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Interview | Beitrag vom 03.04.2020

Krankenhausclowns in CoronazeitenBesonders ansteckend: das Lachvirus

Maria Gundolf im Gespräch mit Dieter Kassel

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Maria Gundolf, von "ROTE NASEN Deutschland e.V." besucht als Clown "Brischitt" Pflegebedürftige und Kinder. (ROTE NASEN Deutschland e.V. / Gregor Zielke)
Maria Gundolf besucht als Clown "Brischitt" Pflegebedürftige und Kinder (ROTE NASEN Deutschland e.V. / Gregor Zielke)

Die Besuchsverbote in Kliniken und Altenheimen wegen des Coronavirus sind für Patienten wie Kinder und Alte besonders hart. Clowns wissen da auf bewährte Weise Rat - auch auf digitalem Weg.

Dieter Kassel: Kinder, die in Krankenhäusern oder auch Flüchtlingsunterkünften tagelang warten und sich auf nichts anderes freuen als auf den Auftritt eines Clowns, die jetzt einfach im Stich zu lassen wegen der Kontaktsperre, das kann man nicht machen.

Clowns machen das auch nicht – sie machen sich digital auf den Weg und treten jeden Vormittag um zehn Uhr live bei Facebook auf und außerdem auch noch bei Instagram und YouTube – die Clowns zumindest, die bei den Roten Nasen organisiert sind. Maria Gundolf ist die stellvertretende künstlerische Leiterin der Roten Nasen Deutschlands und war als Clownin Brischitt auch schon live mit dabei. "Fit mit Brischitt" heißt Ihr Liveprogramm, das bei Facebook schon zweimal zu sehen war. Was machen Sie denn da genau?

Maria Gundolf: Ich mache die Leute fit. Ich mache als Brischitt das, was Brischitt unter einem Fitnessprogramm versteht. Das ist unter anderem das, was Brischitt so gelernt hat, was sie sich so abgeguckt hat und ihre Version daraus. Ich mache dann akrobatische Verrenkungen, zirkusreife Geschichten, die man aber nicht sieht auf dem Bildschirm.

Die mache ich dann außerhalb des Bildschirms und das Publikum ist aufgefordert, mitzumachen. Ich habe meinen persönlichen Coach und Trainer dabei. Das ist eine gefilzte Katze, Rico Flaconi, der trainiert und der ziemlich frech ist, und zusammen wuppen wir das Programm. Wir machen da Werbung für Berliner Leitungswasser und alles, was uns so einfällt und was auch von dem Zuschauer über die Kommentare kommt.

Kassel: Das ist ja interessant. Die Zuschauer sollen mitmachen, über die Kommentarfunktion ...

Gundolf: Genau.

Zugang zu den Menschen auch digital

Kassel: Aber Sie als Clownin, wahrscheinlich auch alle Ihre Kolleginnen und Kollegen, leben doch eigentlich davon, dass Sie ihr Publikum sehen und auch sehen, wie es reagiert. Was ist das für ein Gefühl für Sie, dass Sie jetzt niemanden sehen, während Sie da vor der Kamera auftreten?

Gundolf: Das ist in der Tat ungewohnt und für uns Clowns, die wir ja gewohnt sind, vor allem über die Augen in den Kontakt zu gehen und in den Augen zu lesen, weil das ja die Brücke zum Menschen ist, wo man sieht: Segeln wir auf der gleichen Wellenlänge oder ist da was anders. Also wenn ich einen Scherz mache und jemandem dabei in die Augen gucke und merke, der guckt weg oder der geht zurück, dann weiß ich einfach, ob ich wirklich im Kontakt bin und ob ich da weitermachen kann, ob ich einen Zugang habe. Das fehlt in der Tat im Moment.

Das ist nicht so einfach, und es ist eine große Umstellung für uns, weil unsere ganzen Empathiefühler, die wir normalerweise ausstrecken, so ein bisschen unterversorgt sind, über dieses Medium, weil die Kommentare zwar kommen, aber die kommen auch ein bisschen versetzt. Man muss so ein bisschen geduldig sein, was zum Beispiel einem Clown wie Brischitt nicht so leicht fällt.

Es ist eine große Umstellung, und das fehlt, aber wir wissen, dass die Kinder da draußen sind, dass die Senioren da draußen sind, dass da ganz viele Menschen draußen sind. Wir sind uns einfach sicher, dass auch über diesen Äther trotzdem was rüberkommt und dass da trotzdem die Lachviren sich durchsetzen und auf der anderen Seite irgendwie rausploppen.

Fast keine Besuche mehr in Kliniken und Altenheimen

Kassel: Die Menschen die Sie normalerweise persönlich besuchen, sind ja grundsätzlich sowieso in einer Krisensituation, weil sie einsam sind im Fall von Älteren zum Beispiel, weil sie geflüchtet sind, neu in einem fremden Land, oder weil sie schwer krank im Krankenhaus liegen als Kind. Dazu kommt jetzt noch die Zusatzkrise Corona. Was macht das mit denen?

Gundolf: Das ist in der Tat, glaube ich, sehr schwierig. Wir sind ja im Kontakt mit Einrichtungen. Wir waren ja von Anfang an sehr verständnisvoll und haben uns natürlich an das gehalten, was vorgegeben war und was für sinnvoll erachtet wurde, aber wir vermissen natürlich unsere "Sparringpartner", die Kinder und die Senioren. Wir wissen, dass die jetzt noch mal ein Stück weit noch einsamer sind als vorher, weil es ja fast keine Besuche gibt.

Das ist in der Tat sehr, sehr schwierig. Ich glaube, gerade in der Zeit war unser Ansehen dann, da irgendeine Leitung legen zu können, weil wir glauben, dass es gerade in der Zeit, wo sonst so wenig passiert – es ist auch ganz wenig los auf den Stationen, weil sich alle vorbereiten auf den Fall X sozusagen –, dass es da gerade wichtig ist, dranzubleiben und Lachen und Heiterkeit über andere Wege zu bringen. Wir scharren mit den Hufen.

Kassel: Wie so viele.

Gundolf: Wenn wir wieder dürfen, wenn wir einfach da wieder hindürfen. Es gibt ja Länder wie zum Beispiel Israel, wo die Clowns nach wie vor in die Krankenhäuser dürfen. Es gibt immer wieder Beispiele, wo das auch immer noch passiert. Wir freuen uns drauf, wenn wir wieder losgelassen werden und da reinspringen können.

Clowns können in der Krise zu Kraft verhelfen

Kassel: Dass Lachen gesund macht, ist ja inzwischen tatsächlich wissenschaftlich erwiesen in Teilen. Wenn Sie bei den Leuten sind, machen Sie wirklich diese Erfahrung – jetzt reden wir vom klassischen Fall, dem Krankenhaus –, dass es wirklich Kindern regelrecht auch bei der Genesung hilft, dass da ein Clown ist, der ablenkt?

Gundolf: Mit Sicherheit. Was wir immer merken, ist, dass wir in eine Verbindung gehen können und dass wir was verändern können, dass wir immer eine Reise machen mit den Kindern oder mit den Senioren, und die sind am Ende woanders als sie am Anfang waren. Das muss nicht unbedingt immer heißen, dass es Schenkelklopfen gibt, alle sich auf den Boden schmeißen vor lauter Lachen, dass muss es gar nicht sein.

Aber es verändert sich in der Atmosphäre was, es verändert sich in der Stimmung was, und wir können einfach als Clowns diese Kraft einbringen, in der Krise das Positive zu sehen, wirklich das Positive zu sehen. Das ist nicht nur ein hohler Spruch, sondern wir als Clowns sehen im Krankenhaus nicht nur die Krankheit, sondern wir sehen den Menschen, wir sehen das, was an Leben noch da ist, auch bei alten Menschen im Hospiz. Da sehen wir das, was noch da ist an Ressourcen, an Stärken, und damit spielen wir sehr respektvoll und sehr liebevoll.

Helfen bei der Heilung

Das hilft, glaube ich, weil das auch das stärkt, das stärkt, was noch geht, und das andere so ein bisschen in den Hintergrund rücken lässt. Das mobilisiert, glaube ich, wirklich den Heilungsprozess. Das ist etwas, was die Wissenschaft ja zeigt, aber was wir einfach merken an den Reaktionen, an dem, was zurückkommt an der Freude und an der Zuversicht, die zurückkommt. Deswegen sind wir ganz sicher, dass das richtig ist, was wir tun.

Kassel: Und man kann es jetzt sehen, was Sie tun, ausnahmsweise auch, wenn man nicht die klassische Zielgruppe ist, bei Facebook, morgens um zehn jeden Tag, außerdem zusätzlich abends mehrmals die Woche bei Instagram und auch bei YouTube. rotenasen.de ist die Anlaufseite, wo man alles genauer nachgucken kann.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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