Seit 19:30 Uhr Zeitfragen. Feature

Dienstag, 14.08.2018
 
Seit 19:30 Uhr Zeitfragen. Feature

Interview | Beitrag vom 02.08.2018

Kriminelle arabische ClansWie stark ist die Integrationskraft des Westens?

Ralph Ghadban im Gespräch mit Dieter Kassel

Beitrag hören Podcast abonnieren
Polizisten führen bei einem Einsatz 2016 eine Person in Handschellen aus einem Haus in Berlin im Bezirk Neukölln im Rahmen eines Großeinsatzes gegen eine mutmaßlich kriminelle arabische Großfamilie.  (dpa / Gregor Fischer)
Festnahmen bei SEK-Einsatz gegen arabischen Familienclan (dpa / Gregor Fischer)

Der Islamwissenschaftler und Publizist Ralph Ghadban warnt davor, die Gefahren, die von arabischen Clans ausgehen, zu unterschätzen. Clan-Kriminalität sei mehr als herkömmliche organisierte Kriminalität: "Sie ist auch ein Integrationsproblem."

77 Immobilien einer mutmaßlich kriminellen arabischen Großfamilie beschlagnahmte die Berliner Polizei im Juli - und lenkte damit auch den Blick auf ein Problem, das nach Ansicht des Politologen und Islamwissenschaftlers Ralph Ghadban lange unterschätzt und missverstanden wurde: die Kriminalität arabischer Clans.

Der Clan als gesellschaftliche Organisationsform

Der libanesisch-stämmige Publizist, der seit den 1970er-Jahren in Deutschland lebt, warnt seit langem vor dieser "unterschätzten Gefahr". Clan-Kriminalität sei mehr als herkömmliche organisierte Kriminalität, sagte er im Deutschlandfunk Kultur. "Sie ist auch ein Integrationsproblem." Denn hier träfen zwei unterschiedliche Vorstellungen von gesellschaftlicher Organisation aufeinander, was offenbar bisher viele nicht wahrhaben wollten: "Am Anfang dachte man, dass die Integrationskraft unseres westlichen Modells so stark ist, dass die Leute sich einfach integrieren werden."

Der Politik- und Islamwissenschaftler Ralph Ghadban. (imago / Müller-Stauffenberg)Der Politik- und Islamwissenschaftler Ralph Ghadban. (imago / Müller-Stauffenberg)

Man gehe hier davon aus, dass alle Länder so organisiert seien wie in Europa, kritisiert Ghadban. Das sei aber nicht der Fall. "In Europa haben wir eine offene Gesellschaft mit individualisierten Personen, also einzelnen Menschen, und das ganze System beruht auf dem Individuum", sagt er. "Im Orient – und das haben wir in den letzten Jahren ganz klar gesehen – überall, wo der Staat zusammenbricht, erscheinen Clans, Stämme und solche archaischen Organisationen, die in Europa nicht mehr existieren."

Dort sei die normale gesellschaftliche Organisationsform die Großfamilie: "Die versuchen das hier aufrechtzuerhalten, und sie schaffen es ganz leicht, weil sie merken, wenn sie zusammenhalten in einer individualisierten Gesellschaft, dann können sie viele Erfolge haben."

Der soziale Druck des Clans ist groß

Zwar würden viele hier gern ein normales Leben führen und sich integrieren. "Aber der soziale Druck führt dazu, dass die Leute zwangsweise zusammenhalten - und dichthalten. Sie halten so dicht, dass die Polizei diese Mauern nicht durchdringen kann."

Um diese Strukturen aufzubrechen, müsse man so vorgehen wie jüngst die Berliner Polizei: "Wenn das Vermögen, die Beute beschlagnahmt wird, wenn die Chancen auf Profit gering werden, dann besteht keine Notwendigkeit, dass diese Clanstrukturen aufrechterhalten bleiben. Dann kann eine Integration beginnen. Aber solange die Clanstrukturen Profit versprechen, können wir nichts machen."

Wie viele Clanmitglieder es in Deutschland genau gebe, wisse man nicht, so Ghadban. "Es gibt Schätzungen der Polizei, die reden von ca. 100.000 inzwischen, weil diese Familien sehr fruchtbar sind. Familien mit 14, 16 Kindern sind keine Ausnahme."

(uko)

Das Buch "Arabische Clans: Die unterschätzte Gefahr" von Ralph Ghadban erscheint voraussichtlich am 12. Oktober im Econ-Verlag.
Mehr zum Thema

Islam - Eine breite Bewegung gegen die Terroristen
(Deutschlandfunk, Interview, 02.05.2015)

Rechtsprechung - "Es gibt keinen Grund, irgendwelche Gesetze zu ändern"
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 16.09.2014)

Islam-Wissenschafter: Integration mit mehr Zwang durchsetzen
(Deutschlandfunk Kultur, Thema, 17.08.2006)

Interview

FührerscheinSenioren am Steuer – eine Gefahr?
ILLUSTRATION - Ein Rentner sitzt am 23.10.2013 in Stuttgart (Baden-Württemberg) bei einem Fahrsicherheitstraining am Steuer. Nachdem ein 88 Jahre alter Autofahrer beim Ausparken einen schweren Unfall verursacht hat, warnen Experten vor pauschaler Kritik gegen Senioren am Steuer. Foto: Jonas Schöll/dpa (picture alliance / dpa / Jonas Schöll)

Ältere Autofahrer sind überproportional häufig an Unfällen beteiligt. Sollte man also Autofahrern ab einem bestimmten Alter den Führerschein wegzunehmen? Der Fahrlehrer Dieter Quentin erklärt, warum er das für keine gute Idee hält. Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur