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Tonart | Beitrag vom 07.04.2017

KreidlerBotschaften zur Schieflage der Welt

Von Bernd Lechler

Die 1994 in Düsseldorf gegründete Band "Kreidler". (Chrisa Ralli & Melina Pafundi)
Die Düsseldorfer Band Kreidler (Chrisa Ralli & Melina Pafundi)

Auf dem Cover: eine Installation der Künstlerin Rosemarie Trockel, die einen aufgebockten, goldenen amerikanischen Sportwagen inmitten einer kalten Betonlandschaft zeigt. Das ist "European Song", das neue Album von Kreidler, den halbakustischen Elektronik-Musikern.

Ihr dreizehntes Album war fertig. Ein minimalistisch verspieltes Ding, gut gelaunt für Kreidler'sche Verhältnisse. Das Düsseldorfer Masteringstudio für den finalen Schliff war gebucht, das Cover geklärt, die Videos beauftragt. Dann wählten die Amerikaner Donald Trump zum US-Präsidenten.

"Also, Trump war jetzt nur so ein Symptom eigentlich, für - naja, ob das jetzt Erdogan oder Putin oder Ungarn, oder in Frankreich, Niederlande, bei uns die AfD, also dieser rechte, xenophobe, homophobe Alptraum. Und da dachten wir irgendwie, die Platte ist zu fragmentarisch. Zu leichtfüßig vielleicht auch. Dann haben wir in Düsseldorf angerufen und gesagt: 'Geht nicht', haha, haben das erklärt und haben gesagt: Wir buchen jetzt ein Ticket und sind in zwei Tagen da und nehmen eine neue Platte auf, und das haben wir dann so gemacht."

In nur zwei Tagen wurden "European Song" aufgenommen: Kreidler waren unter den sogenannten Soundtüftlern immer schon eher die Musikanten, die improvisationsfreudigen Hand-Anleger. Und eine bestens eingespielte Gemeinschaft, die Drummer Thomas Klein als stabiles molekulares Gefüge beschreibt, normalerweise resistent gegenüber Einflüssen von außen.

"Man kann sich's so vorstellen, dass unter dem Einfluss dieser politischen Situation irgendwie so ein Gebilde auch in alle Winde sich verflüchtigen kann. Wo man das Gefühl hat: Nein, wir brauchen jetzt noch mal diese Kraft der stabilen Verbindung, um dem was entgegenzusetzen."

Die Band als Bollwerk. Wobei sich natürlich sofort die Frage stellt, wie spürbar politisch die Musik sein kann, die so entsteht, und was sie bewirken kann. Erst mal nicht viel, sagt Andreas Reihse und zitiert die Popjournalistin Julie Burchill:

"Auf das kommunistische Manifest kann man nicht tanzen."

Oder die Thesen des Kulturwissenschaftlers Klaus Theweleit:

"dass halt ein Gottfried Benn in seiner täglichen Arbeit als Arzt, wo er das Proletariat versorgt hat, viel mehr bewirkt hat als irgendwie so ein Bertolt Brecht, der halt Salonpolitik betrieben hat."

Und wenn man kein Arzt ist, sondern nur Künstler? Detlef Weinrich erzählt, da seien zurzeit alle, mit denen er rede, verunsichert hinsichtlich ihrer Mittel.

"Dass das so leise alles ist, 'ne? Dass sich nicht wirklich geäußert wird in der Kunstwelt und auch in der Musikwelt. Und als Instrumentalband ist das sowieso schwierig. Aber gesagt ist eben auch schon ne ganze Menge worden, also über Texte. Und wie man das umsetzt, also was kann eine Platte überhaupt machen, als Protest oder so - das kann man eigentlich gar nicht mehr leisten. Aber man kann's wenigstens formulieren, dass man das wollte! Das ist vielleicht ein wichtiger Punkt bei der Platte auch."

In Teilen durchaus tanzbar

Es ist eine oft bedrohlich wirkende Musik geworden (der erste Titel heißt "Boots", Stiefel), und sie passt wirklich in die Zeit. Hörenswert ist "European Song" aber nicht zuletzt, weil die Botschaft die Musik nicht zudeckt. Er habe getrommelt wie ein wütendes Kind, sagt Thomas Klein, und das Ergebnis ist in Teilen durchaus tanzbar. Auch das hysterische Schlussstück mit dem scheinbar programmatischen Titel "No God" entsprang keiner Religionskritik, sondern einem in einer Wohnküche kunstlos gezupften Gitarrenriff - und einem zufällig gefundenen Sound.

"Es ist ein bestimmter Voice-Synthesizer, und es klingt ein bisschen wie Worte. Plözlich waren diese Worte da - war es 'Oh God', oder 'No God' ... Es war wie eine Art panisches Mantra zum Weltuntergang. Ich habe auch viel an Kinder gedacht bei diesem Stück. Dass es wie ängstliche Kinder klingt."

Das dreizehnte Album in dreiundzwanzig Jahren. Als Kreidler anfingen, stieg der DJ gerade zum Star auf, Songwriting war altmodisch, alle produzierten "Tracks", und von "Lounge" bis "Clicks-&-Cuts" war repetitive Musik ohne Gesang das Ding der Stunde. Kreidler gehörten von Anfang an zu den anspruchsvolleren Acts und sahen sich kaum als Teil einer Bewegung. Entsprechend fühlen sie sich heute auch nicht einsamer.

"Also, wir haben uns damals ja auch immer gewehrt, was das alles sein sollte, was weiß ich, Post-Irgendwas oder Downbeat, keine Ahnung." 

"Heute gibt's vielleicht nicht mehr so viele Begriffe für all das. Aber ich lese auch nicht mehr Spex oder irgend sowas, deswegen weiß ich auch gar nicht, was die Leute darüber reden."

Stehen sie trotzdem in einer Tradition? Soul könnten sie naturgemäß nicht, sagt Reihse, oder englisch-coolen Dreiminuten- Pop. Sie seien eine kontinentale Band. Und damit aber Teil von etwas, was irgendwann im sechzehnten Jahrhundert angefangen habe, nicht erst mit Kraftwerk oder Krautrock.

"'European Song' ist auf der einen Seite ein bisschen wie ein fiktives Genre. Es geht um eine Art Fundus von Material oder Ideen. Und dann natürlich auch diese tragische Geschichte von Europa, dass es so oft zu Gewalt kam und zu großen Kriegen. Und wenn man diese Energien sich wieder bündeln sieht, dann hat man natürlich große Angst. Und so kann man es natürlich solidarisch verstehen, als Antwort auf den Brexit, aber es ist auch eine Art und Weise, diese Gefahr zu spiegeln."

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