Seit 14:05 Uhr Kompressor

Mittwoch, 16.10.2019
 
Seit 14:05 Uhr Kompressor

Fazit / Archiv | Beitrag vom 30.09.2018

"Krieg und Frieden" in NürnbergViel Raum für große Historie und Gefühle

Von Franziska Stürz

Podcast abonnieren
Ein Szenenfoto aus der Oper "Krieg und Frieden" von Sergej Prokofjew am Staatstheater Nürnberg. (Ludwig Olah/Staatstheater Nürnberg)
Regisseur Jens-Daniel Herzog zeigt ein zwischen Pathos und Satire schwankendes Bild einer Gesellschaft in der Krise. (Ludwig Olah/Staatstheater Nürnberg)

Mit der selten gespielten und opulenten Oper "Krieg und Frieden" von Prokofjew feiert Jens-Daniel Herzog als neuer Intendant seinen Einstand am Nürnberger Staatstheater. Stellt er anfangs geschickt aktuelle Bezüge her, verliert er sich am Ende doch in Pathos.

Ungekürzt kommt Prokofjews Mammut-Oper nach Leo Tolstois Historienroman "Krieg und Frieden" auf knapp fünf Stunden Spieldauer. Für die erste Opernpremiere der neuen Spielzeit in Nürnberg haben Musikdirektorin Joana Mallwitz und Intendant Jens-Daniel Herzog sich für eine auf gut drei Stunden gekürzte Fassung entschieden, in der dennoch viel Raum für große Historie, große Gefühle und bombastische Klänge ist.

22 Solisten singen die vielen Rollen dieser Oper, und mit Chor, Extrachor und Statisterie präsentiert das Staatstheater Nürnberg zusätzlich ein enormes personelles Aufgebot auf der von Mathis Neidhardt konsequent schwarz gehaltenen Bühne des Opernhauses.

Napoleon Bonaparte als Staatsmann in den TV-Nachrichten

Regisseur Jens-Daniel Herzog stellt in der ersten Hälfte den Bezug zur Gegenwart durch geschickte Abstraktionen her, indem die Kostüme der russischen Gesellschaft auch der heutigen Mode entsprechen und Napoleon Bonaparte als Staatsmann durch TV-Nachrichten flackert. Nach der Pause, wenn die Gräuel des Krieges in den Vordergrund rücken, verliert sich dieser zeitgenössische Bezug allerdings mehr und mehr.

Eleonore Marguerre als Natascha und Kammersänger Jochen Kupfer als Bolkonski tanzen zusammen auf der Bühne. (Ludwig Olah/Staatstheater Nürnberg)Eleonore Marguerre als Natascha und Kammersänger Jochen Kupfer als Bolkonski. (Ludwig Olah/Staatstheater Nürnberg)

Unter den Solisten ragt das tragische Liebespaar Natascha und Andrej heraus, gesungen von der Sopranistin Eleonore Marguerre und Bariton Jochen Kupfer. Auch Zurab Zurabishvili als Pierre auf der Suche nach dem Sinn des Lebens liefert ein besonders eindrückliches Rollenportrait.

Regisseur Herzog zeigt in 13 Szenen mit Nebenschauplätzen ein zwischen Pathos und Satire schwankendes Bild einer Gesellschaft in der Krise: Geldgier, Skrupellosigkeit, Oberflächlichkeit und Gefühlskälte kommen bei vielen Protagonisten in zeitloser Gültigkeit zum Ausdruck.

Donnernd einstürzende Theaterwand

Der russische Patriotismus in Prokofjews Werk trägt unverkennbar propagandistische Züge, und die klagende russische Volksseele wirkt gegen Ende des Opernabend immer erdrückender. Insofern entsteht der Eindruck, dieses selten gespielte, opulente Werk sei auch in der Absicht gewählt worden, die neue Spielzeit mit einem weit hörbaren, mächtigen Paukenschlag zu eröffnen.

Nürnberg setzt all seine Kräfte mächtig in Bewegung, bis hin zur donnernd einstürzenden Theaterwand. Ob sich Volkes Stimme heute und hier in "Krieg und Frieden" wiederfinden kann, darf dennoch angezweifelt werden. Zu groß sind Pathos, Kitsch und Propaganda-Faktoren in diesem oszillierenden Werk zwischen interpretierter Geschichtsstunde einerseits und musikalischem Pomp andererseits.

Mehr zum Thema

Kammermusikfest Spannungen 2018 - Russland pur
(Deutschlandfunk, Musik-Panorama, 24.09.2018)

Viktor Schklowskij: "Sentimentale Reise" - Erinnerungen eines russischen Armeeoffiziers
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 05.07.2017)

Tolstois "Auferstehung" - Radikale Infragestellung der herrschenden Ordnung
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 13.04.2017)

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsSchriftsteller im Krieg
Saša Stanišić, aus Bosnien stammender Autor, erhält den Deutschen Buchpreis 2019 und steht am 14.10.2019 im Kaisersaal des Frankfurter Römers mit seiner Urkunde. (Foto: Andreas Arnold/dpa)

Gerade gekürt empörte sich der Gewinner des Deutschen Buchpreises Saša Stanišić über den Literaturnobelpreisträger Peter Handke, schreibt die "Welt". Wie Literatur Wirklichkeit abbilden sollte, sei auch eine Generationenfrage, stellt die "FAZ" fest.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 17Wirtschaftswunder, Winnetou und Wurst?
Olaf Hoerbe als Intschu-tschuna spielt während der Hauptprobe von "Winnetou " auf der Felsenbühne in Rathen, Sachsen. (dpa /  Matthias Rietschel)

Wie reagieren Theater auf veränderte gesellschaftliche Bedingungen in Zeiten des erstarkenden Rechtspopulismus? In einer Umfrage haben 32 Theaterleiter in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen darauf geantwortet.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur