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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 19.02.2019

Kritik an der SchulpädagogikDie Bildungsvisionen halten der Wirklichkeit nicht stand

Ein Einwurf von Michael Felten

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Illustration eines Klassenraums mit vielen Schülern und einer Lehrerin, die an der Tafel steht. Ein Schüler steht auf und beantwortet eine Frage, auf der Tafel stehen komplizierte Formeln und Zeichnungen. (imago/Daniel Haskett)
Gründlich vorbereiteter Unterricht mit kompetentem Lehrpersonal, das Inhalte vermittelt und Fehler zulässt. Dafür plädiert Michael Felten. (imago/Daniel Haskett)

Seit zehn Jahren liegt John Hatties Studie "Visible Learning" vor. Die Ergebnisse sind eindeutig: Gründlicher Unterricht ist zielführender als pädagogische Experimente. Zeit, daraus Konsequenzen zu ziehen, meint Pädagoge Michael Felten.

Wenn ich heute Schüler wäre, würde mich manches aufregen. Nein, nicht das frühe Aufstehen - je schneller die Schule hinter einem liegt, umso besser. Aber wenn dann gleich die ersten beiden Stunden ausfallen, weil es zu wenig Lehrer gibt - das nervt schon ziemlich. Das bedeutet nämlich Pensum - also irgendwelche Aufgabenlisten abarbeiten, die nie mehr besprochen werden.

Nach der Pause gleich das nächste Malheur: Die Technik im Computerraum funktioniert nicht. Zuerst sucht der Lehrer ewig nach dem Problem, dann will er traditionell unterrichten - aber weil die Tafeln abgeschraubt sind, kann er keine Stichworte notieren, keine Grafik skizzieren. Schon ätzend.

Dritter Stundenblock, nette Lehrerin - dummerweise aber glaubt die, wir würden dann am meisten lernen, wenn wir alles selbst herausfinden, noch besser in Gruppen, die vielleicht sogar dauernd wechseln. Ergebnis: viel Herumgelaufe, dünne Laberei. Und nachher ist nichts wirklich klar - außer denen, die schon vorher alles wussten. Dabei dachte ich immer, Lehrer wären dazu da, Neues zu erklären, Spannendes zu erzählen, passgenaue Hilfen zu geben.

Lehrermangel, Ausstattungsmisere, Methodenverwirrung

Ein Schulvormittag, drei bildungspolitische Großbaustellen: Lehrermangel, Ausstattungsmisere, Methodenverwirrung. Für eine aufgeklärte Wohlstandsnation ziemlich blamabel.

Nun, neue Lehrer lassen sich nicht so einfach herbeizaubern. Geld für zeitgemäßes Equipment hingegen wäre eigentlich genug da. Vor allem aber: Unterrichten mit Konzepten, die sich zwar gut anhören, aber oft wenig bringen - das müsste echt nicht sein, das ließe sich gleich morgen ändern, zudem ohne weitere Kosten. Immerhin liegt schon seit zehn Jahren die berüchtigte XXL-Metastudie von John Hattie auf dem Tisch. Aber viele Kultusministerien wollten die lieber nicht an die große Glocke hängen.

Man kann in jedem System gut lernen

Was der Australier nämlich über die Wirksamkeit schulischer Methoden herausfand, ließ allerlei Alarmglocken läuten. Etwa, dass das ganze Gesamtschul-Hickhack den Schülern herzlich wenig bringe - man könne in jedem System gut lernen, wenn denn die Methoden stimmten.

Nur liegt genau da ein wunder Punkt. Was seit geraumer Zeit hierzulande heftig beworben wurde, erwies sich in Hatties Forschungsüberblick nämlich weitgehend als Luftnummer, wenn nicht als Sackgasse: dass die Schüler ihren Lernprozess möglichst selbst - sogenannt eigenverantwortlich - steuern sollen.

Beste Leistungsergebnisse fand Hattie in Klassen, in denen die Lehrer strukturiert und abwechslungsreich unterrichteten, in denen es interessante Fachdebatten und individuelle Unterstützung gab, in denen das Lernklima fehlerfreundlich war. Auch die Bedeutung des Digitalen für die Schule hat Hattie recherchiert. Jüngstes Ergebnis: mit wenigen Ausnahmen höchstens durchschnittliche Lernwirksamkeit.

Plädoyer fürs gründliche Unterrichten

Die Hattie-Studie ist ein großartiges Plädoyer für gründlicheres Unterrichten. Aber sie spaltet die Bildungsgemeinde auch ein wenig: Eltern, die Unterrichtsstoff zunehmend mit ihren Kindern nacharbeiten müssen, fühlen sich bestätigt - ebenso Lehrer, die wider ihr Erfahrungswissen arbeiten sollen.

Die Bildungsindustrie hingegen ist natürlich kaum begeistert, wenn Lehrkräfte weniger neues Material kaufen, sondern ihre Stunden sorgfältiger durchdenken. Und einige Bildungsreformer muss es einfach arg geschmerzt haben, dass ihre Visionen der empirischen Wirklichkeit nicht standhielten.

Aber so ist das eben mit dem Fortschritt: Mitunter besteht er genau in der Korrektur dessen, was gestern noch der neueste Schrei war. Übrigens kann gründliches - Fachwort: tiefenwirksames - Unterrichten reichlich anstrengend sein. In Japan müssen Lehrer deshalb auch nur 17 Stunden unterrichten - statt bei uns 28.

Michael Felten (privat) Der Autor (privat)Michael Felten, geboren 1951, hat 35 Jahre Mathematik und Kunst an einem Gymnasium in Köln unterrichtet. Er arbeitet weiterhin in der Lehrerausbildung und berät Schulen bei ihrer Entwicklung. Ihm geht es darum, den Praxiserfahrungen der Lehrer und den Befunden der Unterrichtsforschung mehr Gehör in der Bildungsdebatte zu verschaffen. Er ist Mitbegründer der "Initiative Unterrichtsqualität" (IUQ)

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