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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 03.02.2015

Krankenhaus in Hinchingbrooke Vom Scheitern einer privaten Finanzspritze

Von Jens-Peter Marquardt

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Eine Arzthelferin zieht eine Spritze auf. (dpa / picture alliance / Klaus Rose)
Die Kontrolleure bemängelten die Qualität der Pflege in Hinchingbrooke. (dpa / picture alliance / Klaus Rose)

Die Klinik im nördlich von London gelegenen Hinchingbrooke galt als schlechtestes Krankenhaus in der Region. Ein privater Dienstleister übernahm den Betrieb. Nach einigen Fortschritten sieht es wieder finster aus - finanziell und qualitativ.

Noch von der früheren Labour-Regierung angestoßen und von Cameron umgesetzt wurde zum ersten Mal in der Geschichte vor zweieinhalb Jahren ein NHS-Krankenhaus in private Hände übergeben. Der private Dienstleister Circle übernahm die Klinik im Städtchen Hinchingbrooke nördlich von London, damals nach den Berichten der Gesundheitsaufsicht das schlechteste Krankenhaus der Region. Circle-Chef Ali Parsa hatte das nicht abgeschreckt. Er sagte: "Wir verbinden hier Unternehmergeist mit der Selbstverwaltung durch die Mitarbeiter."

Circle bekam einen Zehn-Jahres-Vertrag und Parsa versprach den Aktionären und den Mitarbeitern, die an diesem Unternehmen beteiligt sind, schon in zwei Jahren mit diesem Krankenhaus Gewinn zu machen. Unter anderem legte Circle das gesamte Beschaffungswesen und den Einkauf in die Hände von Profis aus der Handelsbranche. Für das Unternehmen sollte Hinchingbrooke der Auftakt für weitere Klinik-Übernahmen sein:

"Schauen Sie doch nach Deutschland. Da betreiben private Unternehmen viel mehr Krankenhäuser als der Staat. Und dort ist die Patientenzufriedenheit deutlich höher als bei uns."

Anfangs schien die Kalkulation auch aufzugehen – das Defizit ging zurück. Und die Patienten waren zufrieden mit ihrem NHS-Krankenhaus unter neuer, privater Leitung:

"Es gibt hier nichts, das ich kritisieren könnte."

So diese Patientin.

Aus den schwarzen Zahlen wurden wieder rote

Jetzt, zweieinhalb Jahre später, sieht die Lage ganz anders aus. Die Gesundheitsaufsicht hatte das Krankenhaus erneut auf dem Radar – die Kontrolleure bemängelten, dass die Qualität der Pflege in Hinchingbrooke wieder gesunken sei. Und gleichzeitig geriet Betreiber Circle mit der Klinik in finanzielle Schwierigkeiten. Aus den schwarzen Zahlen wurden wieder rote. Als das Defizit jetzt fünf Millionen Pfund erreichte, kündigte Circle an, eine Ausstiegsklausel zu nutzen und den Vertrag zu beenden. Das Hinchingbrooke-Abenteuer bedrohte das ganze Unternehmen: der Aktienkurs brach um 25 Prozent ein, Circle-Chef Parsa musste gehen.

Circle hatte sich mit dem Krankenhaus übenommen, sagte der neue Unternehmenssprecher Steve Melton:

"Weitere Investitionen, über die knapp fünf Millionen Pfund hinaus, die wir bereits in das Krankenhaus investiert haben, und auch weitere Arbeitskräfte wären jetzt erforderlich, um voran zu kommen Das kann sich aber ein relativ kleines Unternehmen mit Mitarbeiterbeteiligung wie Circle nicht leisten."

Circle macht für das Scheitern auch die Politik verantwortlich: obwohl immer mehr Patienten kamen, und vor allem die Notfallaufnahme immer voller wurde, hatte die Regierung die Zahlungen aus dem Gesundheitsetat um zehn Prozent gekürzt. Damit habe man das Krankenhaus nicht mehr betreiben können. Das Unternehmen wehrte sich zwar noch gegen das aus Circle-Sicht ungerechte Urteil der Gesundheitsaufsicht – aber auch das konnte das Aus für das erste privat betriebene NHS-Krankenhaus nicht verhindern. Zumindest bis zur Unterhauswahl wird es keinen neuen Versuch geben, ein kommerzielles Unternehmen und ein staatliches Krankenhaus zusammen zu bringen.

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