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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.04.2016

Korrespondenz zwischen Gottfried Benn und Friedrich Wilhelm OelzeBriefe als geistig-erotische Attraktion

Von Jörg Magenau

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Dr. Gottfried Benn in seinem Berliner Büro am 18.8.1953.  (imago / United Archives International)
Der Dichter Gottfried Benn in seinem Berliner Büro 1953. (imago / United Archives International)

Den Dichter Gottfried Benn und den Bremer Kaufmann Friedrich Wilhelm Oelze verband eine innige Brieffreundschaft. Ihre Korrespondenz erscheint unter dem Titel "Briefwechsel 1932-1956". Oelze hatte Gründe, einen Teil davon im Banksafe zu deponieren.

Der Briefwechsel zwischen dem Dichter Gottfried Benn und dem Bremer Großhandelskaufmann Friedrich Wilhelm Oelze gehört zu den bedeutendsten Dokumenten der deutschen Literaturgeschichte. Bisher gab es nur eine amputierte Halb-Ausgabe, weil die Briefe Oelzes testamentarisch gesperrt waren. Oelze hatte zwar kurz vor seinem Tod 1980 dem Herausgeber Harald Steinhagen mündlich noch grünes Licht gegeben. Da war die damalige Ausgabe der Briefe aber bereits konzipiert, waren die Skrupel angesichts des Testaments zu groß. Jetzt endlich, 35 Jahre später und 60 Jahre nach Benns Tod, liegt die vollständige Korrespondenz mit dem Einverständnis der Oelze-Erben vor – jedenfalls soweit die Briefe erhalten geblieben sind. Und das ist eine Sensation. 

Hinweis auf aktive Sterbehilfe

Zu 748 Briefen von Benn kommen nun 549 Briefe von Oelze hinzu. (Benn hat in der NS-Zeit viele aus Sicherheitsgründen vernichtet.) Der Briefwechsel reicht von Dezember 1932 bis Juli 1956 und endet kurz vor Benns Tod mit den berühmten Benn-Zeilen: "Jene Stunde… wird keine Schrecken haben, seien Sie beruhigt, wir werden nicht fallen wir werden steigen –." Das klang bisher so, als wäre es als letztes Wort direkt an die Nachwelt adressiert. Über Abschriften – deren Provenienz nicht ganz klar ist – wissen wir nun auch, was Benn in den Zeilen davor schrieb: dass er nicht mehr leiden wolle, dass Schmerzen etwas Entwürdigendes seien und dass seine Frau ihm das Versprechen gegeben habe, es werde "rasch zu Ende gehen". Oelze hatte gute Gründe, diesen Hinweis auf aktive Sterbehilfe – Ilse Benn war Zahnärztin – im Banksafe zu deponieren. Benns Werk wird man deshalb trotzdem nicht neu lesen müssen.

Benns Schweigen

Das sind Petitessen am Rande, wie überhaupt das ganze geschichtliche Material, Nazizeit, Krieg, Nachkriegszeit und so weiter, stets präsent ist, aber doch eher den Hintergrund liefert, vor dem sich das Leben ereignet. Die rasche Korrektur der anfänglichen NS-Begeisterung, das Schweigen in das Benn verfällt, als er 1936 heftigen Angriffen ausgesetzt ist, die bürgerliche und dann die militärische Rolle als Tarnung oder als "vornehmste Form der Emigration", wie er das formulierte, die Depressionen in der politischen Isolation, die Angst vor Überwachung und unerwünschten Mitlesern – all das ist nicht zu übersehen und doch nicht das Wesentliche. Das Leben, um das es geht, ist Lesen und Schreiben, ist geistiger Austausch zwischen den großen Bezugspunkten Goethe und Nietzsche, ist ein Ringen um das, was mal "Wahrheit", mal "Wirklichkeit" heißt und für Benn gleichbedeutend ist mit dem formalen Anspruch der Kunst. So geht es auch los, wenn der Goethe-Verehrer Oelze auf den Goethe-Aufsatz Benns mit den Worten reagiert: "Spürte das spontane Betroffensein, wie es nur die Kunst zu bewirken vermag, wenn die Stunde der Bereitschaft da ist."

Eine wechselseitige Abhängigkeit

So sehr Oelze die Briefe Benns als "ungeheures Panorama des Geistes" idealisierte, so geringschätzig gab sich Benn, wenn er sie in typischer Schnoddrigkeit als bloße "Abhustbewegungen verstopfter Atmungsorgane" bezeichnete. Seine Ehrerbietung gegenüber dem Briefpartner, der ihm Halt und Überlebensgarant in finsteren Zeiten war, ist nicht kleiner als umgekehrt – jedoch immer wieder unterbrochen von Rückzugsbewegungen und Liebesentzug, worunter Oelze schwer zu leiden hatte. Man kann diesen Briefwechsel auch als geistig-erotische Attraktion und wechselseitige Abhängigkeit lesen. Oelze ist nun zu entdecken als großer Anreger und Feingeist, der doch sehr viel mehr war als bloß der parfümierte Aristokrat in weißen Hosen.

Gottfried Benn, Friedrich Wilhelm Oelze: "Briefwechsel 1932-1956"
Hg. Harald Steinhagen, Stephan Kraft, Holger Hof
Klett-Cotta/Wallstein, Stuttgart/Göttingen 2016
2334 Seiten, 199,00 Euro

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