Dienstag, 16.10.2018
 

Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 12.10.2018

Koschere Backwaren aus OstwestfalenVollkorn-Brot für die Welt

Von Christine Etrich

Beitrag hören Podcast abonnieren
Eine Mitarbeiterin der Großbäckerei präsentiert ein sehr großes Vollkornbrot (Biky/ Imago)
Das koschere Brot wird mit hebräischen Siegel nach Israel geliefert (Biky/ Imago)

Eine Großbäckerei aus Ostwestfalen liefert koscheres Brot in die ganze Welt. Deren Vollkornbrot wird etwa in Israel verkauft. Von dort reist ein Rabbi häufig in die deutsche Provinz. Er kontrolliert die strengen Lebensmittelvorschriften.

Es ist warm in der Backstube – Backstube ist vielleicht nicht das richtige Wort. Saal wäre angemessener: Der Ofen, der hier steht,  ist immerhin rund 2,50 Meter hoch und zehn Meter lang. Darin wird koscheres Brot gebacken für Israel. Wichtig sind dabei bereits die Zutaten, woraus das Brot besteht.

Die Marketing-Chefin der Großbäckerei, Ulrike Detmers, sagt: "Unser Vollkornbrot besteht ausschließlich aus pflanzlichen Rohstoffen. Der Hauptbestandteil ist Roggen. Deshalb ist das Brot weder fleischig noch milchig. Es ist neutral."  

Damit ist das Brot Parve. Das zentrale Gebot der jüdischen Speisegesetze besagt, dass Fleisch und Milch getrennt verarbeitet werden müssen. Das pflanzenbasierte Brot ist also weder das eine noch das andere. Es ist neutral und darf mit beidem verzehrt werden – allerdings nicht gleichzeitig.

Ein Rabbi zertifiziert das Brot als "super koscher"

Parve – also neutral - ist die Herstellung von Vollkornbrot bei Mestemacher auch für alle anderen Kunden, für die Käufer in Deutschland und weltweit. Das Unternehmen exportiert in über 80 Länder. Was berechtigt sie also, Brot nach Israel zu liefern?

Ein Rabbiner hat maßgeblichen Anteil daran. Tuvia Hod-Hochwald ist groß, hat einen Vollbart, trägt einen schwarzen Anzug, hat einen Hut auf und besucht das Unternehmen in Gütersloh zwei bis drei Mal im Jahr. Wir erreichen ihn in Israel. Von dort aus erklärt er uns "Super koscher".

Tuvia Hod-Hochwald: "Es gibt bei Brot noch eine höhere Stufe, heißt Pat Israel", das heißt gebacken von Juden, die meisten wollen dieses Brot – super koscher nennen wir das".

Exakt heißt das, Rabi Tuvia Hod-Hochwald reist regelmäßig nach Gütersloh zur Firma Mestemacher und inspiziert persönlich die Backstube. Hier, an diesem Ofen schaltet er persönlich den Backofen an. An diesem Tag wird nur für israelische und für jüdische Kunden in den USA gebacken. Tuvia Hod-Hochwald: "Ich drücke den Knopf, um den Ofen anzuzünden. Das ist ein symbolischer Akt. Das heißt, ein Jude war dabei. Er hat geholfen, das Brot zu backen. Natürlich prüfe ich auch, dass alle Zutaten in Ordnung sind."

Ein Siegel auf's Brot für die ganze Welt

Dann heizt der Ofen auf: 260 Grad Oberhitze, 280 Grad Unterhitze und das ganze exakt 95 Minuten. Heraus kommt ein meterlanger Strang Vollkornbrot, dunkle Farbe, entweder angereichert mit Sonnenblumen, Saaten, Kürbiskernen – je nach gewünschtem Produkt. Das Brot kühlt aus, wird in Scheiben geschnitten, nach einem geheimen Firmenrezept pasteurisiert und damit haltbar gemacht, verpackt und verschickt. Für die Lieferungen nach Israel und in die USA bekommt diese Ware ein Siegel. Das garantiert, dass bei diesem Brot, als es gebacken wurde, der Rabbi anwesend war. Auf rotem Untergrund steht das Wort Mestemacher und dann alles nur noch in hebräisch, bzw. englisch: "I inspected the ingredients and the production and packing process of all sorts of bread producend bei Mestemacher GmbH in Gütersloh (Germany)."

Weiter garantiert das Siegel, dass die Ware frei ist von nicht koscheren Produkten. Das Siegel ist immer nur für ein Jahr gültig. Es enthält die Unterschrift von Rabi Hud-Hochwald. "Der Oberrabbiner verlangt, das, das ist eine Richtlinie. Wir müssen mit dem gehen, der Oberrabbiner kontrolliert alle Produkte, die nach Israel importiert sind und genehmigt", sagt die Marketing-Chefin der Bäckerei, Ulrike Detmer.

In wenigen Monaten wird Rabi Hud-Hochwald wieder nach Gütersloh reisen. Detmers freut sich schon, obwohl sie als bekennende Feministin es nicht gutheißt, dass ihr der Rabbi nicht die Hand geben darf. Trotzdem sagt sie: "Das ist ein besonderer Tag, der Rabbiner wird dann ja auch betreut von unserem Backmeister, der dann zur Verfügung gestellt wird. Wir kennen seit langen, langen Jahren".

Seit den 90er-Jahren liefert Mestemacher koscheres Brot nach Israel – es ist ein wichtiger Markt für das Unternehmen. Ulrike Detmers freut sich aber auch persönlich sehr, dass Juden in Israel und in den USA deutsches Brot favorisieren.

Mehr zum Thema:

Schabbatvorbereitungen - Worauf orthodoxe Juden achten müssen
(Deutschlandfunk Kultur, Aus der jüdischen Welt, 16.03.2018)

Lebensmittelkontrolleure in Tel Aviv - Alles koscher?
(Deutschlandfunk, Tag für Tag, 3.4.2017)

Köln - Kiosk verkauft koschere Lebensmittel
(Deutschlandfunk Kultur, Aus der jüdischen Welt, 17.6.2016)

Aus der jüdischen Welt

Symbol der süddeutschen BierbrauerProst, Davidstern!
Der sechseckige Stern auf dem Schild des Wirtshauses ''Zum Schlenkerla'' in Bamberg (dpa / picture alliance / R. Kiedrowski)

Im Hinduismus, im Alten Ägypten, in der arabischen Welt gab es das Sechseck mit den Zacken. Ende des 15. Jahrhunderts wurde es zum Schutzsymbol der süddeutschen Brauer. Noch heute hängt in Bamberg der "Davidstern" über dem Eingang der Brauerei Schlenkerla.Mehr

Juden im Dreißigjährigen Krieg"Der Ewige fügte es"
Ein zeitgenössisches Flugblatt aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648), dem auf deutschem Boden ausgetragenen Religions- und Staatenkonflikt, zeigt symbolisch "Die erschröckliche Wirkungen des Kriegs" (picture-alliance / dpa)

Der Dreißigjährige Krieg wird bis heute oft als ein Konfessionskonflikt wahrgenommen: Gewalt und Hass unter christlichen Glaubensbrüdern und -schwestern. Doch im Kriegsgebiet vom Mittelmeer bis zur Ostsee lebten vor 400 Jahren auch viele Jüdinnen und Juden.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur