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Zeitfragen | Beitrag vom 13.11.2018

KonkurrenzDie Kosten des Wettbewerbs

Von Winfried Roth

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Eine Zeichnung von sich wüst prügelnden Geschäftsmännern und -frauen (imago stock&people/Yime)
Mit dem Konkurrenzprinzip sind nicht nur soziale, sondern auch ökonomische Kosten verbunden, meint Winfried Roth. (imago stock&people/Yime)

Ob Castingshow, Assessment Center oder Wirtschaftsstandorte: Konkurrenz ist ein zentrales Prinzip unserer Gesellschaft. Doch setzen sich dabei immer die besten Akteure und Produkte durch? Macht Konkurrenz die Wirtschaft wirklich effektiver?

"Das zentral Positive am Wettbewerb ist, dass er dafür sorgt, dass wir Innovation bekommen, dass wir Kunden präferenzgerechte Produkte verkaufen können, dass jeder im Wettbewerb sich einbringen kann und dadurch insgesamt Wohlstand entstehen kann", sagt Dominik Enste vom unternehmernahen Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Ein weiterer Vorteil des unaufhörlichen Wettbewerbs: Unternehmen halten einander gegenseitig in Schach.

Der Konkurrenzkampf beginnt bereits in der Schule

Konkurrenz unter den Beschäftigten - und schon in Schule und Ausbildung - sichert wahrscheinlich in vielen Fällen mehr Leistung.

"Ich bin 17 Jahre alt, bin auf einem Gymnasium in Steglitz-Zehlendorf, Leistungskurse Mathe und Physik. Seit einigen Jahren bin ich in Schülervertretungen aktiv. Ich glaube, dass Konkurrenz auch eine spielerische Komponente haben kann. Ich rudere ganz gerne. Da gibt's natürlich auch Wettkämpfe. Einen Großteil der Zeit ist man aber zusammen in einem Boot - um den Sport zu genießen." Zur Stimmung an seiner Schule sagt Lucas Valle-Thiele:

"Es geht ja auch viel darum, sich selbst zu profilieren, zu zeigen, dass man der Coolste ist, dass man die besten Klamotten trägt. Das hat natürlich auch etwas von einem Konkurrenzkampf."

Leistungsdruck geht sicher oft von den Eltern aus:

"Da gibt es natürlich Ängste - dass mein Kind überdurchschnittlich sein muss, sonst könnte es ja keine Chance haben auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft. Vielen Eltern reicht keine Zwei mehr, sie wollen schon eine Eins."

Unter Umständen endet Profilierung in Aggression:

"Mobbing beginnt oft im Kleinen, wo man es nicht so merkt. Wo endet der Spaß - wo fängt Mobbing an? Was erschreckend oft geschieht - dass weggeschaut wird. Oder dass da Mitläufer sind, die auch einsteigen, selber zu Mobbern werden."

Susanne Hüttig aus Frankfurt am Main ist Berufsschullehrerin:

"Da hat zum Beispiel ein Schüler erzählt, dass er sich mit einer Mitschülerin eine Art Wettbewerb liefert: wer schafft es, eine Eins zu schreiben? Beide sind sehr ehrgeizig, aber die verstehen sich gut. Das wäre eine Form von positiver Konkurrenz."

Die 58-Jährige blickt zurück auf ihre eigene Zeit als Berufsanfängerin:

"Als ich in die Schule kam, war einer der Berufe für mich neu - 'Fachkraft für Lagerlogistik'. Ich hab sehr viel Unterstützung von den Kolleginnen und Kollegen erfahren. Die haben mir ihre Unterlagen zur Verfügung gestellt. Ich durfte bei Kolleginnen und Kollegen hospitieren, die schon Logistik unterrichteten. Ich habe diese Zeit als sehr solidarisch erlebt."

Arbeitslosigkeit befeuert die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt

Konkurrenz hat ganz unterschiedliche Gesichter - auch bedrohliche. Der Wettbewerb der Unternehmen begünstigt die Vernichtung von Kapital oder von Arbeitsplätzen. Und am Ende vieler erbitterter Kämpfe auf dem Markt steht mehr Unternehmenskonzentration. Sie erleichtert nicht nur Preisabsprachen oder die Blockierung neuer Technologien, sondern auch Druck auf Regierungen etwa wegen Steuern oder Umweltvorschriften. Ein anderer wichtiger Punkt:

"Arbeitslosigkeit ist auf jeden Fall ein Disziplinierungsinstrument für die abhängig Beschäftigten, weil Arbeitslosigkeit die Konkurrenz auf den Arbeitsmärkten massiv befeuert. Das diszipliniert nicht nur die, die arbeitslos sind, sondern auch die, die Arbeit haben", sagt Heinz-Josef Bontrup. Er lehrt Ökonomie an der Westfälischen Hochschule in Recklinghausen und ist Sprecher der gewerkschaftsnahen "Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik".

Werden die Vorteile des Konkurrenzmechanismus - Innovation und Angebotsvielfalt - durch solche Nachteile aufgewogen? Kritik an Effizienzverlusten infolge des Wettbewerbs formulierten schon Klassiker der Wirtschaftswissenschaft wie Alfred Marshall, Karl Marx oder Arthur Cecil Pigou.

Einer der ersten, die sich systematisch mit diesen Fragen auseinandersetzten, war Karl William Kapp – ein linksliberaler deutscher Ökonom, der lange in der Schweiz und den USA lehrte. Kapp ­– geboren 1910, gestorben 1976 – beeinflusste die wirtschaftspolitische Debatte vor allem mit seiner These, materieller Wohlstand führe keineswegs selbstverständlich zu einer hohen "Lebensqualität". Wie Erich Fromm, Max Horkheimer oder Ivan Illich zweifelte er am naiven Fortschrittsglauben der "Wirtschaftswunderjahre". Er schlug vor, Ausgaben für die Reparatur von Umwelt- und Gesundheitsschäden vom Sozialprodukt abzuziehen - mit Blick etwa auf Krebs durch Abgase, verschmutztes Trinkwasser oder Landschaftszerstörung.

Kapp sah aber nicht nur die "Folgekosten" des Konsumrauschs. Auch seine Gedanken zu Effizienzverlusten durch unternehmerische Konkurrenz erscheinen nach wie vor diskutierenswert. Er beschäftigte sich mit möglicherweise überflüssigen "parallelen" Aktivitäten von Firmen, gerade in Forschung und Marketing. Vor allem hob er eine technologisch nicht begründete Kapitalvernichtung durch Konkurrenz hervor - nämlich die Entwertung leistungsfähiger Maschinen und anderer Produktionsanlagen bis hin zur Schließung ganzer Unternehmen, gerade in den immer wiederkehrenden gesamtwirtschaftlichen Krisen.

Konkurrenz erzeugt Innovationsdruck

Der Kapitalismus – so eine geläufige Vorstellung – ist vielleicht kein gerechtes, aber doch ein effizientes Wirtschaftssystem, gerade wegen der allgegenwärtigen Konkurrenz. Kann es sein, dass zu Konkurrenz massive Vergeudung gehört?

"Wir sind heute Marktführer und bieten 350.000 verschiedene Möglichkeiten. Unsere Armaturen werden eingesetzt in der Mess- und Regeltechnik, in der Chemie und im Kraftwerksbau. Wir sind sehr profitabel."

Der Maschinenbauingenieur Bernd Flade, 62, ist geschäftsführender Gesellschafter der Firma Christian Bollin, die mit dreißig Beschäftigten im hessischen Oberursel Industriearmaturen herstellt.

"Konkurrenz ist absolut notwendig. So ist es immer wieder die Anregung durch Konkurrenten, dass man schaut, welche Änderungen gibt es, denen wir uns stellen müssen. Sie sind auch zum Glück gezwungen, Entwicklungen zu machen, die Sie von sich aus gar nicht gemacht hätten."

Schon vor einem Jahrhundert hob der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter die Bedeutung "schöpferischer Zerstörung" hervor. Heinz-Josef Bontrup:

"Damit meinte er, dass der Konkurrenzmechanismus die Anbieter zwingt, ständig über Innovation nachzudenken. Und dieses Neue verdrängt das Alte."

Bernd Flade: "Da kann ich Ihnen sagen - da geht es schnell zu Ende. Da reden wir von maximal drei Jahren, dann wird es Ihre Firma nicht mehr geben."

Heute ist oft häufig auch von "Disruption" die Rede. Im 20. Jahrhundert vertrieb das Automobil Fuhrwerke und Kutschen von den Straßen, das Flugzeug war dem Zug auf Langstrecken überlegen. Strom wurde lange mit Kohle, Erdöl oder Gas produziert, inzwischen zunehmend mit Windkraft oder Sonnenenergie. Der Kühlschrank ersetzte den unkomfortablen Eisschrank. Der Vinyl-LP folgte erst die CD und später der Download. Die E-Mail war schneller als Briefe, Online-Banking machte handgeschriebene Überweisungen und schließlich viele Bankfilialen überflüssig.

Reiseangebote im Internet sind nicht immer günstiger

Jacek Barełkowski, 68, besitzt ein "traditionelles" Reisebüro im wohlhabenden Berliner Stadtteil Charlottenburg.

"Vor 35 Jahren hatten wir so gut wie keine Konkurrenz in Berlin. Wir waren das wichtigste Reisebüro in Richtung Polen."

Längst verkauft er auch Reisen zu anderen Zielen. Mit der "Herausforderung Internet" hatte er zum ersten Mal während eines Aufenthalts in den USA Ende der neunziger Jahre zu tun:

"Ich war etwas schockiert und habe gedacht, wenn das nach Deutschland kommt, dann wird unser Leben schwieriger. Dann kam das Internet nach Deutschland."

Und es kam und blieb.

"Bei uns haben früher sechs, sieben Personen gearbeitet. Jetzt sind wir zu dritt. In der Straße sind mehrere Reisebüros verschwunden."

Obwohl das Reisebüro in mancher Hinsicht eben doch noch konkurrenzfähig war und ist. Bisweilen, ist es sogar so, dass "Reiseangebote im Internet nicht immer günstiger sind als das, was wir anbieten können", sagt Barełkowski. "Aber die Meinung, dass die günstiger sind, ist verbreitet, und die Leute vergleichen sogar manchmal die Preise nicht."

Auch in anderer  Hinsicht das "Vor Ort"-Reisebüro einige klare Vorteile:

"Wenn jemand eine teurere Reise bucht, geht er ins Reisebüro, um sich beraten zu lassen. Wir haben auch Kunden, die uns mit der Suche beauftragen, weil sie wenig Zeit haben."

Vorteile, die auf einem Markt, der so rasant im Umbruch ist, gar kein Chance haben, sich wirklich zu entfalten. Eine Dynamik, die vermutlich nicht aufzuhalten ist. Und was weg ist, ist erst mal weg:

"Ich glaube, der Anteil der über das Internet gebuchten Reisen wird weiterhin steigen."

Konkurrenz senkt die Preise

Heinz-Josef Bontrup: "Technologischer Fortschritt hat immer eine Ambivalenz. Es gibt immer auch Nachteile."

So im Fall von fossilen Brennstoffen, Kernkraft, Asbest, Kunststoffen, Insektiziden oder Gentechnik. Das Auto brachte Zeitgewinn und sportliches Vergnügen, aber auch Dutzenden Millionen Menschen den Tod durch Unfälle oder Luftverschmutzung.

Innovation und Angebotsvielfalt sind nicht die einzigen Vorteile von Konkurrenz:

"Marx hat den berühmten Satz gesagt: 'Je ein Kapitalist schlägt viele andere tot'. Womit er sagen will, dass die Unternehmer gegeneinandergehen, dass sie versuchen, sich gegenseitig aus dem Markt zu drängen."

Auch unter den wenigen übriggebliebenen Automobilunternehmen, Großbanken, Energiekonzernen oder Handelsketten herrscht durchaus Konkurrenz. Selbst mächtige Konzerne erlebten ein "Ende mit Schrecken" – in Deutschland nach 1945 etwa Borgward, AEG, Grundig, Nordmende, DKW, die Gerling-Versicherung, die Dresdner Bank, Hertie oder Schlecker. Auf der anderen Seite setzten sich auf den Märkten immer wieder völlig neue Akteure durch, in den letzten Jahrzehnten Microsoft, Apple, Google, Amazon, Facebook, Uber...

Ein weiterer Vorteil: Konkurrenz kann überhöhte Preise verhindern. Manchmal kommt es sogar zu Preissenkungen - nicht nur bei Fluggesellschaften:

"Die Preise für Telekommunikation sind dramatisch gesunken", so Dominik Enste.

Der Niedriglohnsektor verschärft die Konkurrenz

Konkurrenz herrscht natürlich auch unter den Beschäftigten in Büros und Fabrikhallen. Die Aussicht auf Sonderzahlungen oder Beförderung kann ebenso zu höheren Leistungen motivieren wie die Angst vor Vorwürfen oder Entlassung.

Die Effizienz, für die der Wettbewerb oft sorgt, hat ihren Preis. Dazu gehören die enttäuschten Hoffnungen oder sogar Existenzängste der Verlierer. So mussten in der Geschichte der Bundesrepublik Millionen kleiner Geschäftsleute aufgeben, weil Supermärkte, Fast-Food-Ketten oder Reiseportale im Internet mehr Konsumenten anzogen. Arbeiter und Angestellte traditionsreicher Textilfabriken, Stahlwerke, Kohlezechen und Werften erhielten die Entlassungspapiere, weil solche Produkte billiger importiert werden konnten. Weite Teile der DDR-Wirtschaft gingen 1990/91 in der plötzlichen offenen Konkurrenz mit dem Westen unter, Millionen Menschen sahen ihre beruflichen Qualifikationen entwertet. "Angstgetriebene" Konkurrenz in der Arbeitswelt wurde in den letzten Jahrzehnten durchaus auch vom Staat gefördert. Die Frankfurter Lehrerin Susanne Hüttig:

"Als ich jung war und hab angefangen zu studieren - da war das Vertrauen da 'Ich finde etwas'. In meiner Generation –  Anfang der achtziger Jahre war ich zwanzig – war die Gewissheit, es ist ein Platz für uns da. Das hat sich doch stark verändert. Die 'Hartz IV'-Gesetzgebung hat dazu beigetragen, ebenso die Ausweitung der befristeten Arbeitsverhältnisse und der Zeitarbeit – und der Niedriglohnsektor. Das schafft Konkurrenz und führt dazu, dass Menschen sich weniger wehren meines Erachtens."

Nachteile durch den entfesselten Wettbewerb in der Welt der "Jobber" verbuchen durchaus auch die Unternehmen. Wer schlecht bezahlt und behandelt wird und damit rechnen muss, nach ein paar Monaten wieder auf der Straße zu stehen, dem ist wahrscheinlich vieles gleichgültig. Dominik Enste über eine mögliche Reaktion:

"Mittlerweile sieht man in immer mehr Unternehmen, dass sie klar den Teamgeist fördern und Teamprämien zahlen."

"Wir leben hier in der Firma tatsächlich das Miteinander", sagt der Metallunternehmer Bernd Flade. "Ich könnte mir nicht vorstellen, dass ich einen von den Technikern gegen den anderen ausspielen würde und sagen würde 'So, schauen wir mal, wer von euch schneller ist'."

Konkurrenz erzeugt überflüssige Forschungsausgaben

Eine Entspannung auf den Arbeitsmärkten – und schon in den Schulen – brachte der Konjunkturaufschwung der letzten Jahre:

In vieler Hinsicht fragwürdig ist die "Konkurrenz der Standorte" - sei es im Inland, sei es international. Ein solcher Kampf um Unternehmensansiedlungen und Arbeitsplätze ist nichts Selbstverständliches. Globalisierung war politisch gewollt. Standorte können von Firmen viel leichter als noch vor einigen Jahrzehnten gegeneinander ausgespielt werden. Allerdings ist "Standortförderung" – vom Bau eines "Gewerbeparks" bis zur gezielten Steuerentlastung – ein Nullsummenspiel. Überregional gesehen entsteht durch solche Lockangebote kein einziger Arbeitsplatz zusätzlich. Dominik Enste vom Institut der deutschen Wirtschaft:

"Grundsätzlich macht es aber Sinn, wenn es Steuerwettbewerb gibt, dass Staaten unterschiedliche Anreize bieten - weil es Staaten hindert, immer höhere Steuern zu erheben."

Gerade der Wettbewerb zwischen Unternehmen kann zu massiver Vergeudung führen. Beispiele: Kapitalvernichtung innerhalb einzelner im Konkurrenzkampf zurückgebliebener Firmen, Zusammenbrüche von Branchen und gesamtwirtschaftliche Krisen.

Selbst in Zeiten des Booms sind manche "parallele" Aktivitäten von Unternehmen, vor allem in Forschung oder Marketing im Grunde überflüssig. Die Abschottung der Auto-, IT- oder Pharmakonzerne voneinander verhindert die Verwendung von Millionen und Milliarden für vielleicht nützlichere Zwecke.

Dominik Enste: "Natürlich führt Konkurrenz immer auch zu überflüssigen Forschungsausgaben. Fehlschläge und Scheitern gehört einfach mit dazu."

Heinz-Josef Bontrup: "Wenn alle gegeneinander konkurrieren, dann werden am Ende – das sehen wir ja auf vielen Märkten – nur wenige übrig bleiben."

Bernd Flade meint mit Blick auf die Produktion komplizierter Industriearmaturen:

"Man hat die anderen Firmen am Markt als Konkurrenten gesehen - heute sehen wir alle diese Firmen als Marktbegleiter, weil jeder heute sein eigenes Segment abdeckt. Unter dem Aspekt, dass wir Kleinserien mit extremer Geschwindigkeit fertigen, mit extremer Vielfalt, sind wir einzig auf dem Markt. Wir haben keine Konkurrenz, wo das genau zutrifft."

Konkurrenz befördert Monopolbildung

Solche "Marktverhältnisse" dürften unproblematisch sein. Anders ist es in der Welt der Großunternehmen, zum Beispiel:

Dominik Enste: "Aktuell stellen wir ja im Internet fest, dass eine gewisse Monopolbildung vorzufinden ist - Google, Facebook, Amazon, Apple usw."

Konkurrenz kann nicht nur Stress und wirtschaftliche Ineffizienz bedeuten, sondern auch ausufernde unternehmerische Macht. In einigen Branchen wie Telekommunikation und Fluggesellschaften hat in den letzten Jahrzehnten der Wettbewerb zugenommen. Zuverlässige Statistiken fehlen, insgesamt scheint aber ein Trend zu Verdrängung und Zusammenschlüssen überwiegen.

Heinz-Josef Bontrup: "Wir haben im ganzen Energiebereich Riesenkonzentration. Nehmen Sie die Automobilindustrie – wie viele Anbieter gibt es da noch?"

Heinz-Josef Bontrup von der Westfälischen Hochschule hebt hervor:

"Wenn nur noch wenige Unternehmen auf den Märkten das Sagen haben, dass sie dann natürlich über technologischen Fortschritt entscheiden können, ob sie ihn entwickeln, ob sie ihn zurückhalten, ob sie vielleicht sogar Forschungsergebnisse in den Schubladen verschwinden lassen."

Dominik Enste: "Zentral ist dabei immer, dass man Marktmacht verhindert. Voraussetzung ist natürlich eine gewisse Transparenz. Die Marktwirtschaft braucht Eingriffe, wenn es große Anbieter gibt, die mit ihrer Marktmacht Preise bestimmen können."

Wieviel politische Macht haben große Unternehmen?

Ein anderes brisantes Thema ist politische Macht in Folge von Unternehmenskonzentration. Nicht nur Global Player können Parlamente und Regierungen unter Druck setzen, wenn es um Eigenkapitalrichtlinien, Regelungen für Leiharbeit oder Umweltschutzbestimmungen geht, um öffentliche Ausgaben für Infrastruktur oder um direkte Subventionen. Dominik Enste verweist auf die bestehende Regulierung:

"Wir haben in Deutschland ja die Monopolkontrolle und auch ein Gesetz, das sicherstellt, dass der Wettbewerb gewährleistet ist."

Bei der Steuerflucht besonders mächtiger Akteure schaut der Staat oft weg:

"Das Aussuchen von Ländern, wo man gern seine Steuern zahlen möchte, da müssten die Länder besser kooperieren und dafür sorgen, dass es keine Länder gibt, wo man seine Einnahmen kaum versteuern muss."

Heinz-Josef Bontrup meint zum Thema "Machtkontrolle":

"Die ist absolut unzureichend. Wir haben in Deutschland das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen, das soll der Entstehung von Marktmacht vorbeugen – hier versagt das auf ganzer Linie. Auf europäischer Ebene haben wir nicht einmal ein Kartellamt."

Oft lässt sich Kapitalvernichtung als "Auslese der Besten" rechtfertigen - nämlich wenn technologisch zurückgebliebene Unternehmen im Konkurrenzkampf unterliegen.

Dominik Enste: "Den Umstieg von der Schreibmaschine auf den PC kennt jeder. Die größere Energieeffizienz bei Autos, aber auch in der gesamten Technik... Das Smartphone hat die Kompaktkamera verdrängt."

Konkurrenz vernichtet auch Kapital

Aber die Konkurrenz zwischen den Unternehmen führt ständig auch zu Kapitalvernichtung, die wenig oder nichts mit Innovation zu tun hat. Stattdessen werden Produktionsanlagen ausrangiert, weil andere Firmen billiger produzieren oder schwungvoller verkaufen.

Auch wenn sich technologisch überlegene Firmen durchsetzen, ist nicht sicher, dass die wirtschaftlichen Vorteile dieser "schöpferischen Zerstörung" andere Kosten aufwiegen – etwa öffentliche Ausgaben für Arbeitslose oder für angeschlagene Branchen.

"Das muss in der Wirtschaftsordnung abgefedert werden, so dass die, die aus dem Markt gedrängt werden, nicht ins Bodenlose fallen", sagt Dominik Enste.

"Gesamtwirtschaftliche Krisen wird es immer geben. Sie gehören zu einem Prozess schöpferischer Zerstörung dazu."

Konkurrenz kann nicht nur Kapitalvernichtung in einzelnen Unternehmen begünstigen, sondern auch umfassendere Krisen. Als eine mögliche Ursache gelten Überkapazitäten, die in der "Hochkonjunktur" unter dem Druck der Konkurrenz aufgebaut werden. Heinz-Josef Bontrup:

"Das ist immer die Gefahr von Konkurrenz, dass es zu Überinvestitionen kommt - weil alle eben versuchen, maximale Gewinne zu erzielen.

Bernd Flade von der Armaturenfabrik Christian Bollin:

"Wenn Überkapazitäten produziert werden, dann sind das eben Managemententscheidungen, die falsch sind."

Jeder Autokonzern, jedes Bauunternehmen, jedes Hotel hofft, dass gerade seine Angebote Erfolg haben und die entsprechenden Investitionen sich auszahlen. Aber wenn "auf Verdacht" investiert wird, erweist sich oft ein Teil der Kapazitäten als überflüssig. Sie müssen vorübergehend oder für immer "vom Markt" genommen werden.

Heinz-Josef Bontrup: "Wenn die Nachfrage zu gering ist, werden die Unternehmen versuchen, Kapazitäten abzubauen, auch personelle Kapazitäten abzubauen. Das führt dann zu mehr Arbeitslosen."

Die gesamtwirtschaftlichen Kosten von Arbeitslosigkeit

Solche Prozesse verstärken sich gegenseitig, ein Einbruch der gesamtwirtschaftlichen  Produktion kann die Folge sein. Besonders riskant ist es, wenn zu einer Krise in der "Realwirtschaft" eine in der Finanzsphäre hinzukommt, wo Kapitalvernichtung sich in anderen Formen abspielt. Immerhin: der Abbau von Überkapazitäten erleichtert einen neuen Aufschwung.

Die offizielle "Insolvenzstatistik" registriert, wenn ganze Unternehmen bankrott gehen. Allerdings muss nicht immer Konkurrenz die Ursache des Scheiterns gewesen sein, es kommen ja auch gewöhnliche Managementfehler in Frage. Meist geschieht Kapitalvernichtung aber geräuschlos, für die Öffentlichkeit kaum wahrnehmbar. Nur einzelne Produktionsanlagen eines Unternehmens werden ausrangiert.

Für manche Folgen wirtschaftlicher Krisen kommen die Unternehmen auf, für andere der Staat. Heinz-Josef Bontrup über die Kosten der Arbeitslosigkeit:

"Das sind drei Faktoren: einmal Arbeitslosengeld I und II, zweitens der Steuerausfall - weil Arbeitslose weniger Steuern zahlen, drittens der Ausfall bei der Sozialversicherung. Diese Kosten haben im Durchschnitt der letzten zehn Jahre bei etwa 60 Milliarden Euro pro Jahr gelegen. Da ist nicht mal der Produktionsausfall eingerechnet."

Zehn Prozent der Arbeitskräfte auszurangieren bedeutet auch, auf ein großes Stück Sozialprodukt zu verzichten.

Mehr Mitbestimmung in die Unternehmen

Sind andere, weniger zerstörerische Formen von Konkurrenz möglich? Dominik Enste meint mit Blick auf die "parallele" Forschung in den Unternehmen:

"Wer sollte entscheiden, welche Forschungsausgaben sinnvoll sind und welche nicht? Das würde zu einer Anmaßung von Wissen beim Staat führen. Was man verbessern kann: dass man öfter Veröffentlichungen macht, wo Versuche gescheitert sind – um zu verhindern, dass zu viele Menschen mit der gleichen Methode versuchen, Erfolg zu erzielen."

Heinz-Josef Bontrup hält eine Vermeidung oder zumindest Abschwächung gesamtwirtschaftlicher Krisen für möglich:

"Hier würde ich auf den großen Ökonomen John Maynard Keynes verweisen, der genau das mit vorausschauender staatlicher Intervention in den Konkurrenzmechanismus betont hat. Wenn die Krise da ist, sodass das Angebot nicht mehr ausgelastet werden kann, dann muss der Staat einspringen und fehlende private Nachfrage durch staatliche Nachfrage ersetzen."

In Frage kämen der Bau oder die Modernisierung von Wohnungen, U-Bahnen oder Kraftwerken oder mehr Ausgaben für Bildung, Gesundheit und Integration.

"Ich würde auf Wirtschaftsdemokratie setzen. Es ist nun mal so: Wer die Macht hat, wann, wo, wie investiert wird, der hat in der Wirtschaft letztlich das Sagen, auch gegenüber der Politik. Da müsste man endlich dazu übergehen, auch die Wirtschaft zu demokratisieren. Man müsste den Menschen in den Unternehmen viel mehr Mitsprache geben."

Konkurrenz ist ein widersprüchliches Geschehen. In der Welt der Unternehmen fördert sie Innovation und Angebotsvielfalt, sie begrenzt wirtschaftliche Macht. Aber Konkurrenz kann auch zu Unternehmenskonzentration führen, zu Kapitalvernichtung und zu gesamtwirtschaftlichen Krisen.

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