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Weltzeit | Beitrag vom 21.03.2019

Kosovo-Krieg vor 20 Jahren Der Tag, an dem die NATO eingriff

Von Clemens Verenkotte

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Die von Nato-Fliegern zerstörte historische Brücke von Novi Sad. (picture alliance / dpa / epa Victor Vasenin)
Nato-Flugzeuge haben bei Luftangriffen 1999 die historische Donau-Brücke in der nordserbischen Stadt Novi Sad zerstört. (picture alliance / dpa / epa Victor Vasenin)

Für die Kosovo-Albaner war es der Tag der Rettung, für die Serben der des Niedergangs: Am 24. März 1999 griffen NATO-Verbände in den Kosovo-Krieg ein, flogen bis zum 10. Juni Tausende von Einsätzen. Die Folgen sind bis heute deutlich zu spüren.

"Meine amerikanischen Mitbürger. Heute haben sich unsere Streitkräfte den Luftangriffen unserer NATO-Verbündeten auf serbische Streitkräfte angeschlossen, die für die Brutalität im Kosovo verantwortlich sind. Wir haben aus mehreren Gründen mit Entschlossenheit gehandelt: Wir haben gehandelt, um Tausende unschuldiger Menschen im Kosovo vor einer wachsenden militärischen Offensive zu schützen." – US-Präsident Bill Clinton, am 24. März 1999, im Oval Office, Washington.

"Wenn die NATO-Bombardierungen nicht stattgefunden hätten, ich wiederhole noch einmal, es würde kein Albaner mehr im Kosovo geben." – Halit Barani, ehemaliger Präsident des Regionalrats für den Schutz der Menschenrechte in Mitrovica, Kosovo.

"An dem Abend, an dem die NATO-Aggression begann, am 24. März, war ich im Büro und als ich die Information erhielt, schrieb ich sofort an alle unsere Auslandsvertretungen ein Rundschreiben mit der Anweisung, dies als illegal und  kriminell zu charakterisieren und dass wir eine Dringlichkeitssitzung der UN-Sicherheitsrates verlangen und zu einer Beendigung dieses Angriffs aufrufen." – Zivadin Jovanovic, von 1998 bis 2000 jugoslawischer Außenminister.

Es ist einer der ersten milden, sonnigen Vorfrühlingstage: Unter dem wiederaufgebauten Fernsehturm von Belgrad herrscht an diesem Wochenende reges Treiben: Jugendliche verbessern auf dem Basketballfeld ihre Wurftechnik, eine großzügige Kletter- und Spiellandschaft wird von den Kleinen genutzt, Eltern verfolgen ihren Nachwuchs in der entspannten Gewissheit, dass die Kinder hier in Ruhe toben können, zu Füßen des auf 500 Metern stehenden Wahrzeichens der serbischen Hauptstadt.

Seit knapp zehn Jahren ragt wieder der neue Avala, der 204 Meter hohe Fernsehturm in den Himmel über Belgrad – bis zum 29. April 1999 stand hier die alte, schlanke Stahlbetonkonstruktion, bevor sie durch einen Bombenangriff der NATO-Verbände zerstört wurde. Heute nutzen Wochenend-Ausflügler die Gelegenheit, um mit dem Fahrstuhl hoch auf die Aussichtshöhe zu fahren und den weiten Blick auf die nahegelegene Hauptstadt zu werfen.

"Auf jeden Fall war die Bombardierung unnötig"

Das sei ein schwieriges Thema für ihn, gibt ein ehemaliger Berufsoffizier auf die Frage zurück, wie er im Rückblick die NATO-Bombardierungen betrachtet. Der ältere Mann steht in der nachmittäglichen Sonne unter dem Fernsehturm und verweist auf die völkerrechtliche Frage, die für die große Mehrzahl der Serben bis heute die einzig Relevante ist:

"Auf jeden Fall war die Bombardierung völlig unnötig, besonders wenn man ihre Begründung berücksichtigt. Sie wissen selbst, dass diese ganze Kampagne keine Genehmigung der Vereinten Nationen hatte. Es ist bedauernswert, dass die 19 mächtigsten NATO-Länder ein kleines Serbien angreifen und hoch vom Himmel aus bombardieren, wo sie sie weder sehen noch hören können und nichts haben, womit sie sich verteidigen können."

Durch NATO-Angriffe im Jahr 1999 zerstörtes Gebäude des serbischen Verteidigungsministeriums, 2012 in Belgrad. (picture alliance / dpa / Jens Wolf)Noch Jahre lange sind die Spuren zu sehen: Das durch NATO-Angriffe zerstörte serbische Verteidigungsministerium. (picture alliance / dpa / Jens Wolf)

Die Allianz, so gibt der ehemalige Offizier zu bedenken, hätte gemäß ihrer Statuten nur dann eingreifen dürfen, wenn ein Mitgliedsland angegriffen worden wäre. Und das sei ja nicht der Fall gewesen. Sicherlich: Das westliche Bündnis habe den Einsatz damit begründet, eine humanitäre Katastrophe im Kosovo verhindern zu wollen. Doch gleichzeitig habe die NATO hier, in Serbien, eine humanitäre Katastrophe ausgelöst. Rund 200.000 Serben flüchteten als Folge der anhaltenden Übergriffe der Kosovarischen Befreiungsarmee UCK, sowie nach Ende des NATO-Einsatzes und des ab dem 10. Juni 1999 vereinbarten Rückzugs der jugoslawischen und serbischen Armee- und Polizeiverbände aus dem Kosovo. So wie er würden die meisten seiner Landsleute darüber denken, mutmaßt der ältere Mann:

"Ich bin kein typisches Beispiel, um darüber reden zu können. Trotz der Tatsache, dass ich Berufssoldat war, ist meine Meinung etwas anders. Wahrscheinlich wäre die Mehrheit des Volkes und der Öffentlichkeit mit meiner Meinung nicht einverstanden. Was geschehen ist, sollte man hinter sich lassen. Was nicht gelöst ist, sollte man lösen und weitergehen. Die Zukunft liegt vor uns. Wenn Sie den Eintritt Serbiens in die NATO meinen: Unsere Neutralität ist durch eine entsprechende Akte im Parlament klar geregelt. Sicher ist, dass die Mehrheit der serbischen Bürger gegen die Mitgliedschaft des Landes in der NATO wäre."

Die Operation "Allied Force" begann

Als am Abend des 24. März 1999 die lange immer wieder hinausgezögerte NATO-Operation "Allied Force" für 78 Tage einsetzte, schlugen in Mitrovica, im Norden des Kosovo, unmittelbar darauf Granaten der jugoslawischen Streitkräfte ein – in den südlichen Stadtvierteln, die  ganz überwiegend  von albanischen Kosovaren bewohnt wurden.

"Vor dem NATO-Angriff gingen zunächst die Sirenen los, und wir wussten, dass die NATO angreifen wird. Was ich nicht verstehen konnte, war, wieso dann die Serben gerade dann in dieser Nacht, eine oder zwei Stunden, eigentlich sofort angegriffen haben. Das war wirklich schrecklich. Und wir konnten das nicht verstehen."

Skender Hasani steht im kahlen Garten seines Hauses in Ilirida, dem südlichen Stadtviertel von Mitrovica.

Seine Mutter habe sich zum Zeitpunkt des Granateinschlags im Korridor des Hauses aufgehalten. Ein Granatsplitter durchtrennte ihre Halsschlagader, hilflos und entsetzt musste der heute 55-Jährige mitansehen, wie seine Mutter vor seinen Augen starb. Als ehemaliger Artillerie-Soldat der jugoslawischen Armee wusste er, aus welcher Richtung die Granaten abgefeuert wurden – zehn Geschosse landeten unmittelbar nach Beginn der NATO-Operation im Umkreis von 100 Metern in seinem Stadtviertel:

"Ich glaube, dass die Serben uns hier in unserem Territorium absichtlich beschossen haben. Am 24. März um 20:10 Uhr begann die NATO Bombardierung, während die Serben von 24 bis ein Uhr uns beschossen hatten. Meiner Meinung nach haben sie uns nicht zufällig in unserer Nachbarschaft beschossen, da wir in dieser Nachbarschaft viele Intellektuelle, Professoren und ehemaligen UCK Leute hatten."

Die Vertreibung der Kosovo-Albaner

Dies war Teil einer methodisch geplanten und umgesetzten Vertreibung der Kosovo-Albaner aus der zur damaligen Bundesrepublik Jugoslawien gehörenden Provinz. Die Menschenrechtsorganisation "Human Rights Watch" in ihrer Dokumentation "Under Orders – War Crimes in Kosovo":

"Niemand sah das Tempo und Ausmaß der Vertreibungen voraus. In den ersten drei Wochen nach Beginn der NATO-Bombardierungen strömten 525.000 Flüchtlinge aus dem Kosovo in die Nachbarländer. Insgesamt vertrieben Regierungseinheiten 862.000 Albaner aus dem Kosovo, und zudem wurden viele Hunderttausende im Kosovo vertrieben, zusätzlich zu denjenigen, die vor dem März 1999 vertrieben worden waren. Mehr als 80 Prozent der gesamten Bevölkerung des Kosovo – von denen 90 Prozent Kosovo-Albaner waren – waren aus ihren Häusern vertrieben worden." 

"Die Hoffnung war, dass mit dem Beginn des NATO-Bombenangriffs der Terror der serbischen Streitkräfte aufhören würde, aber leider dauerte es lange, 78 Tage. Irgendwo werden 1700 Menschen vermisst, in diesem Unglück bin ich glücklich, da ich zumindest weiß, wo ich meine Mutter begraben habe."

Jedes Opfer penibel aufgelistet

Halit Barani blättert in seinen minutiös geführten Akten, die er in seinem Wohnhaus aufbewahrt. Alte Aktenordner, beschriftet mit Jahreszahl und Monat, in denen der langjährige Leiters des Büros für Menschenrechte in Mitrovica seit bald drei Jahrzehnten jede Gewalttat verzeichnet hat, die von der damals jugoslawischen und serbische Polizei und Armee an Kosovo-Albanern verübt worden ist.

US-Soldaten hinter Flatterband - sie sperren ein Gelände, auf der Suche nach Spuren von Kriegsverbrechen (1999 im Kosovo). (dpa / ANSA Ferraro)1999 im Kosovo: US-Soldaten sperren ein Gelände, auf der Suche nach Spuren von Kriegsverbrechen. (dpa / ANSA Ferraro)

Tag für Tag, Zwischenfall für Zwischenfall protokollierte Halit Barani – hier eine Polizeiaktion vom 30. Januar 1998 um 14 Uhr in Mitrovica, bei der drei serbische Polizisten einem 34-jährigen Albaner 1.300 Dinar abgenommen haben. Übergriffe, Körperverletzungen, Vertreibungen, Exekutionen. Halit Barani nimmt ein sehr umfangreiches Fotoalbum in die Hand und öffnet es – die Farbbilder sind in Plastikfolien eingefasst, und zeigen die Leichen von Hunderten von Kosovo-Albanern, aufgenommen von ihm und seinen Unterstützern: entstellte Körper, teilweise grausamst zugerichtet. Auf der Rückseite der jeweiligen Fotos sind handschriftlich Name, Alter und Todesumstände penibel verzeichnet. Halit zeigt auf eine der Aufnahmen:

"Am 11. März 1999 wurde er in der Nacht auf der Straße verhaftet. Am 13. März wurde er in der Mine in Stanterg im Gewehrhaus erschossen. Wie man sehen kann, wurde sein linkes Ohr geschnitten. Ebenfalls am 13. wurde er von uns begraben."

"Kosovo ist Serbien"

Belgrad, Montagabend, es ist der 18. Februar: Einige Tausend Demonstranten stimmen in der Innenstadt inbrünstig die Nationalhymne an. Auf einem breiten Spruchband steht: "Kosovo ist Serbien" und "Serbien vergisst nicht die Verbrechen der NATO".

Elf Jahre nach der Ausrufung der Unabhängigkeit Kosovos zieht sich der Protestzug über den König Alexander Boulevard bis zum Präsidentenpalast, dem Amtssitz von Staatschef Aleksandar Vucic. Streng nationalistische Kräfte haben sich versammelt und ihre Forderung ist eindeutig: Vucic dürfe nicht über einen möglichen Gebietsaustausch mit dem Kosovo sprechen, geschweige denn darüber verhandeln. In der Verfassung von 2006 stehe unverändert, dass der Kosovo "integraler Bestandteil des serbischen Gebietes" sei, der über "eine weitreichende Autonomie innerhalb des souveränen Staates" verfüge.

Menschenmenge während ein er Demonstration der Serbischen Radikalen Partei in Belgrad 2016 gegen die Nato. (picture alliance / dpa / Srdjan Ilic/ Pixsell)Demonstration der nationalistischen "Serbischen Radikalen Partei" in Belgrad 2016 gegen die Nato. (picture alliance / dpa / Srdjan Ilic/ Pixsell)

Wie jedes Jahr um diese Zeit ziehen Demonstranten zum 17. Februar auf die Straßen Belgrads, um gegen das zu protestieren, was politisch das Ergebnis des NATO-Einsatzes vor 20 Jahren war: Die Loslösung des Kosovo aus Serbien und Jugoslawien sowie dessen anschließende Unabhängigkeit. Deswegen, so sagt dieser Demonstrant, sei er hier:

"Heute ist ein trauriger Jahrestag, elf Jahre seit der Unabhängigkeitserklärung des sogenannten Kosovo. Wir alle, die sich heute hier versammelt haben, sind gekommen, um gegen diesen Akt zu protestieren. Für das serbische Volk und den serbischen Staat wird Kosovo und Metohija immer Bestandteil Serbiens sein. Das ist unsere Grundbotschaft."

Je länger der 24. März 1999 zurückliegt, desto stärker scheint sich bei den streng nationalistischen Demonstranten der Phantomschmerz auszubreiten, über den Verlust des Kosovo, das der ganz überwiegenden Anzahl von Serben als Wiege der Nation gilt. Die zahlreichen orthodoxen Klöster und Heiligtümer der serbisch-orthodoxen Kirche im Kosovo sowie die völkerrechtliche Zugehörigkeit der damaligen Provinz zur Bundesrepublik Jugoslawien bestimmen bis heute die politisch-emotionale Bindung Serbiens an Kosovo.

Dass die NATO damals eingreifen würde, nach dem monatelangen politisch-militärischen Tauziehen innerhalb des Bündnisses, ob und wie Milosevic an der Fortsetzung der ethnischen Säuberungen im Kosovo gehindert werden könnte, das sei ihm damals klar gewesen: 

"Ich muss zugeben, dass ich das erwartet habe. Die Bombardierung, die Aggression auf die Bundesrepublik Jugoslawien hätte noch im Oktober 1998 beginnen sollen, wurde aber wegen der Umstände nur verschoben. Dann wurden all meine Illusionen zerbrochen, dass die Politik des Westens gegenüber Serbien nur mit der Frage der Demokratie verbunden ist und dass es nur eine Frage war, ob Milosevic fallen soll – und dann geht es allen gut. Damals haben wir begriffen, dass ein guter Teil westlicher Staaten keine guten Absichten gegenüber Serbien hat, sowie dass alles nur mit dem im Voraus entworfenen Plan gemacht wurde, dass der Kosovo von Serbien getrennt wird."

"Wir erkannten, dass wir nicht alleine sind"

Die Straßencafés im südlichen Stadtteil von Mitrovica, der heute de facto in einen serbischen Nord- und einen albanischen Südteil geteilten Stadt im Kosovo, sind bereits gut besucht. In der schon wärmenden Vorfrühlingssonne genießen Büroangestellte und Passanten die Mittagspause, treffen sich mit Freunden und Familie.

Es waren Meldungen über Massaker, die Agim Haziri vor über 20 Jahren bewogen hatten, seinen langjährigen, sicheren Arbeitsplatz in Niederbayern aufzugeben und sich der UCK anzuschließen, der Befreiungsarmee des Kosovo. Als ehemaliger Absolvent der jugoslawischen Offiziersakademie in Zagreb stieg Agim Haziri rasch auf zum Bataillonskommandeur in der 138. Brigade. An den 24. März 1999 erinnert er sich sehr gut:

"In der fraglichen Nacht befanden wir uns in der Nähe der Grenze zwischen Kosovo und Albanien und bereiteten uns auf einen Angriff auf Koshare vor. Die Nachricht vom Angriff der NATO wurde aus vielen Gründen erst nicht geglaubt, da wir wussten, dass es im Kosovo Massaker gab, aber früher auch in Bosnien und Kroatien. Als sie aber begannen, waren wir sehr glücklich, weil wir erkannten, dass wir nicht allein sind und die Unterstützung der NATO und der europäischen Staaten haben."

Kosovo-Albaner schwenken albanische Flaggen und feiern die Unabhängigkeit des Kosovo am 17. Februar 2008 in Pristina. (picture alliance / dpa / Valdrin Xhemaj)Jubel in Pristina: 2008 erklärt das Kosovo sich für unabhängig. (picture alliance / dpa / Valdrin Xhemaj)

Die tiefverwurzelte Dankbarkeit der Kosovo-Albaner, gleich welchen Lebensalters oder Herkunft, gegenüber der NATO und vor allem den USA basiert auf dem kollektiven Erlebnis, dass sie ohne das militärische Eingreifen der westlichen Allianz  aus dem Kosovo endgültig vertrieben worden wären.

"Der Kampf hätte angedauert, wir hätten sogar eine Weile weiterkämpfen können und wären vielleicht sogar getötet worden. Seit dem Beginn des Angriffs und der Deportation der Zivilbevölkerung durch Serbien und Milosevic glaubte ich, dass es ohne das Eingreifen der NATO keinen Kosovo-Albaner mehr gegeben hätte."

Die politische Wende in Serbien

"Ich möchte zunächst einmal sagen, dass wir immer Frieden wollten, Stabilität und Entwicklung."

Zivadin Jovanovic, von 1998 bis zum Sturz des damaligen Staatspräsidenten Slobodan Milosevic im Oktober 2000 Außenminister der früheren Bundesrepublik Jugoslawien:

"Es lohnt sich, daran zu erinnern, dass Serbien – damals Bundesrepublik Jugoslawien – und vor allem Präsident Slobodan Milosevic für seine Rolle gelobt wurde, die er in Dayton und bei der Vorbereitung von Dayton."

Der heute 82-Jährige Ex-Außenminister, während und nach dem Kosovo-Krieg Belgrads Chefdiplomat, sitzt an einem großen Besprechungstisch in seinem Büro. Kurz nach der politischen Wende in Serbien im Oktober 2000 und dem Sturz Milosevics, gründete Jovanovic das "Belgrader Forum für die Welt der Gleichberechtigten", um den politisch-akademischen Kampf um sein Lebenswerk fortzusetzen: Die Verbreitung seiner These, wonach Washington nach dem Daytoner Abkommen zur  Beendigung des Kriegs in Bosnien-Herzegowina 1995, das strategische Ziel verfolgt habe, Serbien geopolitisch auf dem Balkan zu schwächen, Montenegro und Kosovo von der damaligen Bundesrepublik Jugoslawien abzutrennen und Milosevic abzusetzen. Die damaligen US-Akteure, wie Chefunterhändler Richard Holbrooke, Außenministerin Madelaine Albright und Präsident Clinton sind ihm noch so vertraut wie vor 20 Jahren. 1998 habe sich die US-Regierung entschieden, die kosovarische Befreiungsarmee UCK, die bis dahin als Terrororganisation gegolten habe, anzuerkennen und mit deren Hilfe Serbien auf Dauer zu schwächen:

"Im Mai 1998 hatten Richard Holbrooke, Madelaine Albright und Präsident Clinton entschieden, Milosevic zu stürzen und sie betrachteten die UCK als einen hilfreichen Faktor bei dieser Operation. Ab diesem  Zeitpunkt war es egal, was ich oder irgendjemand sonst in der Welt über die UCK dachten, ob es eine Terror- oder Befreiungsorganisation war. Das wurde total gleichgültig. Es wurde ein Instrument, um Milosevic zu stürzen." 

Fahrije Hoti wohnt in "Krusha e Madhe ", wie das kleine Dorf rund 15 Kilometer nordwestlich von Prizren, tief im Süden des Kosovo, auf Albanisch genannt wird. Am frühen Morgen des 25. März 1999 rückten schwerbewaffnete Einheiten der jugoslawischen Armee, der serbischen Polizei und Paramilitärs in den Ort ein. 

Fahrije mit ihrem Mann, dem dreimonatigen Sohn und der dreijährigen Tochter suchten, wie nahezu alle Dorfbewohner, zunächst  Schutz in den umliegenden, bewaldeten Hügeln. Als es in der Nacht zu kalt für die Kleinkinder wurde, schlichen sie sich in abgelegene Häuser in der Nähe ihres Dorfes – bis sie entdeckt wurden:

"Am 26. März um fünf Uhr morgens umzingelten serbische Paramilitärs unsere Häuser. Die Männer wurden von den Frauen getrennt. Sie durchsuchten uns. Es waren ungefähr 65 unserer Männer und sie mussten an der Hauswand stehen. Uns Frauen nahmen sie das ganze Gold und den Schmuck. Es dauerte drei bis vier Stunden. Danach wurden wir in der Moschee des Dorfes bis 14 Uhr eingesperrt."   

"Heute atme und arbeite ich ohne Angst"

In einer langen Kolonne, jeweils zu zweit nebeneinander, wurden die Frauen und Kinder unter Schlägen und Beschimpfungen von den Paramilitärs und Polizisten aus der Moschee geführt. Man werde sie im Nachbardorf alle umbringen, hörte Fahrije, die ihr nahezu lebloses Baby im Arm trug.

 "Als wir in Rogove angekommen waren, haben wir an einer Tafel gesehen, in kyrillischer Schrift, dass dieser Ort eine 'freie Zone' sei. Sie haben es uns nicht erlaubt, in Richtung Gjakova zu laufen. Als wir die Brücke überquerten, begannen sie, auf uns zu schießen. Sie wollten mich töten, da ich meinen kleinen Jungen in der Hand hatte. Ein serbischer Paramilitär kam auf mich zu, forderte von mir Geld oder Gold, damit ich mich selbst retten könne. In diesem Moment nahm er meinen kleinen Jungen mit. Aber die anderen Menschen in unserer Gruppe haben mir geholfen, etwas Geld zu sammeln, um das Kind wieder zurückzubekommen. Sie warfen meinen Sohn auf den Beton und nicht ins Wasser. Heute geht es meinem Sohn sehr gut." 

Fahrije und ihre Kinder konnten nach Albanien fliehen, warteten dort das Ende des Krieges ab, kehrten mit den überlebenden Dorfbewohnerinnen in ihre vollständig zerstörte Ortschaft zurück. Alle hatten ihre Männer verloren. Fahrije gründete später in ihrem Dorf eine Frauen-Kooperative, um vom Verkauf von landwirtschaftlichen Erzeugnissen wie Paprika und Kohl zu überleben.

Heute ernährt die landwirtschaftliche Initiative von Fahrije Hoti 200 Familien in der Umgebung. Ihr Sohn studiert inzwischen Ernährungswissenschaften und ihre Tochter arbeitet, zusammen mit den übrigen Frauen, in der inzwischen erfolgreichen Bäuerinnen-Kooperative. Wenn sie heute auf den Folgen der NATO-Operation auf ihr eigenes Leben zurückblickt – was ist das Wichtigste für sie? Abschließend gibt die Kosovo-Albanerin zurück:

"Heute ist das Gefühl ganz besonders, frei zu atmen. Damals, zu der Zeit vor 20 Jahren, hatte ich sehr kleine Kinder. Wenn sie krank waren, musste ich sie nach Prizren bringen, und ich hatte so große Angst, ob wir hier oder auf dem Weg dorthin erschossen werden würden. Wenn ich jetzt um zwölf Uhr nachts einen Kaffee trinken will, fahre ich mit meinem Auto nach Prizren ohne Angst zu haben. Heute atme und arbeite ich ohne Angst!"

Dabei liegt Prizren, die von den derzeit noch schneebedeckten Bergen Mazedoniens und Albaniens umgebene Großstadt mit ihren Moscheen, Cafés und Restaurants nur ganze 15 Kilometer von ihrem Dorf entfernt.

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