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Kompressor | Beitrag vom 05.11.2018

Kritik an "Lord of the Toys"Ein Dokumentarfilm als Plattform für rechte Parolen?

Pablo Ben Yakov im Gespräch mit Gesa Ufer

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Fimstill aus "Lord of the Toys" (Filmakademie Baden-Württemberg)
In Leipzig wurde "Lord of the Toys" als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet. Bietet der Film rechtsextremen Äußerungen eine Plattform? Kritiker behaupten das. (Filmakademie Baden-Württemberg)

Das Dok-Film Festival Leipzig hat "Lord of the Toys" ausgezeichnet. Kritiker sagen, der Film über eine Gruppe Jugendlicher um den YouTuber Max Herzberg verbreite unkommentiert rassistische Aussagen. Filmemacher Pablo Ben Yakov weist dies zurück.

Gesa Ufer: Es ist einer dieser Momente in dem Film "Lord of the Toys", die einem den Atem stocken lassen. Elias, Sachse, YouTuber, schwarz – wird von einem amtlich Besoffenen auf der Straße in ein Gespräch verwickelt. Offenbar fühlt sich der eine vom anderen angerempelt. Man kennt diese Szene nur zu gut. Und meistens geht sie nicht gut aus. Hier lacht der junge Schwarze über seine Bierflasche hinweg mit, als sein Gegenüber einen rassistischen Witz reißt und sich kaum einkriegt über den sächselnden Schwarzen. Zoom auf das ratlose Gesicht des Schwarzen. Beklemmung.

Eine Szene aus dem Film "Lord of the Toys", der am Wochenende das Dok-Film Festival Leipzig gewonnen hat. Seitdem wird diskutiert. Das Porträt über den 21Jährigen-You-Tube-Star Max Herzberg und seine Clique würde einem rechten Influencer unkommentiert ein Forum gegeben, hieß es. Die Initiative "Leipzig nimmt Platz" hatte schon im Vorfeld protestiert. Pablo Ben Yakov ist der Regisseur des Films und jetzt am Telefon. Schönen Guten Tag!

Pablo Ben Yakov: Schönen Guten Tag!

Gesa Ufer: Hat Sie die Diskussion, so wie sie jetzt gelaufen ist verblüfft?

Pablo Ben Yakov: Natürlich hat die uns verblüfft, weil wir uns im Vorfeld eher Sorgen um Proteste aus der rechten Ecke gemacht haben. Und jetzt noch mal auf eine ganz andere Art und Weise die Relevanz unseres Films unterstrichen bekommen haben, weil diese heftige Kritik, die uns da entgegen wirkte, die nahm ja ihren Ursprung auf Twitter im Vorfeld, ohne dass Leute den Film gesehen haben konnten. Insofern birgt das eine gewisse Ironie, dass quasi im selben virtuellen Raum, den wir für problematisch halten und ihn deswegen porträtiert haben, genau von dort dieser heftige Gegenwind kommt.

Gesa Ufer: Mit welcher Frage sind Sie an diesen Film herangegangen? Was genau wollten Sie zeigen?

YouTube als Katalysator?

Pablo Ben Yakov: Uns war das vorgeschaltete System wichtig. Für uns ist das Problem weniger vier außer Rand und Band geratene Teenager aus Dresden, die ganz offensichtlich Grenzüberschreitung im Alltag für normal halten. Die Probleme, die wir da zeigen, die sollte jeder direkt detektieren können. Die Frage, die uns umgetrieben hat, war: Was sind das für Strukturen, die das begünstigen? Ich glaube, da tut YouTube einiges, was dazu beiträgt, dass wir gemeingesellschaftlich eine ganz seltsame Stimmung hier haben, die wir alle spüren.

Gesa Ufer: Für diejenigen, die den Film nicht kennen: Wir sehen diesen Anfang 20-Jährigen dabei zu, wie sie sich komatös besaufen, gegenseitig mobben, und dabei ständig mit ihren Smartphones filmen. Da sind viele rassistische, mit Nazi-Sprüchen kokettierende Äußerungen, meistens komplett sinnbefreit und bräsig-pubertär, oft aber auch schon hart eklig. Aber Sie verzichten ganz bewusst auf eine Stimme aus dem Off. Wie kam diese Entscheidung zustande, sich selbst völlig rauszulassen?

Lieber Beobachten als Thesen aufstellen

Pablo Ben Yakov: Wir betrachten uns als Dokumentarfilmer als Künstler, wir sehen es als selbstverständlich an, dass man erstmal eine freie Wahl der filmischen Mittel hat. Wir hatten den Eindruck, wenn wir hier der Wahrheit uns annähern möchten, dass das sehr viel besser über eine Beobachtung als über Thesen geht, die wir dran draufstülpen.

Gesa Ufer: Ich hab hier im Kompressor in der vergangenen Woche mit einem Kollegen gesprochen, der Max Herzberg seit einiger Zeit im Blick hat und ihn – obwohl er ja mit seinem erfolgreichsten You-Tube-Kanal vordergründig erstmal nur Pakete auspackt - klar der rechten Influencer-Szene zuordnet. Auch wenn er vordergründig unpolitisch ist, kokettiert er mit Nazi-Parolen, auch in ihrem Film. Was man hier nicht sieht, dass es offenbar Verbindungen zu den Identitären gibt. Fest steht: Max Herzbergs Einfluss ist nicht ohne. Für wie gefährlich halten Sie eine Figur wie ihn?

Pablo Ben Yakov: Da möchte ich weniger ein Urteil darüber fällen als feststellen, dass er sehr mächtig ist. Was Herzberg gut findet, das werden sehr viele andere reproduzieren, und insofern liegt da sicherlich eine Gefahr drin. Dass die Hintergründe jetzt von Journalisten eingeordnet werden und diese Fragen gestellt werden, das finde ich genau richtig, denn das ist die Aufgabe von Journalismus. Unsere Aufgabe als Dokumentarfilmer ist es, erstmal den Bick darauf zu lenken, und ich glaube, das haben wir geschafft.

Gesa Ufer: Muss bei so einem kontroversen Thema, einer so kontroversen Figur, nicht die eigene Haltung nochmal extra deutlich werden?

"Man findet unsere Haltung sehr deutlich"

Pablo Ben Yakov: Wir haben das sehr stark mit in den Film einfließen lassen. Wenn man sich den anschaut, wird man merken, dass der von vorne bis hinten durchgestaltet ist. Das wird uns oft als Ästhetisierung vorgeworfen. Wenn man da aber ein bisschen offener an die Sache rangeht und bereit ist, so ein Kunstwerk auch lesen zu wollen, dann findet man unsere Haltung darin sehr deutlich.

Gesa Ufer: Der Dokumentarfilm "Lord of The Toys" über den umstrittenen Dresdener You-Tube-Star Max Herzberg und seine Clique hat gerade das Dokfilm-Festival in Leipzig gewonnen. Pablo Ben Yakov hat Regie geführt – Danke für das Gespräch!

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