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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 08.05.2020

Kriegsende und BefreiungMan muss den Preis der Freiheit kennen!

Ein Einwurf von Jaap Robben

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Eine junge Frau und ein junger Mann sitzen nebeneinander, im Hintergrund ist das Sowjetische Ehrenmal im Treptower Park in Berlin zu sehen. (imago images / Jürgen Ritter)
Ein junges Paar besucht die Gedenkstätte Sowjetisches Ehrenmal in Berlin-Treptow. (imago images / Jürgen Ritter)

Sich an Schuld erinnern, aber darüber hinaus auch die Befreiung und die Freiheit würdigen: Das rät der niederländische Autor Jaap Robben beim Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs. Dass dies in Deutschland so wenig geschieht, wundert ihn.

In Deutschland wird so vieler Schuld gedacht. Aber seit ich vor sieben Jahren aus den Niederlanden in ein Dorf am Niederrhein gezogen bin, ist mir hier noch nie aufgefallen, dass die Befreiung gefeiert wird.

Obwohl die Deutschen doch eigentlich auch von der NS-Diktatur befreit wurden? Besonders alle Nachkriegsgenerationen.

Keine Denkmäler der Befreiung in Deutschland

Im niederländischen Dorf Groesbeek an der Grenze zu Deutschland wimmelt es nur so von Denkmälern. Gedenktafeln, das Befreiungsmuseum, Festivals, die Airborne-Route. Aber sobald ich die Grenze zu Deutschland überschreite, sehe ich nichts mehr. Nicht einmal ein Schild.

Obwohl die "Operation Veritable" von Groesbeek in Richtung Ruhrgebiet die drittgrößte Operation zur Befreiung Europas war. Die Alliierten verloren 23.000 Mann, auf der deutschen Seite wurden 38.000 Soldaten getötet. Auf Wikipedia suche ich nach weiteren Informationen.

Im niederländischen Artikel ist die Rede von der Befreiung des Gebietes zwischen Rhein und Ruhr. Ich klicke mich durch zur deutschen Version des Artikels. Da heißt es "Die Schlacht im Reichswald" - und nirgendwo lese ich mehr das Wort Befreiung.

Identifikation mit den Befreiern

Für mich als Niederländer war es immer eine Selbstverständlichkeit, mich mit den Befreiern zu identifizieren. Ich habe mich ohne Zögern zu ihnen gezählt, obwohl ich in keiner Weise zu dieser Befreiung beigetragen habe. Wir Niederländer gehörten alle zu ihnen, das war unsere Seite der Geschichte. So lernten wir es auch in der Schule.

In Wirklichkeit kämpften 22.000 niederländische Männer freiwillig an der Seite der SS. Das ist um ein Vielfaches mehr, als die Anzahl der Niederländer, die an der Seite der alliierten Truppen gekämpft hat. 106.000 Juden wurden aus den Niederlanden deportiert, verhältnismäßig viel mehr als aus anderen Ländern.

Dennoch haben wir nach dem Krieg nur die Opferrolle aus dem Erbe gewählt. Mittlerweile widmet man unserem dunklen Anteil in dieser Vergangenheit mehr Aufmerksamkeit. Das Wichtigste, was wir daraus lernen, ist, dass wir uns nicht mehr ausschließlich damit beschäftigen, Hass bei anderen wahrzunehmen. Sondern auch bei uns selbst.

Wir sehen den Keim für das, was in den 1930er-Jahren geschah, nicht mehr als etwas ausschließlich Deutsches, sondern als etwas, das überall stattfinden kann. Auch bei uns.

Die Geschichte der Freiheit

Bei deutschen Freunden meiner Generation bemerke ich noch oft eine Art Unbehagen, darüber zu sprechen. Obwohl sie, wie ich, in keiner Weise persönlich an diesem Krieg beteiligt waren. Kürzlich hörte ich im niederländischen Radio 1 die deutsche Journalistin Christina Weise.

Untersuchungen haben gezeigt, dass 80 Prozent der deutschen Jugendlichen an der deutschen Geschichte interessiert sind. Ein Großteil davon will jedoch nicht noch mehr über die Nazi-Vergangenheit wissen. Während in den Niederlanden das Interesse größer denn je zu sein scheint.

Weise erzählte, wie ihre Generation der über 30-Jährigen für die Nazi-Vergangenheit abgestumpft worden war, da diese in der Schule immer mit erhobenem Zeigefinger erzählt wurde.

Die Folge war, dass die jungen Menschen fast dazu verpflichtet wurden, sich mit dieser schwarzen Kriegsvergangenheit zu identifizieren. Dadurch entstand Desinteresse. Das erscheint mir gefährlich, der Keim eines Krieges liegt oft im vorangegangenen Krieg.

Vielleicht würde es helfen, mehr über die Geschichte der Freiheit, über das Ende des Krieges zu erfahren. Das würde an den schrecklichen Tatsachen nichts ändern, aber es würde mehr Licht geben, um die dunkle Vergangenheit betrachten zu können.

Der Preis der Freiheit

Im Kriegsende liegt nämlich die Grundlage dafür, wer Sie sind und wer Sie sein dürfen. Diejenigen, die verwundbar sind, werden beschützt. Sie sind frei zu glauben, was immer Sie glauben wollen. Sie können lieben, wen immer Sie lieben wollen.

Aber wie kann die jüngste Generation der Deutschen wissen, was hier passiert ist, wenn ein großer Teil dieser Vergangenheit so unsichtbar ist? Woher weiß man, dass man auf die Freiheit achten muss, wenn man nicht weiß, was sie gekostet hat?

Jaap Robben posiert für ein Pressefoto (Charlie de Keersemaecker)Jaap Robben, niederländischer Schriftsteller und Theaterautor (Charlie de Keersemaecker)Jaap Robben, Jahrgang 1984, ist niederländischer Schriftsteller. Er hat Gedichte, Bilderbücher und Romane veröffentlicht und schreibt Texte fürs Theater. Von 2008 bis 2010 war Stadtschreiber (Stadsdichter) von Nijmegen. Für die "WAZ" hat er sich zusammen mit Zeitzeugen anlässlich des 75-jährigen Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkrieges auf Spurensuche im deutsch-niederländischen Grenzgebiet begeben.

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