Kühl, humorvoll und poetisch

Im Lyrikband "Verwandtschaft" beschreibt Dragana Mladenović eine kranke Gesellschaft: kühl, humorvoll und poetisch. Mithilfe weniger Figuren entsteht ein erschreckender Eindruck vom heutigen Serbien, auf dem die Schatten der Vergangenheit liegen.
In Titos Jugoslawien waren sie alle unter der Parole "Brüderlichkeit und Einheit" miteinander verwandt: Kroaten, Serben, Montenegriner, Bosnier, Slowenen und Kosovaren. Bestehende nationale und ethnische Konflikte wurden verschwiegen.

Als die sozialistische Volksrepublik nach 1991 zerfiel, kam Dragana Mladenović gerade in die Pubertät. 1977 geboren, interessierte sich die junge Serbin in den folgenden Kriegsjahren vor allem für den Schulunterricht und für Jungen. Erst mit Mitte zwanzig begann sie, die Hintergründe des Zerfalls Jugoslawiens, der kriegerischen Auseinandersetzungen und der Kriegsverbrechen zu recherchieren.

Heute arbeitet die studierte Literaturwissenschaftlerin an der Universität Belgrad an ihrer Dissertation. Sie ist eine der bedeutendsten Vertreterinnen engagierter Poesie in ihrer Heimat. Ihre Gedichte, vielfach mit Preisen bedacht, erscheinen in serbischen Zeitungen und Anthologien. Fünf Lyrikbände hat Dragana Mladenović seit 2003 veröffentlicht, nun liegt der sechste auf Deutsch vor: "Verwandtschaft".

Er besteht aus drei Teilen. Im Ersten beschreibt Mladenović mit den Stimmen zweier Schwestern, was in der Familie geschieht: Der Großvater glaubt, sich mit seiner Frau zu treffen, und erzählt, er grabe Knochen eines Tschetniks aus dem Zweiten Weltkrieg aus. Der Vater ist mit dem Fernsehsessel verwachsen, ein Onkel lebt seit dem NATO-Bombardement 1999 im Keller. Ein weiterer Onkel bringt einen Gast in der Familie unter, über den nicht gesprochen werden darf.

Mörder und Irre leben unter einem Dach: Mladenović entwirft in äußerst knappen Versen, die mitunter nur aus zwei Worten bestehen, das Bild einer verstörten, klaustrophobischen, bizarre Rituale pflegenden Gesellschaft. Zwischen den Zeilen schimmert Ungesagtes durch: Alle sind psychisch krank, keiner kann mit dem anderen kommunizieren, die verwandtschaftlichen Bande sind ein Vorwand fürs Verschweigen.

Im zweiten Teil, formal wie ein Verhörprotokoll gestaltet, geht ein Mann zur Polizei und zeigt einen Gast der Familie aus dem ersten Teil des Lyrikbandes an. Er hat ihn als gesuchten Kriegsverbrecher erkannt. Der geschlossene Raum wird so von außen aufgebrochen. Am Ende dieses Teils aber attestiert die Polizei dem Mann eine Paranoia. Der moralisch Redliche wirkt wie ein Verräter der Verwandtschaft, der Raum schließt sich wieder.

Im dritten Teil schließlich erweitert die Autorin den Schauplatz. In Amsterdam erhält eine junge Frau Besuch von ihrer Tante, die einem Kriegsverbrecherprozess beiwohnen will. Im Krieg hat sie Mann und Sohn verloren. Die Gedichte sind kürzer als in den vorhergehenden Teilen. Die Stimme der jungen Frau ist klar, ihr Verhältnis zur Realität ist ungetrübt. Die Sätze der Tante hingegen sind lückenhaft, als ob sie die Last gemachter Erfahrungen nicht tragen können.

Anhand weniger Figuren und in einer Lyrik, die sich wie Prosa mit eingebauten Denkpausen liest, vermittelt die Autorin den erschreckenden Eindruck einer traumatisierten und kranken Gesellschaft. Kühl, humorvoll und poetisch schreibt sie über das heutige Serbien, das immer noch im Schatten der Vergangenheit, in kollektivem Schweigen verharrt. Dragana Mladenović spricht für die Zukunft – die ihres Landes und die ihrer Generation.
Besprochen von Carsten Hueck

Dragana Mladenović: Verwandtschaft
Aus dem Serbischen von Jelena Dabić
Edition Korrespondenzen, Wien 2011
145 Seiten, 16,00 Euro