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Zeitfragen | Beitrag vom 06.07.2020

KontaktbeschränkungenWie benachteiligte Kinder unter den Nachwirkungen leiden

Von Lea Eichhorn

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Ein roter Teddybärmit Mundschutz vor gelbem Hintergrund. (Unsplash / Volodymyr Hryshchenko)
Besonders die kleinen Kinder verstanden nicht, warum sie ihre Eltern wochenlang nicht sehen durften, erzählt die Erzieherin in einer Berliner Wohngruppe. (Unsplash / Volodymyr Hryshchenko)

Sozial benachteiligte Kinder trifft die Coronakrise besonders hart. Wie geht es ihnen jetzt, nach den überstandenen Kontaktbeschränkungen? Menschen, die froh sind, wieder täglich mit diesen Jungen und Mädchen arbeiten zu können, berichten.

"Da ist es schwierig zu erkennen, wie gut geht es der Person jetzt", sagt Philipp Hentze. "Es erfordert super viel Konzentration rauszuhören, wenn die Familie sagt, mir geht es gut, oder uns geht es gut. Der eine Satz kann so viel Unterschiedliches bedeuten."

Erziehungshilfe per Videochat. Der Sozialpädagoge Philipp Hentze ist Bereichsleiter im Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerk. Die Familienhelferinnen und -helfer des EJF kommen, wenn Eltern überfordert sind. Wenn Kinder vernachlässigt werden. In den eingeschränkten Zeiten waren Hausbesuche nur in Ausnahmefällen möglich. Eltern und Kinder den ganzen Tag zu Hause, auf engem Raum. Kleine Konflikte entstanden da regelmäßig.

"Und daraus wird dann unter Umständen aber eine größere Krise, in der es dann wirklich um häusliche Gewalt oder Vernachlässigung gehen kann", sagt Philipp Hentze.

Ein bestehendes Problem verschärft sich

In vielen der betroffenen Familien fehlten schon in "normalen" Zeiten Strategien, um Konflikte gewaltfrei zu lösen. Ist die Lebenssituation insgesamt angespannt, verschärft sich das Problem. Eine Studie der TU München zeigt: In Familien, die in häuslicher Quarantäne waren, oder besondere finanzielle Sorgen hatten, erlebte jedes zehnte Kind körperliche Gewalt.

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Auch die Gewaltschutzambulanz der Charité Berlin erfasste im ersten Halbjahr des Jahres fast ein Viertel mehr Fälle von Kindesmisshandlungen. So ergeht es den Kindern zu Hause. Aber wie erleben andere Kinder die Zeit, die nicht bei ihren Eltern, die in sozialen Einrichtungen leben?

Christina Krautke ist Erzieherin in einer Wohngruppe der Caritas. Anders als die Schulen, konnte die Wohngruppe in der Pandemie nicht schließen. Für Christina Krautke und ihre Kolleginnen und Kollegen bedeutete das: Sie mussten plötzlich für zwölf Kinder Unterricht zu Hause organisieren. Und sie trösten, wenn diese ihre Familien vermissten - der regelmäßige Kontakt war von heute auf morgen nicht mehr möglich.

Die Frustrationsgrenze sinkt

"Wenn es im Regelfall bis zu dreimal die Woche die Mutter sieht, und das dann wegfällt, dann wurde das über die Tage und Wochen auch spürbarer im Raum, erzählt die Erzieherin. "In der Frustrationsgrenze beispielsweise. Die Kinder waren viel stärker gereizt. Sie sind viel unverständiger in jeglicher Form von Dialog mit uns unterwegs gewesen."

Vor allem die kleinen Kinder verstanden nicht, warum sie ihre Eltern wochenlang nicht sehen durften, erzählt Christina Krautke. Sobald die Kontaktbeschränkungen gelockert wurden, ermöglichten die Pädagoginnen und Pädagogen erste Treffen:

"Eine Mutter durfte ihr Kind dann zum zweistündigen Spaziergang im Umfeld abholen. So waren dann erste Kontakte wieder möglich zwischen den Familienangehörigen. Es war immer erst einmal Begeisterung auf allen Seiten, und nach einer Weile kam dann auch die Frage nach mehr also, wenn ich sie zwei Stunden sehen kann, warum nicht mehr?"

Inzwischen sei das alltägliche Leben der Kinder wieder fast auf Vor-Corona-Niveau angekommen, sagt Krautke. Aber die Ängste und Konflikte der vergangenen Wochen wirkten noch nach.

Auch bei der zentralen Telefonseelsorge, der "Nummer gegen Kummer", haben in den ersten Wochen der Pandemie deutlich mehr Kinder und Jugendliche Rat gesucht. Nach Angaben des Vereins berichteten sie von Problemen zu Hause, hatten aber auch Angst, in der Schule nicht mitzukommen.

Vom Homeschooling in die Sommerschule

Der Berliner Senat hat auf diese Sorge reagiert. In Sommerschulen können Schülerinnen und Schüler verpasste Inhalte nachholen. So wie hier in Berlin-Zehlendorf. Neun Schüler und Schülerinnen sitzen mit großem Abstand in einem Halbkreis. Schulleiterin Maria Kottrup ist froh, einige ihrer Schüler wieder persönlich zu sehen.

In der Zeit der Schulschließungen hatte sie einzelne Kinder kaum erreicht: "Da musste ich mehrmals nachhaken und E-Mails schreiben, dann habe ich eine kurze Antwort bekommen. Und da sind die Klassenlehrer und auch die Sozialpädagogen zur Familie hingegangen, haben etwas mitgebracht, also dann gab es ein bisschen was."

Im Großen und Ganzen hätten ihre Schülerinnen und Schüler die Wochen des Homeschoolings aber gut überstanden, erzählt Maria Kottrup. Auch weil sie von ihren Eltern ausreichend unterstützt wurden. Für diese Kinder ist die Sommerschule eine Möglichkeit, einzelne verpasste Lernstoffe nachzuholen.

Das Leid wird sichtbar

Für Kinder aus Familien mit gewalttätigen Konflikten bedeutet der tägliche Kontakt zu den Lehrkräften: Ihr Leid ist wieder sichtbar.

Gerade jetzt haben Familienhelferinnen und Familienhelfer alle Hände voll zu tun, erzählt Philipp Hentze vom Evangelisches Jugend - und Fürsorgewerk: "Weil jetzt Krisenherde aufgemacht worden sind in dieser Zeit, die eben noch nicht entspannt werden konnten beziehungsweise noch nicht gänzlich bearbeitet werden konnten. Also da sind wir einfach noch im Prozess."

Auch wenn die Lage der Kinder sich verbessert habe, Entwarnung will der Sozialpädagoge noch nicht geben.

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