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Sein und Streit | Beitrag vom 31.05.2020

Kritik des KosmopolitismusGlobale Verantwortung beginnt bei der Nation

Martha Nussbaum im Gespräch mit Christian Möller

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Unterschiedliche nationale Flaggen überlappen sich.  (Geisler-Fotopress/ Robert Schmiegelt)
Alle Menschen werden Brüder und Schwestern, eine schöne Idee, aber wie soll das praktisch vor sich gehen? Martha Nussbaum setzt auf Kooperation im Kleinen, denn die UNO hält sie für ineffizient und einen "Weltstaat" für nicht kontrollierbar. (Geisler-Fotopress/ Robert Schmiegelt)

Kosmopolitismus meint ursprünglich: weltweite Gerechtigkeit als oberstes Gebot. Klingt gut, sei aber nicht praktikabel, meint die Philosophin Martha Nussbaum. Sie ist überzeugt: Globales Handeln braucht starke Nationalstaaten.

Kosmopolitismus – ein schillerndes Wort, das heute in vielen Ohren nach Luxus, Jetsettern und abgehobenen Eliten klingt. Mit dem philosophischen Gehalt des Kosmopolitismus haben solche Vorstellungen nichts zu tun, meint die amerikanische Philosophin Martha Nussbaum:

"Eigentlich ist Kosmopolitismus der Vorläufer der heutigen Menschenrechtsbewegungen."

Denn ursprünglich, in Antike und Aufklärung, meine der Begriff, die weltweite Gleichberechtigung aller Menschen zum obersten Gebot des eigenen Handelns zu machen – ohne Bevorzugung bestimmter Gruppen oder Regionen.

Kosmopolitisches Denken auf tragfähige Füße stellen

Grundsätzlich hält Nussbaum es für richtig und notwendig, global Verantwortung zu übernehmen – schließlich, so sagt sie, "treffen wir heute täglich Entscheidungen, die Auswirkungen auf das Leben von Menschen in weit entfernten Teilen der Welt haben. Überall auf der Welt stellen Menschen Produkte her, die wir benutzen."

Daraus erwachse uns "eine Art Extra-Verantwortung, uns deren Arbeitsbedingungen genauer anzusehen, Bewegungen zu unterstützen, die für gleichberechtigte Arbeitsmöglichkeiten kämpfen, für höhere Qualität der Bildung, für Umweltschutz."

Aber gerade deshalb unternimmt die amerikanische Philosophin in ihrem jüngsten Buch eine umfassende Kritik des Kosmopolitismus: Um ihn letztlich auf tragfähigere Füße zu stellen. Denn in seiner überlieferten Form sei das kosmopolitische Denken nicht praktikabel. Das beginne schon mit der absoluten Verpflichtung auf globale Gerechtigkeit: Tatsächlich könne die weltweite Durchsetzung von Menschenrechten nur "eine unserer Pflichten sein", nicht aber oberstes Gebot.

Politische Verantwortung braucht den Nationalstaat

Im Zusammenhang damit steht auch Nussbaums zweiter Kritikpunkt: Die kosmopolitische Tradition unterschätze die Bedeutung des Nationalstaats: Nur im Rahmen begrenzter politischer Ordnungen und Institutionen könnten wir überhaupt mitbestimmen, Verantwortung übernehmen – und zugleich die politisch Handelnden zur Rechenschaft ziehen.

Jenseits der nationalen Ebene hingegen werde das schwierig, meint Nussbaum, mit kritischem Blick auf die Vereinten Nationen: "Das Problem bei der UNO ist, dass jeder Staat seine jeweiligen Handlanger für einzelne Projekte zu den Vereinten Nationen entsendet und die UNO in der Folge hinunter gezogen wird auf das Niveau unqualifizierter Kumpane mächtiger Politiker der verschiedenen Staaten." Mit Ausnahme einiger Teilbereiche, wie UNICEF, hält sie die UNO deshalb für "eine sehr ineffiziente und korrupte Institution".

Martha Nussbaum steht vor einem Bücherregal und blickt in die Kamera. (Robert Tolchin)Martha Nussbaum ist Philosophin und Professorin für Rechtswissenschaften und Ethik an der University of Chicago. Sie hält die Vereinten Nationen für eine korrupte Institution. (Robert Tolchin)

Ähnliche Defizite sieht Nussbaum aber auch bei der internationalen Menschenrechtsbewegung, also der eigentlichen Erbin des Kosmopolitismus: "Sie ist nicht demokratisch, nicht rechenschaftspflichtig und dient von daher auch nicht als Weg, den Menschen Autonomie zu geben." Deshalb zieht Nussbaum den Schluss: "Wenn wir uns um die ganze Welt kümmern wollen, muss das auf der Ebene des Nationalstaates beginnen."

Patriotismus mit globaler Perspektive

Dazu gehört für die Philosophin auch ein richtig verstandener Patriotismus: "Patriotismus bedeutet einfach nur starke Liebe zur eigenen Nation." Die aber könne durchaus mit globaler Verantwortung kompatibel seien. Als Beispiele für einen solchen Patriotismus nennt sie den US-amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt oder den ersten indischen Ministerpräsidenten Jawaharlal Nehru: "Sie sahen die guten Werte einer Nation als Brücke dazu, diese Werte auf der ganzen Welt zu fördern."

Wie aber lässt sich ein solches globales Verantwortungsgefühl stärken? Einfach alle regionalen oder kulturellen Besonderheiten außer Acht zu lassen, wie es die antiken Stoiker vorgeschlagen haben, führe jedenfalls in die Irre, so Nussbaum: "Wenn wir unsere Vorstellungskraft ausweiten wollen, sollten wir dies nicht tun, indem wir unsere lokalen, persönlichen Bezüge verlieren. Das ist ein permanenter Balanceakt."

Gut gemeint ist oft schlecht gemacht

Fraglich ist auch, wie eine globale Verantwortung praktisch umgesetzt werden kann: Während klassische kosmopolitische Denker oft zwischen Gerechtigkeit und materieller Hilfe unterschieden hätten, gehört für Nussbaum beides zusammen. Allerdings betont sie die Fallstricke solcher Hilfsleistungen. Insbesondere Geldzahlungen liefen immer Gefahr, die Empfänger zu bevormunden:

"Wie können wir entscheiden ‚Oh, wir sollten unser Geld für Schulen in Indien ausgeben’? Vielleicht würden die Leute in Indien das Geld ja lieber für ganz andere Dinge verwenden."

Zudem schüfen solche Zahlungen Abhängigkeiten, die für die langfristige Entwicklung der betreffenden Länder und den Aufbau eigener Strukturen sogar schädlich sein könnten:

"Wenn Menschen in einer armen Region sehen, dass ihr Gesundheitssystem von außen finanziert wird, werden sie nicht versuchen ihre eigene Infrastruktur auf dem Gebiet weiter zu entwickeln, weil sich da ja "die reichen Amerikaner‘ drum kümmern. Das erodiert also den politischen Willen und die politische Ökonomie."

Einen besseren Weg erkennt die Philosophin in kooperativen Projekten, wie sie sie selbst im Bildungsbereich schon durchgeführt hat:

"Wir nutzen unsere eigene Expertise, um anderen Menschen zu helfen. Das gibt den Menschen in den jeweiligen Ländern mehr Kontrolle. So eine Art von Projekt findet auf gleicher Ebene statt. Wir sagen den indischen Partnern nicht, was sie denken sollen, wir versuchen von ihnen zu lernen."

Nussbaum nennt das den "Befähigungsansatz" und sieht darin eine Alternative zum klassischen Kosmopolitismus.

Ein "Weltstaat" kann nicht mehr kontrolliert werden

Bei aller Kritik sollten wir aber wichtige Elemente des Kosmopolitismus durchaus bewahren, betont Nussbaum. So etwa, dass

"die Idee, dass die Menschenwürde für uns alle gilt, dass wir alle die gleiche Art von Respekt und Besorgnis verdienen. Aber das in Handlung umzusetzen ist sehr kompliziert. Wir sollten erkennen, dass unsere großen Probleme, Gesundheit, Umwelt und globale Bildung, Probleme sind, die nach einer kooperativen Lösung verlangen, seitens vieler Nationen gemeinsam."

Dafür brauche es "dringend einen kooperativen beratenden Rahmen", also internationale Institutionen, aber gerade keinen "Weltstaat", denn ein solcher lasse sich nicht mehr zur Rechenschaft ziehen. Stattdessen plädiert Nussbaum für kleinteiligere Strukturen mit konkreten Zielen, um damit dann das Verhalten der einzelnen Nationen zu beeinflussen.

"Was wir jetzt tun können, ist Strukturen zu errichten, für die jeder von uns ein Stück Verantwortung übernehmen kann; wirklich Zeit investieren und sicherstellen, dass das Ganze nicht den Bach runter geht."

(ch)

Hören Sie hier das Gespräch im englischen Original:

Martha Nussbaum: Kosmopolitismus. Revision eines Ideals
wbg Theiss, Darmstadt 2020
352 Seiten, 30 Euro

Außerdem in dieser Ausgabe von Sein und Streit:

Philosophischer Kommentar zu Pfingsten: Das polyglotte Fest
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