Seit 06:05 Uhr Studio 9
Samstag, 15.05.2021
 
Seit 06:05 Uhr Studio 9

Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 03.02.2015

Krankenhaus in Hinchingbrooke Vom Scheitern einer privaten Finanzspritze

Von Jens-Peter Marquardt

Eine Arzthelferin zieht eine Spritze auf. (dpa / picture alliance / Klaus Rose)
Die Kontrolleure bemängelten die Qualität der Pflege in Hinchingbrooke. (dpa / picture alliance / Klaus Rose)

Die Klinik im nördlich von London gelegenen Hinchingbrooke galt als schlechtestes Krankenhaus in der Region. Ein privater Dienstleister übernahm den Betrieb. Nach einigen Fortschritten sieht es wieder finster aus - finanziell und qualitativ.

Noch von der früheren Labour-Regierung angestoßen und von Cameron umgesetzt wurde zum ersten Mal in der Geschichte vor zweieinhalb Jahren ein NHS-Krankenhaus in private Hände übergeben. Der private Dienstleister Circle übernahm die Klinik im Städtchen Hinchingbrooke nördlich von London, damals nach den Berichten der Gesundheitsaufsicht das schlechteste Krankenhaus der Region. Circle-Chef Ali Parsa hatte das nicht abgeschreckt. Er sagte: "Wir verbinden hier Unternehmergeist mit der Selbstverwaltung durch die Mitarbeiter."

Circle bekam einen Zehn-Jahres-Vertrag und Parsa versprach den Aktionären und den Mitarbeitern, die an diesem Unternehmen beteiligt sind, schon in zwei Jahren mit diesem Krankenhaus Gewinn zu machen. Unter anderem legte Circle das gesamte Beschaffungswesen und den Einkauf in die Hände von Profis aus der Handelsbranche. Für das Unternehmen sollte Hinchingbrooke der Auftakt für weitere Klinik-Übernahmen sein:

"Schauen Sie doch nach Deutschland. Da betreiben private Unternehmen viel mehr Krankenhäuser als der Staat. Und dort ist die Patientenzufriedenheit deutlich höher als bei uns."

Anfangs schien die Kalkulation auch aufzugehen – das Defizit ging zurück. Und die Patienten waren zufrieden mit ihrem NHS-Krankenhaus unter neuer, privater Leitung:

"Es gibt hier nichts, das ich kritisieren könnte."

So diese Patientin.

Aus den schwarzen Zahlen wurden wieder rote

Jetzt, zweieinhalb Jahre später, sieht die Lage ganz anders aus. Die Gesundheitsaufsicht hatte das Krankenhaus erneut auf dem Radar – die Kontrolleure bemängelten, dass die Qualität der Pflege in Hinchingbrooke wieder gesunken sei. Und gleichzeitig geriet Betreiber Circle mit der Klinik in finanzielle Schwierigkeiten. Aus den schwarzen Zahlen wurden wieder rote. Als das Defizit jetzt fünf Millionen Pfund erreichte, kündigte Circle an, eine Ausstiegsklausel zu nutzen und den Vertrag zu beenden. Das Hinchingbrooke-Abenteuer bedrohte das ganze Unternehmen: der Aktienkurs brach um 25 Prozent ein, Circle-Chef Parsa musste gehen.

Circle hatte sich mit dem Krankenhaus übenommen, sagte der neue Unternehmenssprecher Steve Melton:

"Weitere Investitionen, über die knapp fünf Millionen Pfund hinaus, die wir bereits in das Krankenhaus investiert haben, und auch weitere Arbeitskräfte wären jetzt erforderlich, um voran zu kommen Das kann sich aber ein relativ kleines Unternehmen mit Mitarbeiterbeteiligung wie Circle nicht leisten."

Circle macht für das Scheitern auch die Politik verantwortlich: obwohl immer mehr Patienten kamen, und vor allem die Notfallaufnahme immer voller wurde, hatte die Regierung die Zahlungen aus dem Gesundheitsetat um zehn Prozent gekürzt. Damit habe man das Krankenhaus nicht mehr betreiben können. Das Unternehmen wehrte sich zwar noch gegen das aus Circle-Sicht ungerechte Urteil der Gesundheitsaufsicht – aber auch das konnte das Aus für das erste privat betriebene NHS-Krankenhaus nicht verhindern. Zumindest bis zur Unterhauswahl wird es keinen neuen Versuch geben, ein kommerzielles Unternehmen und ein staatliches Krankenhaus zusammen zu bringen.

Mehr zum Thema:

Öffentlich-private Partnerschaften - Pleiten, Pech und Pannen
(Deutschlandradio Kultur, Zeitfragen, 03.02.2015)

Public Private Partnership in Offenbach - Über den Tisch gezogen
(Deutschlandradio Kultur, Zeitfragen, 03.02.2015)

Öffentlich-private Partnerschaften - Versicherer suchen nach neuen Investitionen
(Deutschlandradio Kultur, Zeitfragen, 03.02.2015)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Zeitfragen

75 Jahre DEFADas Filmerbe der DDR wird wiederentdeckt
DEFA-Filmstudios in Neubabelsberg bei Potsdam: Requisiteur bei der Arbeit in einer Atelierhalle, 1990. (akg-images)

Ob "Spur der Steine", "Die Legende von Paul und Paula" oder "Solo Sunny": Der DEFA gelang es trotz permanenter Kontrolle durch die SED, immer wieder künstlerische Glanzpunkte zu setzen. Doch nach 1989 verschwand sie glanzlos von der Bildfläche. Mehr

Das Genie in seiner ZeitLeonardos Bücherliste
Leonardo da Vinci, 1452 bis 1519. Italienischer Maler, Bildhauer, Architekt und Ingenieur. (picture alliance / imagebroker / Heinz-Dieter Falkenstein)

Leonardo da Vinci, geboren 1452, gilt als eines der größten Genies aller Zeiten. Aber er profitierte auch von der Explosion des Wissens in seiner Zeit, wie die Rekonstruktion seiner Bücherliste zeigt. Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur