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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 13.04.2020

Künstler Jonathan Meese„Das Falsche raus und das Geile rein!“

Moderation: Susanne Führer

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Porträt von Jonathan Meese in seinem Atelier in Berlin Prenzlauer Berg. (Picture Alliance / dpa / Bernd von Jutrczenka)
Jonathan Meese ist kürzlich 50 Jahre alt geworden - und gilt noch immer als einer der provokativsten Gegenwartskünstler Deutschlands. (Picture Alliance / dpa / Bernd von Jutrczenka)

Der Künstler Jonathan Meese ist – gelinde gesagt – umstritten. Sein Werk: Bilder, Skulpturen und Performances, bei denen einem angst und bange werden kann. So waren wir zunächst etwas unsicher, als wir Meese in seinem Atelier besuchten.

Wer eine Performance des Künstlers Jonathan Meese gesehen hat, vergisst sie nicht so schnell. Meeses Arme rudern, schlagen, fegen durch die Luft. Nach wenigen Minuten hat er sich in Rage geredet. Aggressiv und laut fordert er die "Diktatur der Kunst!". Seine Zuhörer schreit er an, sie hätten der "Kunst zu dienen!". Und plötzlich reckt sich sein rechter Arm stramm in die Höhe zu einem altbekannten Gruß, der ihm schon einen Prozess eingebracht hat. Mit diesem Mann will ich ein Gespräch führen. Geht das überhaupt?

Kunstsoldat oder süßer Junge?

Berlin Prenzlauer Berg. Es ist ein schneidend kalter und windiger Tag Ende Januar, als wir vor dem Gittertor zum Grundstück des Ateliers Jonathan Meeses stehen. Redakteur Frank Ulbricht und ich sind nervös. (Was wir voreinander verbergen, um den anderen nicht zu verunsichern. Also: Pokerface.) Ich muss an einen Dialog zwischen Meese und seiner Mutter denken: "Mami, du kannst stolz sein, du hast einen Kunst-Soldaten geboren!" - "Ich habe einen süßen kleinen Jungen geboren." – Welchen Meese werden wir erleben?

"Hallooo!" Ein großer Mann, schwarz gekleidet, kommt mit wehenden langen Haaren über den Hof. Er strahlt uns an, bittet uns herein. Jonathan Meese.

Zuerst bekommen wir eine Führung übers Gelände. Meeses Atelier ist in einem ehemaligen Pumpwerk untergebracht. Der Hof gepflastert, die Gebäude aus altem dunkelroten Klinker, Industrie-Romantik. "Die beste Entscheidung meines Lebens", sagt Meese, der das Ensemble vor Jahren der Stadt abgekauft hat. Stolz und voller Begeisterung zeigt er uns den Ort, der für ihn "Schloss, Burg und Spielplatz" ist.

Jonathan Meese gehört zu den umstrittensten zeitgenössischen Künstlern. Die einen verehren ihn, seine Werke sind weltweit zu sehen und erzielen hohe Preise, andere halten ihn für einen Scharlatan oder - schlimmer - für einen Nazi. Wegen seiner Performances, wegen seiner Bilder, in denen häufig Eiserne und Hakenkreuze zu sehen sind.

Abba, Richard Wagner und gemalte Penisse

Im Atelier ist der erste Eindruck: Platz, Licht, Freiheit. Auf einem kleinen Holztisch stehen Wasser und Kekse für uns. Tontechniker Thomas Schütt baut die Mikrophone auf. Inzwischen ist Mutter Brigitte Meese, 90 Jahre alt, dazu gekommen. Sie wird während des Gesprächs dabei sein, so wie sie seit bald 30 Jahren die künstlerischen Wege ihres Sohnes begleitet. Schnell wird klar, sie hat viel zu erzählen, unabhängig von Jonathan. Wir beschließen spontan, später auch Brigitte Meese ins "Gespräch" einzuladen.

Und das Interview? Soviel sei verraten: Wir erleben den kleinen süßen Jungen wie auch den Kunst-Soldaten. Es geht um Abba, Richard Wagner und gemalte Penisse. Meese erzählt von einer Kindheit als Außenseiter und seinem vollkommen ahnungslosen Weg in die Kunst, von der Kunstfigur Meese und dem Wert der Freiheit. Nazi? Nein.

Meeses Traum bleibt die "Diktatur der Kunst". Ein Begriff, der zu vielen Deutungen einlädt, mit dem ich immer noch meine Schwierigkeiten habe. Mir gefällt seine weniger soldatisch formulierte Vision besser: "Das Falsche raus und das Geile rein!"

(sf)

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