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Fazit / Archiv | Beitrag vom 01.05.2020

Kontaktlos "Zeitfüreinander"Zehn Schauspieler, fünf Theater, eine Webserie

Von André Mumot

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Videostill aus der Webserie "Zeitfüreinander" (Videostill)
Fünf Theater produzieren unter der Regie von Anne Lenk eine virtuelle Speed-Dating-Serie. (Videostill)

Zehn Schauspieler aus fünf Theatern machen aus der kontaktlosen Not eine Tugend und begeben sich ins Online-Speed-Dating. André Mumot meint, die Webserie "Zeitfüreinander" sei sympathisches Durchhaltetheater, entfache aber keine wirkliche Bühnenlust.

Es ist eine Durchhaltezeit. Landauf, landab bemühen sich die Theater, den Kontakt zu ihrem Publikum nicht zu verlieren. Man streamt alte Vorstellungen aus dem Archiv, gibt auf Instagram Lebenszeichen aus den Wohnungen von Schauspielerinnen und Schauspielern und entwickelt in rascher Folge kleinere Online-Formate.

Theater im Bildschirm-Miniaturformat, hergestellt auf möglichst kontaktlose Weise, dafür – im Idealfall – mit besonders viel Spiellust und Improvisationseifer. Christopher Rüping etwa stellt mit dem Ensemble des Schauspielhauses Zürich "Dekalog"-Monologe online und die Performance-Gruppe "Forced Entertainment" selbstironische Zoom-Sitzungen von scheinbaren virtuellen Proben.

Entwickelt von Anne Lenk und Camill Jammal

Nun geht eine neue Webserie an den Start: "Zeitfüreinander – Dating in Zeiten des Social Distancing" hat dabei eine durchaus reizvolle Grundidee: Wenn schon jeder für sich spielen muss, dann wenigstens theaterübergreifend. Regisseurin Anne Lenk, deren "Menschenfeind"-Inszenierung eigentlich gerade beim Theatertreffen in Berlin gezeigt werden sollte, und Schauspieler Camill Jammal haben das Projekt entwickelt:

Zehn Schauspielerinnen und Schauspieler aus fünf Theatern begeben sich ins Online-Speed-Dating. So kooperieren das Deutsche Theater Berlin, das Schauspiel Hannover, das Düsseldorfer Schauspielhaus, das Residenztheater München und das Staatstheater Nürnberg in fünf mehr oder weniger launigen Episoden.

Die Darsteller bleiben konsequent in ihrer jeweiligen Rolle, finden sich aber in jeder Folge in einer anderen Dating-Konstellation wieder – bis jede Frau jedem Mann einmal fünf Minuten lang virtuell begegnet ist. Die Figuren sind dabei erstaunlich harmlos angelegt, Ecken und Kanten werden eher angedeutet als voll ausgespielt.

Alexander Khuon etwa gibt den luxussüchtigen Immobilienmakler, der aber doch gar nicht so unsympathisch ist, wenn er feststellt, dass er mit der von Nicola Lenk gespielten Pilotin ziemlich gut auskommt – zumal sie die uneingeschränkte Liebe zu Tom-Cruise-Filmen teilen. Camill Jamal spielt einen selbstverliebten Star-Regisseur, und Lisa Hrdina die extremste Figur im digitalen Reigen: Eine strenge, chronisch kranke junge Frau, die dringend entjungfert werden will, aber möglichst wenig reden möchte.

Ganz sympathisch, mehr aber auch nicht

Tatsächlich stellt sich ab der zweiten Folge der Serieneffekt ein: Man kennt die Figuren und ist halbwegs gespannt auf ihr jeweiliges Zusammentreffen. Trotz der durchweg charmanten Besetzung werden dann aber doch nicht allzu viele Funken geschlagen. Manchmal schämt man sich ein wenig fremd, manchmal wünscht man schönen, jungen Menschen Glück, die beide gerne Sport machen, oder langweilt sich bei Geschichten über Eltern auf dem Campingplatz.

Ein bisschen wirkt das Ganze, als wäre es auf halbem Weg zur Fernseh-Comedy steckengeblieben. Das kontaktlose Durchhaltetheater in jeweils knapp dreißig Minuten ist sympathisch, es tröstet vielleicht auch über die schlimmsten Entzugserscheinungen während des Shutdowns hinweg, wirkliche Bühnenlust entfacht es aber nicht.

An fünf aufeinanderfolgenden Tagen werden fünf Dating-Runden gestaffelt gezeigt. Jedes Theater zeigt jeweils eine Folge um 19.30 Uhr (bis 12 Uhr am darauffolgenden Tag) auf seiner Webseite. Am Folgetag sind die Videos dann auf der Webseite www.zeitfuereinander.com zu sehen.
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