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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 17.06.2011

Krassheit fasziniert ihn

Max Doehlemann macht Musik zu Motiven aus der hebräischen Bibel - und vieles mehr

Von Gerald Beyrodt

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Morgens sind bei Max Doehlemann zwei Stunden fürs Komponieren reserviert (Stock.XCHNG)
Morgens sind bei Max Doehlemann zwei Stunden fürs Komponieren reserviert (Stock.XCHNG)

Der Komponist Max Doehlemann schreibt Film- und Theatermusiken, spielt im Berliner Ensemble Klavier. Er hat eine Jazzband und unterhält einen jüdischen Kultursalon. Zentrum seiner Arbeit sind Kompositionen im Stil der Neuen Musik. Die verbindet er gerne mit biblischen Geschichten oder Motiven aus dem jüdischen Gottesdienst.

Es sind uralte Klänge, die den Komponisten Max Doehlemann faszinieren und oft Weiterkomponieren anregen – nämlich die Melodien des jüdischen Toravortrags. Nur selten lesen Juden die Tora vor, wie man ein Buch vorliest. Meist wird sie im Sprechgesang vorgetragen. Max Doehlemann greift die Motive des Toravortrags auf und treibt sie weiter. Solche Musikstücke nennt er "musikalische Midraschim". Ein Midrasch deutet eine biblische Geschichte oder erzählt sie weiter- gemeinhin mit Worten. Max Doehlemann komponiert im Stil der Neuen Musik und arbeitet nach einem ausklügelten mathematischen Verfahren.

Die eben auf Hebräisch angeklungene biblische Geschichte handelt vom israelitischen Hohepriester Pinchas, der einen Israeliten und dessen midianitische Geliebte umbringt, sie während des Geschlechtsaktes mit einem Speer durchbohrt. Die Israeliten hatten Midianiterinnen geheiratet und midianitische Götter angebetet. Das Tat des Pinchas ist zu allem Überfluss auch noch gottgefällig – zumindest in den Augen der Bibel.

Max Doehlemann komponiert gerne Musik zu Texten, die provozieren und Widerspruch herausfordern:

"Ich mag das dann auch, Stellen, die scharf sind, die schwierig sind, wo man nicht gleich weiß, wo man sie hinstecken soll. Ich mag das an dieser hebräischen Bibel und auch an der jüdischen Deutungstradition, dass man nicht immer versucht, sich das alles schönzureden, sondern dass diese Widersprüchlichkeit und Krassheit, die da drin ist, einfach stehen bleibt, und das fasziniert mich durchaus, ja."

Auch eine musikalische Reflexion zum biblischen Buch Ejcha, also Jeremias Klagelieder, findet sich auf der CD. Es handelt von der Zerstörung des Tempels. Entsprechend düster und hoffnungslos ist der Ton:

"Ich find' das einen literarisch unglaublich dichten Text, der besteht aus fünf Teilen. Es ist faszinierend, dass dieser wirlich alte Text der hebräischen Bibel eine Subjektivität hat von einer fast modern zu nennenden literarischen Kraft."

Neben seinen Kompositionen betreibt Max Doehlemann eine Fülle anderer Aktivitäten: Der 40-Jährige ist Theater- und Filmmusiker, spielt Klavier am Berliner Ensemble, komponierte in den 90er-Jahren auch die Musik für etliche Folgen der Seifenoper "Marienhof". Unlängst spielte er vor deutschen Soldaten in Afghanistan Klavier. Jeden Monat lädt er ein zu einem Jüdischen Kultursalon in die Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz ein:

"Basis davon ist immer mein Jazztrio, und dass Gäste dazu kommen, das können also Schauspieler sein oder andere Musiker, wie auch immer."

Für Max Doehlemann ist der Salon auch ein Forum, um frisch Komponiertes vorzustellen. Oft begleitet er mit seinen Jazzmusikern auch Rabbiner Walter Rothschild. Der unterlegt unterlegt eingängige jüdische Melodien oft mit bitterbösen Texten: etwa von Cousin Harald, der plötzlich unausstehlich religiös wird.

Auch nach späten Auftritten muss Max Doehlemann früh aufstehen: Sein Sohn muss in die Schule. Und obwohl die Morgenstunde nicht seine Sache ist, steht als fester Termin in Doehlemanns Kalender: zwischen acht und zehn Komponieren.

"Ich bin zwar zu nichts zu gebrauchen, hab aber trotzdem am meisten Impulse im Kopf und fühl mich am frischesten. Beim Komponieren ist eigentlich für mich ganz wichtig, einen freien Kopf zu haben, einen frischen Blick immer wieder auf das eigene Stück zu bekommen."

Max Doehlemann ist sich sehr bewusst, dass seine Musik Ansprüche stellt. Nicht alles, was sich für den Konzertsaal eignet, lässt sich auch in der Synagoge singen.

"Es muss schon eine Eingängigkeit haben, wenn es synagogal verwendbar sein soll, es muss auch mitsingbar sein, eigentlich für die Leute und es darf eben nicht zu kompliziert sein, zu artifiziell sein. Genau das ist das Problem, das ich damit habe, das gebe ich ehrlich zu, weil ich, wenn ich meinen Stil schreibe, sehr schnell in so Sphären hinkomme, die von Laien überhaupt nicht mehr ausgeführt werden können, wo man einfach Profis braucht."

Trotzdem lässt ihn der Gedanke nicht los, jüdische Musik zu schreiben, die die Beter in der Synagoge singen können. Vielleicht will er eines Tages sogar den jüdischen Schabbatgottesdienst vertonen.

Max Doehlemann: Jacobs Traum – neue jüdische Lieder
Antes Edition

Homepage von Max Doehlemann

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