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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 26.02.2018

Kostenloser öffentlicher NahverkehrFrust statt Vorfreude

Von Ramona Westhof

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Eine Straßenbahn und ein Auto fahren durch das ehemalige Regierungsviertel in Bonn, Modellstadt für kostenlosen ÖPNV (picture alliance / Rolf Vennenbernd)
Kostenloser Nahverkehr - bei den Verkehrsbetrieben in Bonn sind noch viele Fragen ungeklärt. (picture alliance / Rolf Vennenbernd)

Bus und Bahn statt Auto: Bonn gehört zu den Städten, die den Vorschlag der Bundesregierung eines kostenlosen Nahverkehrs testen sollen. Doch ob die Idee überhaupt umgesetzt werden kann, daran bestehen in der Modellstadt Zweifel.

Linie 18 Richtung Bonn Hauptbahnhof, irgendwann zwischen sechs und sieben, ein paar Schulkinder sind in der Bahn und der eine oder andere Pendler: Aber von hektischem Rush-Hour-Treiben keine Spur. Es herrscht stille Müdigkeit. Und sogar ein paar Sitzplätze sind noch frei. Die Kapazitäten im Nahverkehr scheinen zu reichen – noch. Denn vielleicht platzt der Bonner Nahverkehr bald aus allen Nähten – so die Befürchtungen – wenn die Bundesregierung ihren Vorschlag wahrmacht: In Bonn und vier anderen deutschen Städten soll der Nahverkehr probeweise kostenlos werden. Die Idee: So steigen mehr Menschen auf Bus und Bahn um, die sonst mit ihrem Auto die Luft verpesten.

Die Menschen, die hier müde von ihren S-Bahn-Sitzen in die morgendliche Landschaft starren, müssen nicht mehr überzeugt werden. Für sie ist der Nahverkehr schon die bessere Alternative. Oder? Ein älterer Herr mit Aktentasche schaut lieber auf sein Tablet als in die Gegend. Und hat auch nicht wirklich Lust, noch vor Dienstbeginn auf Fragen zu antworten. Trotzdem: Warum mit der Bahn?

"Ist bequemer in der Bahn, ich kann lesen."

"Haben Sie denn ein Auto?"

"Ja"

"Aber das steht in der Garage?"

"Ja, genau."

Und wie sieht es zwei Sitzreihen weiter aus? Die Dame hier unterhält sich trotz der frühen Uhrzeit schon mit ihren Kolleginnen. Wieso Bahn und nicht Auto?

"Weil ich keinen Parkplatz kriege an der Arbeit, weil’s einfacher ist."

Auch sie hat übrigens ein Auto und lässt es lieber zu Hause stehen.

Für klimafreundlichen Nahverkehr fehlen die E-Busse

Für den Nahverkehr in Bonn sind gleich eine ganze Reihe von Verkehrsverbünden zuständig, unter anderem die Bonner Stadtwerke. Die sind vom Bahnhof aus am schnellsten zu Fuß zu erreichen. 

Das, was hier so einen Lärm macht, ist übrigens kein Auto, sondern ein Bus. Und der stinkt auch ganz schön. Der TÜV Nord hat vor zwei Jahren Dieselbusse untersucht und festgestellt: Gerade im Schritttempo – und das kommt häufig vor im vollen Stadtverkehr – ist der Stickstoffdioxidausstoß der Busse am größten.

Klimafreundlicher Nahverkehr sieht anders aus. Und tief einatmen ist an der Ampel auch keine besonders gute Idee. Die Bonner Stadtwerke testen darum E-Busse. Sechs Stück sind davon im Einsatz. Allerdings hat sich herausgestellt, dass alle noch nachgerüstet werden müssen: Im Winter benötigen die Busse zusätzliche Energie für die Heizung und damit sinkt die Reichweite.

Der Bonner E-Bus-Test ist Teil eines EU-Projektes namens ZeEUS. Das steht für "Zero Emission Urban Bus Sytem" – also etwa "emissionsfreies Stadtbus-System":

"Und wenn dieses ZeEUS-Projekt im Sommer ausgelaufen ist, dann werden wir am Ende eine Bilanz ziehen und aus dieser Bilanz hinaus kann man dann eventuell die nächsten Schritte ableiten."

Sagt Michel Henseler, Sprecher der Stadtwerke Bonn. Der übrigens mit der Bahn da ist – schließlich hat er ein Jobticket. Und der nächste Schritt im Elektrobus-Test, der steht eigentlich schon längst fest: Nämlich Abwarten.

"Es kann sein, dass wir eruieren können: Wir haben einen Bedarf an x Fahrzeugen und die Hersteller sagen: Das können wir nicht liefern."

Viele große Bus-Hersteller wie etwa Mercedes oder MAN produzieren zudem bisher gar keine E-Busse. Und auch in der Frage, wie ein Test mit kostenlosem Nahverkehr in Bonn aussehen könnte, ist erst einmal vor allem Geduld gefragt. Noch hat man in Bonn gar keine Ahnung, wie so ein Test überhaupt aussehen soll. Überhaupt seien Nahverkehrsprojekte häufig auf längere Zeiträume ausgelegt. Wie zum Beispiel der geplante Ausbau der Bonner S-Bahn-Linie 13:

"Wenn Sie sehen, dass das S13-Projekt auf 20 Jahre geplant ist – das ist eine S-Bahn-Linie, die auf zwölf Kilometern läuft – dann können Sie sich ungefähr vorstellen, dass dieses Projekt kostenloser ÖPNV mit Sicherheit sehr, sehr viele Jahre dauern wird."

Frust statt Vorfreude

Die Stadt Bonn hat auch erst aus der Presse von den Plänen erfahren und hat jetzt einige Fragen:

"Wir haben das sehr positiv aufgenommen, uns fehlen allerdings noch wichtige gesetzliche Rahmenbedingungen, und die müssen wir kennen, um dann herauszufinden: Wie kann man denn mit den zu erwartenden höheren Kapazitäten, die wir alle auf dem Schirm haben – also höhere Fahrgastzahlen, das Netz muss ausgebaut werden, wir brauchen mehr Fahrzeuge, wir brauchen mehr Fahrpersonal … Welche Grundlagen liefert uns die Bundesregierung, damit wir diese Dinge angehen können."

Bei den Bonner Verkehrsteilnehmern, wie diesem Ehepaar, das zwischen Baugerüsten und Bahnhof an einer Bushaltestelle wartet, ist von Vorfreude auf Gratis-Tickets auch noch nichts zu merken. Eher von ÖPNV-Frust. Und das noch VOR dem angekündigten Ausbau des Netzes:

"Wir fahren jetzt nach Auerberg, da ist jetzt schon seit drei Tagen fährt die Bahn nicht mehr, weil sie defekt ist, weil sie reparaturbedürftig ist. Und jetzt müssen wir mit dem Bus fahren."

Wenn es um den Preis geht, kommt das Ehepaar ins Rechnen:

"Weißt du, wir kaufen doch Zehnertickets und da zahlen wir …"

"Die sind schon im Januar schon wieder um 30 Cent gestiegen."

"Wie viel, zeig mal, wie viel …"

"Für vier Fahrten elf Euro, das heißt, wir sind über fünf Euro für beide."

Aber Moment, genau darum geht es ja … Könnte die Idee hier also funktionieren?

"Wenn das ein bisschen günstiger wär, dann würde ich das Auto abschaffen. Dann würde ich das Auto verkaufen."

Bingo. Das klimaschädliche Auto dieser beiden Rentner wäre mit günstigeren Fahrkarten von der Straße zu holen.

Auf einem Parkplatz in der Innenstadt steigt ein junger Mann aus seinem Auto. Er hat den Kofferraum voll und außerdem wenig Zeit:

"Wenn ich jetzt nach Siegburg fahre? Bis ich zum Bahnhof komme, mit der Bahn gefahren bin und so weiter … Keine Ahnung, 25 Minuten? Mit dem Auto zehn?"

Und da hat der junge Mann noch Glück. Es gibt ländliche Regionen, in die fährt gar nicht erst ein Bus. Da hilft es auch nicht, wenn die Fahrkarten nichts kosten.

Länderreport

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