Obersteg schreibt am 23.10.1935 aus Basel an Marc Chagall in Paris:

"Lieber Freund,

Ich bin eben daran, meine Bilder etwas umzuhängen und hätte vor allem gerne einen typischen Chagall in meinem Wohnzimmer gegenüber dem Picasso. Seinerzeit als ich die «Hochzeit» kaufte, glaubte ich, dass dieses Bild dorthin passen würde; es ist aber zu groß. Es scheint mir nun nicht ausgeschlossen, dass Sie eventuell auch Freude hätten, mein Bild, die «Hochzeit», gegen ein anderes Ihrer früheren Bilder umzutauschen. Ich habe dabei an die grüngelbe Gestalt [Der Jude in Grün] gedacht, die nämlich in der Größe und jedenfalls auch in der Farbe sehr gut in mein Wohnzimmer passen würde und möchte Sie nun bitten, mir in aller Offenheit zu sagen, wie Sie sich zu meinem Vorschlage stellen. Sie dürfen mir vollkommen ruhig Ihre Ansicht schreiben, so wie auch ich Ihnen vollkommen unbefangen meine Anfrage stelle, da ich unter dem Eindrucke stehe, dass die «Hochzeit» für Sie persönlich wertvoller ist, während die grüngelbe Gestalt für mich geeigneter wäre.

Sobald ich einmal mehr Zeit habe zum Plaudern, werde ich Ihnen wieder ausführlicher schreiben.
Für heute empfangen Sie und Ihre liebe Frau meine herzlichsten Grüsse

Ihr [Karl Im Obersteg]"

Die 600 Briefe, die zwischen Karl Im Obersteg und den Künstlern seiner Zeit hin- und hergingen, sind nun erstmals publiziert. Sie zeigen, welche Bedeutung enge Freundschaften für den Aufbau einer Sammlung haben. Und sie zeigen die menschliche und künstlerische Unterstützung, aber auch das Geschick und die Selbstlosigkeit des Sammlers Karl Im Obersteg. Der nicht für den Geldbeutel oder für den Kunstmarkt sammelte, sondern ausschließlich für sich selbst!

"Also, es war nicht nur das Geschäft, sondern eben auch das Herz!"

So drückt es in aller Kürze der Sekretär der Obersteg-Sammlung, Hans Furer, aus.

Service:
"Künstlerfreundschaften - Karl Im Obersteg im Dialog mit Amiet, Chagall, Jawlensky" ist bis zum 16.10.2011 im Kunstmuseum Basel zu sehen.