Kriegsgefangenschaft

Deutsche Kriegsgefangene marschieren am 3. Mai 1945 durch München © AP Archiv
Von Anke Petermann · 22.06.2005
Mit der deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945 war der 2. Weltkrieg zu Ende. Die Befreiung von Gewalt und Terror war jedoch für viele nicht gleichbedeutend mit Freiheit, vor allem nicht für die Soldaten der deutschen Wehrmacht. Konfrontiert mit der militärischen Niederlage wurden sie in die Kriegsgefangenschaft geführt, teils weit entfernt von der Heimat, zum Teil aber auch in Deutschland. Eines dieser Lager war die "Goldene Meile" auf den Rheinwiesen zwischen Remagen und Sinzig.
1945 - bei der Kapitulation im Ruhrkessel war er 20 - Johannes Friedrich Luxem, zwei Jahre zuvor als Kriegsfreiwilliger nach Russland gezogen. Noch vor Kriegsende kam er in das riesige Gefangenenlager zwischen Remagen und Sinzig, die "Goldene Meile", benannt nach dem fruchtbaren Schwemmland am Rhein. Keine Baracken, keine Zelte - an die 300.000 Menschen auf lehmigen Wiesen hinter Stacheldraht eingepfercht.

"... und an dem Tor mussten wir - ziemlich schnell ging das - "hurry up, Tempo, Tempo" - mussten wir alles abgeben und das wurde in ein großes Feuer geworfen - Konservenbüchsen, Dosen, Tabak, Zigaretten, die kostbaren Zigaretten, dann kamen wir in die Cages, in die Käfige, und da war nichts, da war nur der Stacheldraht und die Erde. Und da standen wir, wir standen buchstäblich im Regen, und der hörte gar nicht mehr auf."

Kürten: "Die deutschen Soldaten mussten nahezu alle ihre Zeltbahnen, ihre dicken Mäntel abgeben, weil die Amis Angst hatten, die wären verseucht, und bei den Amis war eine riesige Angst vor Seuchen. Und das konnte natürlich keiner von den deutschen Soldaten verstehen, warum er seinen Mantel und sein Zeltplanen abgeben musste, und er stand dann in seinem Uniform-Jäckchen hier, und das wird den Amerikanern schon sehr nachtragend vorgeworfen."

... weiß Hans Peter Kürten, Leiter des Friedensmuseums Brücke von Remagen, aus Gesprächen mit Zeitzeugen. Bewusste Erniedrigung? "Es ging wohl eher um Hygiene und logistische Probleme", sagt Johannes Friedrich Luxem. Das Durchgangslager war als Provisorium geplant, die Gefangenen gruben sich ihre Unterkünfte schließlich selbst:

"Unsere Erdhöhle war eine normale Grube, in die genau vier Mann reinpassten. Und die vier waren eine verschworene Gemeinschaft. Bedeckt war die Höhle mit zwei Zeltplanen, die hatte jemand noch gerettet. Nachts hockten wir manchmal Rücken an Rücken, liegen konnten wir nicht. Wir konnten in dem Loch nur hocken, aber wir hatten eine Decke auf dem Kopf, und das war rein psychologisch ein Gefühl, na ja wir sind in der Höhle wie in einem Erd-Uterus geschützt."

Kürten: "Später - weil viele nichts hatten, um über das Loch zu ziehen, machten sie seitlich dann eine tiefe Höhle, in die sie hinein krochen, aber manchmal stürzte die Höhle durch Regen ein, und dann waren die Leute so verhungert und so arm, dass sie nicht mehr aus der eingestürzten Erde hinaus kamen. Und für uns steht fest, es sind mehr als 1200 Soldaten umgekommen. Und die Dramatik war: bei den Soldaten war eine Reihe bei, die waren vom Polen-Feldzug an Soldat, waren an allen Grointen gewesen, hatten das alles überstanden. Der Krieg war vorbei, und dann sterben sie nach dem 8. Mai in diesem Lager."

Luxem: "Es hat einmal anderthalb Wochen an einem Stück geregnet, und da fing natürlich die Not an, und da fing auch die Erkenntnis an, dass man uns nicht hilft, dass man uns in diesem Schlamm einfach allein lässt."

Kürten: "Nach einigen Tagen wurden dann hier Becken aufgebaut, das Wasser wurde aus dem Rhein da rein gepumpt, unglaublich viel Chemikalien reingetan, - Chlor, damit man das Rheinwasser trinken konnte. Das stank. Und dann hat man riesige Gräben gebaut, Balken drüber gelegt, damit die Männer dann zum Klo gehen konnten, das es nicht gab."

Luxem: "... und die hockten dann über diesen Gräben, da war die Würde natürlich stark angekratzt. Im Übrigen sind einige ganz geschwächte Leute da schon mal da reingefallen. Das war ja ganz grauenhaft. Und dann gingen andere mit den Geschwächten mit und haben die gestützt."

Aus dem "Frühling in der Goldenen Meil", von Günter Eich, geschrieben im Lager. Dritte und vierte Strophe:

"In trübe Stille
das Lager versinkt.
Mein eigener Seufzer füllt kein Ohr.
Als Gruß der Welt noch herüber dringt
der Geruch von Latrine und Chlor.

Ungerührt von allem besteht
die Vollkommenheit der Welt.
Gottes eisiger Odem weht
übers Gefangenenzelt."