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Buchkritik | Beitrag vom 27.01.2020

Kübra Gümüşay: „Sprache und Sein“Wer kann frei sprechen?

Von Azadê Peşmen

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Buchcover "Sprache und Sein" von Kübra Gümüşay (Hanser Berlin)
In „Sprache und Sein“ skizziert Kübra Gümüşay am Beispiel des viel kritisierten generischen Maskulinums, welche Macht Sprache hat. (Hanser Berlin)

Die Debatten um Sprache und Inklusion – und um eine plurale Gesellschaft – werden derzeit erbittert und verbittert geführt. Die Journalistin und Netz-Aktivistin Kübra Gümüşay hat ein ebenso persönliches wie optimistisches Buch zum Thema geschrieben.

In Zeiten in denen Shitstorms in sozialen Medien, Hashtags und Diskussionen um die Verwendung beziehungsweise Nicht-Verwendung bestimmter Begriffe den diskursiven Alltag prägen, begibt sich die Autorin und Aktivistin Kübra Gümüşay auf die Suche nach dem freien Sprechen. Einer Art zu sprechen, die die Menschen nicht zu einem Objekt degradiert, sondern in all ihrer Komplexität und in ihrem Facettenreichtum abbildet. Wie kann eine solche Sprache konkret aussehen?

Die Benannten und die Unbenannten

Um die Antwort zu ergründen, skizziert die Autorin im ersten Kapitel, welche Macht Sprache hat, unter anderem am Beispiel des viel kritisierten generischen Maskulinums, das eben nicht alle Geschlechter mitmeint und nicht neutral ist. Kübra Gümüşay untersucht die Architektur der Sprache und regt die Leserschaft an, sich die Sprache wie ein Museum vorzustellen: "Es gibt zwei Kategorien von Menschen in diesem Museum: Die Benannten und die Unbenannten. Die Unbenannten sind Menschen, deren Existenz nicht hinterfragt wird. Sie sind der Standard. Die Norm. Der Maßstab. Unbeschwert und frei laufen die Unbenannten durch das Museum der Sprache. Denn es ist für Menschen wie sie gemacht. Es zeigt die Welt aus ihrer Perspektive. Das ist kein Zufall, denn es sind Unbenannte, die die Ausstellungen des Museums kuratieren."

Wenn Personen hinter Kategorien verschwinden

Kübra Gümüşay sieht sich selbst als "Benannte", als eine die permanent inspiziert und untersucht wird. Eine, die sich in politischen Talkshows und auf Bühnen Fragen zur Vereinbarkeit von Islam und Feminismus oder Kopftuch und Emanzipation beantworten muss – und dies auch lange tat. Wie andere "Benannte" wird auch sie nicht als Individuum betrachtet, sondern als Repräsentantin eines imaginierten Kollektivs gesehen, manchmal, wie sie anhand eines Leserbriefs beschreibt, auch entmenschlicht. Dass Menschen nur im Rahmen ihrer Kategorie gesehen werden, die Person dahinter verschwindet, ist die Grundlage dafür.

Dieser Ansatz ist allerdings – wie viele andere, die in dem Buch vorkommen – nicht neu. Die von Gümüşay angesprochenen Themen sind wichtig: das Bewusstsein für die Macht der Sprache, die gegenwärtige Diskursverschiebung nach Rechts, das Plädoyer dafür, Menschen auch außerhalb von Kategorien sprechen zu lassen. Allerdings bewegt sie sich auf diskursiv bereits ausgetretenen Pfaden und wirft oft Fragen auf, die sie unbeantwortet lässt. Es fehlt stellenweise an Klarheit, Präzision und Schärfe. Wie das ganz konkret aussehen wird, das freie Sprechen, das wird sich vielleicht erst in Zukunft zeigen, wenn sie sich außerhalb der ihr sprachlich auferlegten Themenbereiche bewegt. 

Kübra Gümüşay: "Sprache und Sein"
Hanser Berlin, Berlin 2020
208 Seiten, 18,00 Euro

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