Krebs-Nachsorge übers Internet
Nach einer Krebsbehandlung plagen die Patienten oft traumatische Erinnerungen. Um hier zu helfen, sind Psychotherapeuten gefragt. An der Uni-Klinik Ulm haben Forscher nun ein Verfahren entwickelt, das Abhilfe verspricht – und zwar übers Internet.
Therapie am Rechner: Die Diplom-Psychologin Diana Seitz bei ihrer täglichen Arbeit in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uni Ulm. Statt im Gespräch mit einem Patienten sitzt sie am Computer, öffnet die Seite onko-step.de
"Also in dieser ersten Aufgabe bitten wir die Teilnehmer darum, dass sie einen Text verfassen über ihre schlimmsten Erfahrungen in der Vergangenheit. Was viele Teilnehmer tun, ist, dass sie über körperliche Eingriffe in Zusammenhang mit der Krebserkrankung schreiben, also dass gerade zum Beispiel ein Rückenstich vorgenommen wurde. Sie waren ja damals Kinder, als sie das erlebt haben und hatten massive Ängste. Sie haben sich über das ganze Vorgehen nicht aufgeklärt gefühlt oder hatten auch die Angst, während dieser Eingriffe zu sterben."
Diana Seitz ist eine von zwei Therapeutinnen in Ulm, die die Texte ihrer Patienten lesen und übers Netz kommentieren. Bei den Patienten handelt es sich um junge Frauen und Männer, die in ihrer Kindheit an Krebs erkrankt waren. Seitdem leben sie ständig mit Ängsten. Die Folgen: Schlaf-, Konzentrations- und Verhaltensstörungen, Albträume. Durch die Aufgaben, die ihnen Diana Seitz übers Internet stellt, werden sie gezwungen, sich mit ihrer Vergangenheit erneut auseinanderzusetzen. Mit der harten Zeit der Krebs-Diagnose, der Behandlung, der Unsicherheit darüber, ob die Krankheit letztlich besiegt wird. Dabei soll das Unterbewusstsein dauerhaft erkennen, dass der Krebs überwunden ist. "Expositionstheorie" nennen die Fachleute dieses Verfahren. Zu ihnen gehört Projektleiter Professor Lutz Goldbeck, Leiter der Psychotherapieforschung an der Uni-Klinik Ulm:
"Das heißt: Menschen mit Ängsten werden ganz bewusst und graduiert, also schrittweise, mit ihren Ängsten konfrontiert, also mit Angstgedanken zum Beispiel oder mit Angstobjekten. Und durch die schrittweise Annäherung verliert die Angst an Bedeutung und an unmittelbarem Schrecken. Menschen lernen dann auch, mit gesundheitsbezogenen Ängsten adäquater, also rationaler umzugehen."
Ganz bewusst haben sich die Experten an der Uni Ulm entscheiden, diese Therapie übers Internet anzubieten. Die Idee dazu wurde vor zehn Jahren in Holland geboren und nun in Ulm weiterentwickelt. Denn bei der Therapie übers Netz ergeben sich im Vergleich zur persönlichen Begegnung zwischen Therapeut und Patienten erhebliche Vorteile.
"Die Transposition auf das Schreiben im Internet erlaubt uns ja, sehr viele Menschen zu erreichen. Also: Menschen, die niemals das Therapiezimmer eines Therapeuten betreten würden, können auf diese Art und Weise teilnehmen an einer Psychotherapie. Und wir versprechen uns von daher, auf diesem Weg Psychotherapie anzubieten, dass deutlich mehr Menschen überhaupt in den Genuss einer Psychotherapie kommen, als das bisher möglich ist."
Der Hauptvorteil: Die Anonymität. Der Patient sitzt am Rechner. Er scheint sich dort nicht mehr einer Therapeutin aus Fleisch und Blut, sondern einem anonymen Gegenüber zu offenbaren. Das erleichtert vor allem Krebspatienten, sich über ihre geheimen Ängste zu äußern.
"Also es gibt ja auch wirklich Leute, die haben erst Berührungsängste, überhaupt zu einem Therapeuten zu gehen. Und das Internet hilft eben, diese Berührungsängste abzubauen. Und was sich auch in anderen Studien gezeigt hat, ist eben, dass so ein Angebot, wenn man das erst einmal im Internet wahrgenommen hat, man danach ganz allgemein der Psychotherapie viel aufgeschlossener ist."
Damit birgt das Web 2.0 mit all seinen dialogischen Funktionen völlig neue Möglichkeiten der Psychotherapie: Die Schwelle, sich einem Therapeuten anzuvertrauen, sinkt. Außerdem kann Therapeutin Diana Seitz über große zeitliche Distanzen hinweg viel mehr Patienten betreuen, als dies in herkömmlichen persönlichen Gesprächen möglich wäre. Doch längst bietet das Internet viel mehr Kommunikationsmöglichkeiten als das bloße Austauschen von Texten: Audio- und Videokonferenzen via Skype wären beispielsweise denkbar.
"Also wir hatten uns das am Anfang auch überlegt, gerade mit Skypen beispielsweise. Aber wir haben uns dann schlussendlich doch entschlossen, uns rein auf die Textform zu beschränken. Denn dabei kommt ein Vorteil zum Tragen: Alles andere wird ausgeblendet. Und man konzentriert sich wirklich nur auf das Wesentliche. Wenn wir dann wieder anfangen mit Skypen und Bildübertragung, ist dieser Vorteil ja wieder dahin."
Deshalb bleibt es für Therapeutinnen wie Diana Seitz bei der bislang ungewohnten Tätigkeit: Nämlich sich am Computer die Finger wund schreiben – zum Wohle der Patienten. Das Ulmer Modellprojekt "Onko-Step" läuft bis Mai. Danach wollen die Experten die Erfahrungen wissenschaftlich auswerten. Schon jetzt weiß Projektleiter Lutz Goldbeck eines ganz genau: Psychotherapie übers Internet wird in den kommenden Jahren erheblich an Stellenwert hinzugewinnen.
"Und es zeigt sich, dass Menschen in Städten gut versorgt sind, weil da eine hohe Dichte von Therapeuten und Ärzten herrscht. Aber Menschen im ländlichen Raum oder Menschen, die viel mobil unterwegs sind, werden dagegen nicht gut erreicht, daher bietet das Internet als Medium für die Durchführung von Psychotherapie, von Teilen von Psychotherapie enorme Chancen, Menschen zu erreichen, bis bisher unterversorgt sind."
Die Ulmer Experten denken dabei nicht nur an die krebskranken Kinder. Sie haben eine weitere, sehr heikle Problemgruppe im Visier: Opfer sexuellen Missbrauchs, die unter den Spätfolgen häufig noch Jahre und Jahrzehnte leiden. Durch die anonyme Form des Internets könnten sich gerade für solche Menschen neue Therapieformen ergeben. Gerade sie haben deshalb allen Grund, neue Hoffnung zu schöpfen – nach einer langen Zeit des Leidens.
Mehr zum Thema bei dradio.de:
Krebs belastet auch psychisch: Psychoonkologie kann helfen
"Also in dieser ersten Aufgabe bitten wir die Teilnehmer darum, dass sie einen Text verfassen über ihre schlimmsten Erfahrungen in der Vergangenheit. Was viele Teilnehmer tun, ist, dass sie über körperliche Eingriffe in Zusammenhang mit der Krebserkrankung schreiben, also dass gerade zum Beispiel ein Rückenstich vorgenommen wurde. Sie waren ja damals Kinder, als sie das erlebt haben und hatten massive Ängste. Sie haben sich über das ganze Vorgehen nicht aufgeklärt gefühlt oder hatten auch die Angst, während dieser Eingriffe zu sterben."
Diana Seitz ist eine von zwei Therapeutinnen in Ulm, die die Texte ihrer Patienten lesen und übers Netz kommentieren. Bei den Patienten handelt es sich um junge Frauen und Männer, die in ihrer Kindheit an Krebs erkrankt waren. Seitdem leben sie ständig mit Ängsten. Die Folgen: Schlaf-, Konzentrations- und Verhaltensstörungen, Albträume. Durch die Aufgaben, die ihnen Diana Seitz übers Internet stellt, werden sie gezwungen, sich mit ihrer Vergangenheit erneut auseinanderzusetzen. Mit der harten Zeit der Krebs-Diagnose, der Behandlung, der Unsicherheit darüber, ob die Krankheit letztlich besiegt wird. Dabei soll das Unterbewusstsein dauerhaft erkennen, dass der Krebs überwunden ist. "Expositionstheorie" nennen die Fachleute dieses Verfahren. Zu ihnen gehört Projektleiter Professor Lutz Goldbeck, Leiter der Psychotherapieforschung an der Uni-Klinik Ulm:
"Das heißt: Menschen mit Ängsten werden ganz bewusst und graduiert, also schrittweise, mit ihren Ängsten konfrontiert, also mit Angstgedanken zum Beispiel oder mit Angstobjekten. Und durch die schrittweise Annäherung verliert die Angst an Bedeutung und an unmittelbarem Schrecken. Menschen lernen dann auch, mit gesundheitsbezogenen Ängsten adäquater, also rationaler umzugehen."
Ganz bewusst haben sich die Experten an der Uni Ulm entscheiden, diese Therapie übers Internet anzubieten. Die Idee dazu wurde vor zehn Jahren in Holland geboren und nun in Ulm weiterentwickelt. Denn bei der Therapie übers Netz ergeben sich im Vergleich zur persönlichen Begegnung zwischen Therapeut und Patienten erhebliche Vorteile.
"Die Transposition auf das Schreiben im Internet erlaubt uns ja, sehr viele Menschen zu erreichen. Also: Menschen, die niemals das Therapiezimmer eines Therapeuten betreten würden, können auf diese Art und Weise teilnehmen an einer Psychotherapie. Und wir versprechen uns von daher, auf diesem Weg Psychotherapie anzubieten, dass deutlich mehr Menschen überhaupt in den Genuss einer Psychotherapie kommen, als das bisher möglich ist."
Der Hauptvorteil: Die Anonymität. Der Patient sitzt am Rechner. Er scheint sich dort nicht mehr einer Therapeutin aus Fleisch und Blut, sondern einem anonymen Gegenüber zu offenbaren. Das erleichtert vor allem Krebspatienten, sich über ihre geheimen Ängste zu äußern.
"Also es gibt ja auch wirklich Leute, die haben erst Berührungsängste, überhaupt zu einem Therapeuten zu gehen. Und das Internet hilft eben, diese Berührungsängste abzubauen. Und was sich auch in anderen Studien gezeigt hat, ist eben, dass so ein Angebot, wenn man das erst einmal im Internet wahrgenommen hat, man danach ganz allgemein der Psychotherapie viel aufgeschlossener ist."
Damit birgt das Web 2.0 mit all seinen dialogischen Funktionen völlig neue Möglichkeiten der Psychotherapie: Die Schwelle, sich einem Therapeuten anzuvertrauen, sinkt. Außerdem kann Therapeutin Diana Seitz über große zeitliche Distanzen hinweg viel mehr Patienten betreuen, als dies in herkömmlichen persönlichen Gesprächen möglich wäre. Doch längst bietet das Internet viel mehr Kommunikationsmöglichkeiten als das bloße Austauschen von Texten: Audio- und Videokonferenzen via Skype wären beispielsweise denkbar.
"Also wir hatten uns das am Anfang auch überlegt, gerade mit Skypen beispielsweise. Aber wir haben uns dann schlussendlich doch entschlossen, uns rein auf die Textform zu beschränken. Denn dabei kommt ein Vorteil zum Tragen: Alles andere wird ausgeblendet. Und man konzentriert sich wirklich nur auf das Wesentliche. Wenn wir dann wieder anfangen mit Skypen und Bildübertragung, ist dieser Vorteil ja wieder dahin."
Deshalb bleibt es für Therapeutinnen wie Diana Seitz bei der bislang ungewohnten Tätigkeit: Nämlich sich am Computer die Finger wund schreiben – zum Wohle der Patienten. Das Ulmer Modellprojekt "Onko-Step" läuft bis Mai. Danach wollen die Experten die Erfahrungen wissenschaftlich auswerten. Schon jetzt weiß Projektleiter Lutz Goldbeck eines ganz genau: Psychotherapie übers Internet wird in den kommenden Jahren erheblich an Stellenwert hinzugewinnen.
"Und es zeigt sich, dass Menschen in Städten gut versorgt sind, weil da eine hohe Dichte von Therapeuten und Ärzten herrscht. Aber Menschen im ländlichen Raum oder Menschen, die viel mobil unterwegs sind, werden dagegen nicht gut erreicht, daher bietet das Internet als Medium für die Durchführung von Psychotherapie, von Teilen von Psychotherapie enorme Chancen, Menschen zu erreichen, bis bisher unterversorgt sind."
Die Ulmer Experten denken dabei nicht nur an die krebskranken Kinder. Sie haben eine weitere, sehr heikle Problemgruppe im Visier: Opfer sexuellen Missbrauchs, die unter den Spätfolgen häufig noch Jahre und Jahrzehnte leiden. Durch die anonyme Form des Internets könnten sich gerade für solche Menschen neue Therapieformen ergeben. Gerade sie haben deshalb allen Grund, neue Hoffnung zu schöpfen – nach einer langen Zeit des Leidens.
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