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Tonart | Beitrag vom 07.08.2019

Kontroverse um Faber-Song "Das Boot ist voll""Für kein Marketing auf der Welt mache ich so was durch"

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Julian Pollina alias Faber mit seiner Gitarre beim Fritz DeutschPoeten Festival im IFA Sommergarten in Berlin (imago images/Martin Müller)
Setzt sich gegen rechts ein: Julian Pollina alias Faber. (imago images/Martin Müller)

Nachdem der Schweizer Musiker Farber für sein Lied "Das Boot ist voll" kritisiert wurde, hat er den umstrittenen Text geändert. Im Gespräch versichert er: Es sei ihm nicht um Aufmerksamkeit gegangen, sondern nur um die Kunst.

"I fucking love my life!" So wird es heißen, das neue Album des Schweizer Musikers Faber. Aber gerade dürfte mal wieder einer dieser Momente im Leben von Faber sein, wo er dieses Leben auch ein bisschen hasst – oder zumindest als sehr anstrengend empfindet. Faber hat nämlich vorab einen der neuen Songs veröffentlicht: "Das Boot ist voll". Und an diesem Lied und auch am dazugehörigen Video gibt es Kritik.

Vor allem eine Textzeile, in der es heißt: "Besorgter Bürger, ja ich besorg's dir auch gleich. Geh auf die Knie, wenn ich dir mein Schwanz zeig. Nimm ihn in den Volksmund, blond, blöd, blau und rein. Besorgter Bürger, ja ich besorg's dir auch gleich."

Manche, zum Beispiel der Popkritiker Linus Volkmann, empfinden das als eine Art Vergewaltigungsphantasie gegen rechts. Diese Zeilen gibt es allerdings in dieser Form gar nicht mehr. Faber hat seinen Song zurückgezogen, den Refrain umgeschrieben, Video und Lied in neuer Form herausgebracht.


Martin Böttcher: Wie haben Sie die letzten Tage erlebt? Das war eine schwierige Woche, haben Sie beim Konzert dem Publikum erzählt.

Faber: Ja, das stimmt. Ich hatte auf jeden Fall schon entspanntere Wochen, auch schon entspanntere Monate, um ehrlich zu sein. Das war seltsam, vor allem, weil dieser Prozess von, man ändert was, weil der eigentlich ziemlich normal ist, wenn man schreibt; man macht eine Zeile, man streicht die, man macht eine neue. Eigentlich sollte das nicht für die Öffentlichkeit sein, eigentlich sollte das ein Prozess sein, den man mit sich selbst macht und wo das niemand mitkriegt.

Das war in dem Fall öffentlich, und das führt dazu, dass ganz viele Leute ganz viele Meinungen haben. Sowohl: 'hey, gib mir meinen Song zurück, an den ich mich gewöhnt hatte'; oder: 'zum Glück hast du es geändert', oder 'es war vorher Kacke und jetzt ist es auch Kacke', oder 'es war vorher gut im besten Fall und ist jetzt auch gut'. Aber das sollte ein heimlicher, ein stiller Prozess sein. Das war jetzt ein lauter Prozess. Das hat es nicht unbedingt einfacher gemacht.

Böttcher: Ja. Ich kann mir das vorstellen, weil als Künstler oder auch aus so einer Fanperspektive. Man wünscht sich immer ein bisschen, dass der Künstler das, was er macht, im Verborgenen macht, um auch eine Aura des Geheimnisvollen zu erhalten.

Faber: Genau. Auch, um den Schein zu wahren, also dass die Kunst einfach so kommt und dass man das einfach so macht und dann ist es genau das, was man wollte – was natürlich nicht stimmt.

Ich kann das viel besser

Böttcher: Vielleicht können wir das noch mal kurz auseinandernehmen. Ich persönlich kann mich auch wirklich an gar keinen Fall erinnern, wo ein Musiker einen bereits existierenden Song wieder zurückzieht und mit neuem Text veröffentlicht. Wie genau kam es denn dazu? Wie kam es zu dieser Entscheidung, dass Sie gesagt haben: So geht das nicht, ich muss da noch mal ran, ich muss das noch mal ändern?

Faber: Ich habe es am Freitag veröffentlicht und bin Samstagmorgen aufgewacht, das ist kein Witz, das stimmt alles genau so, und habe gemerkt: Ich kann das viel besser, das ist Scheiße, das ist mega grob, also wo natürlich sehr viel Wut drin sein muss oder wo sehr viel Wut drin ist, aber nicht auf diese Art und Weise, so hat das nichts zu suchen in meiner Perspektive. Es war schade, dass das nach Veröffentlichung passiert ist, weil ich das eigentlich schon ziemlich lange wusste, auch live immer wieder das gespielt habe, aber den Refrain zensiert habe und auch kurz vorher noch irgendwie mit allen gesprochen hab: Hey, lasst uns das ändern.

Aber ich glaube, das Problem war ein bisschen, dass das sehr gut ankam, dass der Refrain halt durch diese Schlagwörter sehr stark war und dann eben geblieben ist, und dann halt die allgemeine Meinung so war: Darfst du auf keinen Fall ändern, so hat das eine viel größere Reichweite. Ich habe erst Samstagmorgen gemerkt: Reichweite ist halt auch nicht alles, es muss auch cool sein für dich selbst.

Dass das wenige Künstler machen, das stimmt natürlich. Also ich weiß, Kanye West hat das vor einem Jahr gemacht oder vor zwei Jahren, aber das ist halt auch Kanye West, er darf alles; andere Künstler dürfen das halt eigentlich nicht. Aber auch da möchte ich ein großes Dankeschön sagen an ganz viele Leute, die die Idee unterstützt haben, und ein Publikum, das es eigentlich im Großen und Ganzen sehr gut aufgenommen hat.

Böttcher: Man hört das dieser neuen Version nicht an, dass Sie da noch mal am Text gedreht haben. Gab es denn diese neuen Textzeilen schon oder mussten die schnell geschrieben werden?

Faber: Nein, Samstagmittag war ich alleine schnell mittagessen und habe da vier Versionen geschrieben. Die gefielen mir alle besser als die, die ich hatte.

Böttcher: Das heißt, die Leute, die da einen Marketing-Trick dahinter vermuten, die liegen falsch?

Faber: Ja, die liegen falsch. Das können Sie mir glauben. Für kein Marketing auf der Welt mache ich so was durch. Nein. Ist halt mega-mühsam, weil sich mega-viele Leute von denen, die dich eigentlich sonst mögen, auch mega-scheiße finden. Für das bisschen Aufmerksamkeitwürde ich das nicht machen. Tatsächlich, obwohl das sehr pathetisch klingt: Es ist alles für die Musik und alles für die Kunst.

Grenze überschritten

Böttcher: Der ursprünglichen Fassung wurde vorgeworfen, sie würde Vergewaltigungsfantasien gegen rechts enthalten und wäre damit ähnlich wie das, was Nazis gerne machen, nämlich Frauen, die sich für Flüchtlinge einsetzen, eine Vergewaltigung wünschen. Können Sie diesen Vorwurf nachvollziehen?

Faber: Nein. Ich kann nachvollziehen, dass es sehr hart war und dass es super an der Grenze ist oder die Grenze auch überschritten hat, dass es nicht in den Song passt, finde ich ebenfalls, dass es da nichts zu suchen hat, finde ich auch. Auch, dass ich das jemandem wünschen würde, glaube ich auch nicht, dass irgendjemand das von mir denkt, auch die Leute, die das geschrieben haben, ich habe es natürlich gelesen. Nachdem wir die neue Version schon hatten, ist das erst gekommen, also den großen Aufstand gab es erst nachher. Aber ich denke nicht, dass es irgendjemand auch dachte.

Wie gesagt, ich kann verstehen, dass man da findet, hey, da ist eine Grenze überschritten. Das fand ich auch, deshalb habe ich es ja auch geändert. Aber ich finde, es ist, Entschuldigung die Wortwahl jetzt, wenn jemand jemandem sagt, "fick deine Mutter". Dann meint der auch nicht, dass der mit seiner Mutter schlafen soll. Ich denke, dass das ziemlich jeder auch weiß. Dass ich da Massenvergewaltigung in Ordnung finden würde, das ist, glaube ich, jedem klar, dass ist auch aus dem Text für mich nicht ersichtlich.

Unwohl im eigenen Land fühlen

Böttcher: Ja. Ein wütender Song ist es auf jeden Fall. Ich bin mir nicht sicher, wie ich den Fall bewerten soll. Auf der einen Seite finde ich jeden Einsatz gegen Nazis wichtig und unterstützenswert, auf der anderen Seite ist das gute Anliegen Ihres Songs in dieser Diskussion untergegangen. Alle reden nur noch darüber, ob Ihr Song sexistisch ist. Kaum einer nimmt ihn noch zum Anlass, um über unsere selbstgefällige Haltung in Sachen Geflüchtete zu sprechen. Wie sehen Sie das?

Faber: Genau, das war der Kernpunkt des Wunschs, das zu ändern. Neben dem, dass ich fand, das gehört da nicht hin, war da die große Angst, dass man nur darüber spricht - und dann ist genau das passiert. Das ist genau das, was ich schade fand an der Version. Deshalb habe ich es geändert, weil ich auch im Internet gemerkt habe, weil ich das auch schon live gespielt hatte, da wurde immer zitiert: "Nimm ihn in den Volksmund" oder so, und kein einziges Mal, dass wir uns auch unwohl im eigenen Land fühlen können, weil so fremd wie diese Bewegung von rechts, so fremd wie die war mir noch keine, ich habe das noch nie erlebt.

Das finde ich, sind die viel stärkeren und viel wichtigeren Aussagen in dem Text als die Volksmund-Passage, die ein Wortspiel war, ob es jetzt gut oder schlecht ist, sei dahingestellt. Genau deshalb, finde ich, musste man das unbedingt ändern. Die große Hoffnung ist, dass das, weil das gerade ein bisschen aktuell ist und weil das sehr selten passiert, dass jemand was ändert, dass sich das aber auch legt innerhalb der nächsten Woche und dass man über das Thema spricht, und nicht darüber, ob ich geflucht habe oder nicht.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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