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Kompressor | Beitrag vom 05.02.2018

Kritische Fotografie in der DDR„In den Hinterhöfen fand das eigentliche Leben statt“

Harald Hauswald im Gespräch mit Timo Grampes

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Demonstration der Kampfgruppen, 1. Mai 1986, Karl-Marx-Allee, Berlin, DDR (Harald Hauswald/OSTKREUZ)
"Ost-Berlin. Die verschwundene Stadt" – Ein Bildband von Harald Hauswald. (Harald Hauswald/OSTKREUZ)

Die Stasi sah seine Fotografien als politische Kampfansage. Harald Hauswald versteht sie eher als Liebeserklärung an das Leben in Ost-Berlin. In jedem Fall zeigen die Schwarz-Weiß-Bilder ein längst verschwundenes Gesicht Berlins.

"Nachspürbar war, dass, das was von oben gepredigt wurde und wie es unten wirklich aussah, etwas auseinanderklaffte. Das war der Reiz für mich, mit der Kamera loszumarschieren und genau diese Punkte zu suchen."

So beschreibt der Fotograf und Mitgründer der Agentur "Ostkreuz" Harald Hauswald seine Motivation, das Alltagsleben der DDR-Bürger zu dokumentieren. Hauswalds Buch "Ost-Berlin. Die verschwundene Stadt" zeigt Schwarz-Weiß-Bilder von Punks, einen NVA-Stand mit Panzer, Hinterhoffeste im legendären Hirschhof und knutschende Paare allerorten.

Teenager am Brunnen der Völkerfreundschaft, ein Springbrunnen auf dem Alexanderplatz in Berlin-Mitte, 1984, Berlin, DDR, Deutschland, Europa (Harald Hauswald/OSTKREUZ)Tanzender Teenager am Brunnen der Völkerfreundschaft auf dem Berliner Alexanderplatz im Jahr 1984. (Harald Hauswald/OSTKREUZ)

Was die Stasi als politische Kampfschrift sah, versteht Harald Hauswald eher als Liebeserklärung an das Leben in Ost-Berlin.

"Wir haben ja nicht MIT, sondern gerade WEGEN der Regierung anders gelebt. Zumindest in Berlin war ja so ein wenig die andere Szene beheimatet. In den Hinterhöfen in Prenzlauer Berg fand ja eigentlich das Leben statt."

Hirschhof, Berlin-Prenzlauer Berg, 1986, DDR (Harald Hauswald/OSTKREUZ)Alternatives Feiern im Hirschhof in Berlin Prenzlauer Berg im Jahr 1986. (Harald Hauswald/OSTKREUZ)

Ein Lieblingsbild hat Hauswald nicht:

"Alle Bilder zusammen ergeben einen Film. Und der ist wichtig."

Seit zehn, fünfzehn Jahren sieht Hauswald keinen Unterschied mehr zwischen Ost und West – auch in der von ihm mitgegründeten Fotografen-Agentur "Ostkreuz" nicht. Allerdings beklagt er, wie sich das Gesicht Berlins im Äußeren und Inneren verändere. Das Attribut "billigste Künstlerhauptstadt der Welt" sei langsam nicht mehr zutreffend.

Pärchen auf dem heutigen Schloßplatz, vor dem Außenministerium der DDR, Berlin-Mitte, 1984, Berlin, DDR, Deutschland, Europa (Harald Hauswald/OSTKREUZ)Pelz und Trabi: Parklplatz auf dem heutigen Schlossplatz. (Harald Hauswald/OSTKREUZ)

Trotzdem könne er sich in Deutschland keinen Brennpunkt vorstellen, der für ihn als Fotograf so spannend sei wie Berlin:

"Ich kann das ein bisschen vergleichen mit New York. Man biegt um die Ecke und sieht ständig Neues. Plötzlich ist eine Straße da, die es Vorgestern noch nicht gab, oder es riecht ganz anders. Diese ständige Veränderung der Stadt. Dieses ständige Sich-Entwickeln und Nie-Fertig-Werden. Das sind Spannungsräume, die sind schon toll."

Der Kurzfilm "Radfahrer" kontrastiert Schwarz-Weiß-Bilder des Fotografen Harald Hauswald mit eingesprochenen Textauszügen aus dessen Stasi-Akte.

Harald Hauswald (Fotos) und Lutz Rathenow (Text): Ost-Berlin. Die verschwundene Stadt
Gebunden, 128 Seiten, 122 Fotos im Duplexdruck
Jaron-Verlag, 20 Euro

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