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Fazit | Beitrag vom 12.11.2019

Künstler Christian BoltanskiNachdenken über die Vergänglichkeit

Von Jürgen König

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Der Künstler Christian Boltanski, fotografiert am 28.02.2013 im Kunstmuseums Wolfsburg. (Lukas Schulze/dpa)
Der Künstler Christian Boltanski versucht sein eigenes und das Leben anderer in Filmen, Fotos, Installationen und mit Gegenständen festzuhalten. (Lukas Schulze/dpa)

Mit rund 50 Werken hat Christian Boltanski eine Retrospektive zu seinem Schaffen der letzten Jahrzehnte im Centre Pompidou kuratiert. Seinen Versuch, durch Kunst die Erinnerung an die eigene Vergangenheit zu bewahren, hält er für gescheitert.

Christian Boltanski wurde 1944 in Paris geboren und arbeitet als Konzeptkünstler, Maler, Bildhauer und Filmemacher. Bekannt ist Boltanski für seine fotografischen Installationen und beschäftigt sich in seinen Werken mit den Themen Leben, Tod und Erinnerung. Als Sohn eines jüdischen Vaters ist ein wichtiger Aspekt auch die Auseinandersetzung mit dem Holocaust. 

Suche nach einem Schlüssel des Lebens

Mit einem hustenartigen Geräusch beginnt die Ausstellung, man hört es, bevor man noch das Bild sieht. Ein Kurzfilm, "Der Mann, der hustet" von 1969.

Ausstellungsansicht der Arbeit "Der Mann, der hustet" von 1969.Film 16 mm, Farbe, Ton, Dauer: 2 min. 44 sec. Kamera: Jean-Claude Valésy und Alain Thierry.Darmstadt, Institut Mathildenhöhe / Wolfgang Günzel

Der Mann sitzt mit dem Rücken zur Wand in einem Zimmer; die Kamera fährt dichter an ihn heran, die Konturen lösen sich auf, werden zu Farbflecken. Das Husten könnte plötzlich auch ein Würgen sein, ein Sich-Übergeben – oder doch ein Husten?

Dieses Geräusch verfolgt den Besucher noch einige Räume hindurch. Räume, in denen Schwarz-Weiß-Fotos hängen, alte Familienfotos, Portraits, lachende Frauen mit Schürzen, ernste Männer mit Hüten und in weiten Anzügen, Alltagsszenen, gerahmt, in drei Reihen jeweils 50 Fotos nebeneinander, in zehn Reihen jeweils sechs Fotos übereinander, allein dieses Akkurate macht aus dem Privaten der Fotos doch ein Kunst-Erlebnis.

Eine Installationsansicht der Arbeit "Das Fotoalbum der Familie D." zwischen 1939 und 1964, 1971. Schwarz-Weiß-Drucke, gerahmt in Weißblech. (Musée d'art moderne et contemporain de Saint-Étienne Métropole / Yves Bresson)Das Fotoalbum der Familie D. zwischen 1939 und 1964, 1971 Schwarz-Weiß-Drucke, gerahmt in Weißblech. (Musée d'art moderne et contemporain de Saint-Étienne Métropole / Yves Bresson)

Gerade dieses Private hält den Betrachter zunächst auf Distanz, schnell erkennt man aber Fröhliches oder Trauriges,  Ängstliches oder Hoffnungsvolles auf den Gesichtern – und das ergibt plötzlich einen überraschenden und schönen Moment der Vertrautheit. Um die Ausstellung zu verstehen, meint Christian Boltanski, sei folgender Gedanke vielleicht hilfreich:

"Ich glaube, jeder Mensch hat eine geschlossene Tür vor sich, und jeder Mensch sucht den Schlüssel, um diese Tür zu öffnen. Alle suchen ihn! Manche glauben, ihn gefunden zu haben. Für mich wird die Tür sich natürlich niemals öffnen, für mich gibt es keinen richtigen Schlüssel, aber Mensch sein bedeutet eben, diesen Schlüssel zu suchen."

Das Leben festhalten ist unmöglich

Zeitlebens hat Christian Boltanski "diesen Schlüssel gesucht",  hat sein eigenes und das Leben anderer versucht festzuhalten, in Filmen und Fotos, mit Gegenständen in Vitrinen und Installationen, immer mit der Fragestellung, wie Erinnern überhaupt möglich ist, wie Vergangenheit rekonstruiert werden kann – in 16 Räumen folgt die Ausstellung diesem lebenslangen Versuch.

"Meine Arbeit ist in gewisser Weise ein einziges Scheitern! Ich habe immer versucht, gegen das Vergessen zu kämpfen und gegen den Tod, aber das ist natürlich unmöglich. Auch wenn es von meinem Leben viele Filme, Fotos und derlei gibt – aber am Ende ist es nichts! Man kann nichts bewahren, festhalten."

Eine Ausstellung zum Nachdenken

An der Wand hängend, akkurat in Reihe, zwei mal fünf Vitrinen, Zettelkästen hinter Glas – darin der ganze Alltag eines Menschen: Passbilder, Fotos, Christian Boltanski auf einem Stuhl sitzend, eine Frau schwimmend, Postkarten, Briefe, mit Schreibmaschine geschrieben und mit der Hand, "Cher Christian…" - unweigerlich fängt man an, diese privaten Briefe zu lesen, und es kommt einem  ungehörig vor, aber natürlich liest man weiter. Dann Zettel mit Telefonnummern, Hingekritzeltes, Joseph Longbril, Alexandre Saucet, Alphonsine Poitiers – die Kästen akkurat geordnet wie eine Urnenwand.

"Ich bin überhaupt nicht gläubig, aber für mich ist eine Ausstellung so etwas wie der Besuch einer Kirche, deren Türen sperrangelweit offen stehen. Man geht hinein, ein Herr hebt die Hände hoch, es gibt einen Duft, es gibt Musik, man setzt sich, schaut die Bilder an den Wänden an – und nach einer Viertelstunde geht man wieder und denkt ein bisschen nach. Man weiß nicht, was passiert ist, aber etwas ist passiert. Für mich ist ein Ausstellungsbesuch ganz ähnlich."

Damit hat Christian Boltanski eine Art Gebrauchsanweisung seiner Ausstellung gegeben.

Fragen ohne Antwort

"Es gibt Momente, da braucht man das, dass man nachdenkt, sich Fragen stellt - und meine große Idee ist eben, diese Fragen zu stellen. Und dabei keine Antworten zu geben."

Fragen stellt diese wunderbare Ausstellung in überreicher Fülle. Und eigenartig ist, nach Hause zurückgekommen, der Anblick des eigenen kleinen Zettelkastens: nicht sehr ordentlich auf Kühlschrankmagneten verteilt Postkarten mit Liebesgrüßen, handgeschriebene Kochrezepte, Telefonnummern, Zu tun-Listen, Kalendersprüche wie "Ein Tag ohne Bier ist wie ein Tag ohne Wein!" von Thomas Kapielski.

Seltsam ist das: man schaut auf diese Dinge plötzlich anders als noch am Morgen.

CHRISTIAN BOLTANSKI
"Faire son temps"
bis zum 16.März 2020 im Centre Pompidou in Paris

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