Seit 17:05 Uhr Studio 9
Donnerstag, 23.09.2021
 
Seit 17:05 Uhr Studio 9

Interview / Archiv | Beitrag vom 19.08.2020

Kritik an Schonfrist für Insolvenzen Warum Zombiefirmen gefährlich sind

Christoph Niering im Gespräch mit Ute Welty

Ein Mitarbeiter einer Reinigungsfirma  (picture-alliance/Keystone )
Oft sind es kleinere Unternehmen, beispielsweise eine Reinigungsfirma, die nicht mitbekommen, dass ihr Auftraggeber schon längst pleite ist. (picture-alliance/Keystone )

Wegen Corona versucht die Bundesregierung Insolvenzen hinauszuzögern und überlegt eine entsprechende Schonfrist zu verlängern. Insolvenzverwalter Christoph Niering hält das für den falschen Weg. Er rät zur frühzeitigen Sanierung von Pleitefirmen.

Eigentlich müssen Unternehmen, die ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen können oder überschuldet sind, einen Antrag auf Insolvenz stellen. Wegen der Coronakrise wurden die Firmen seit dem 1. März per Gesetz vorerst bis Ende September von dieser Pflicht befreit.

Rund 500.000 Betriebe sind eigentlich pleite, tauchen aber dadurch nicht mehr in der Statistik auf. Nun gibt es Forderungen, diese Schonfrist für hoch verschuldete Zombieunternehmen noch weiter zu verlängern.

"Das schadet vor allem den Gläubigern, das heißt den Lieferanten, den Vermietern, die befürchten müssen durch die Insolvenz eines solchen Zombiebetriebes auf ihren Forderungen sitzen zu bleiben, ihr Geld nicht zu bekommen", sagt Christoph Niering. Er ist Vorsitzender des Berufsverbandes der Insolvenzverwalter in Deutschland.

Warten hilft nicht 

Man könne nur schwer feststellen, welche Pleite durch Corona zustande gekommen sei. Gleich zu Beginn der Pandemie habe es zunächst viele Insolvenzen von Unternehmen gegeben, die schon auf einem schwierigen Kurs gewesen seien, erklärt Christoph Niering. Da habe die Pandemie dazu beigetragen, dass die Insolvenz der einzige Ausweg gewesen sei. Ganz deutlich sei das bei Veranstaltern oder Reiseunternehmen.

"Es entsteht ein wenig der falsche Eindruck, dass durch das Zuwarten sich die Situation verbessert", kritisiert Niering die Überlegungen, diese Frist zu verlängern. Ein Hinausschieben, wie es die Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) jetzt vorhabe, bis März 2021 werde nicht ausreichen.

"Denn bis dahin werden wir wohl leider noch keinen Impfstoff haben, der die Situation deutlich verbessert", so der Insolvenzverwalter.

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

Es stehe ein schwieriger Winter bevor, in dem das Zusammenleben und das Zusammenarbeiten nochmal erschwert sei.

"Die Insolvenz bedeutet nicht, dass ein Unternehmen dann zugemacht werden muss, sondern ermöglicht durch verschiedene Instrumentarien, die sich in den letzten Jahren entwickelt haben, dass man ein Unternehmen auch neu aufstellen kann", sagt Christoph Niering. Je später man das tue, desto geringer seien die Chancen auf Erfolg.

(gem) 

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Interview

Pflege und DemenzZuwendung statt Tabletten
Szene aus dem Dokumentarfilm "Mitgefühl" von Louise Detlefsen: Demenzkranke Bewohner eines dänischen Pflegeheims werden fürsorglich bei einem Spaziergang von Pflegekräften betreut. (Weltkino Filmverleih)

Ein neuer Dokumentarfilm zeigt ein Pflegeheim in Dänemark, in dem Demenzkranke den Lebensabend in Würde verbringen und nicht nur verwahrt werden. Der Sozialmanager Stefan Arend ist überzeugt: Das Prinzip lässt sich auf deutsche Pflegeheime übertragen.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur