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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.11.2010

Konkurrenten der Fernherrschaft

Buch der Woche: John Darwin: "Der imperiale Traum. Die Globalgeschichte großer Reiche 1400-2000", Campus Verlag, Frankfurt a. M. 2010, 544 Seiten

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Die imperiale Entwicklung wird vom 16. Jahrhundert bis zum heute boomenden Asien analysiert. (dpa / picture alliance / Imaginechina Mo weinong)
Die imperiale Entwicklung wird vom 16. Jahrhundert bis zum heute boomenden Asien analysiert. (dpa / picture alliance / Imaginechina Mo weinong)

Spanien, London, Konstantinopel, Moskau, Peking: Anhand dieser Imperien zeigt der Historiker John Darwin die Entwicklung der modernen Politik auf und macht dabei vor allem den großen Einfluss der Handels- und Technikgeschichte deutlich.

Die Geschichte der modernen Politik wird meist als Geschichte von Staaten geschrieben. John Darwin, der in Oxford lehrt, schreibt sie als Geschichte von Imperien. Darunter versteht er räumlich stark ausgedehnte, ja überdehnte Machtgebilde mit einem Zentrum - Spanien, London, Konstantinopel, Moskau oder Peking - und einer Peripherie. Diese kann, wie im Fall des chinesischen Reichs, vor allem aus Grenzen bestehen, die geschützt werden müssen. Oder es handelt sich bei der Peripherie um Kolonien. Das portugiesische Kolonialreich beispielsweise bestand fast nur aus einem Netz von Hafenstädten, das spanische aus fast einem ganzen Kontinent.

Das Problem von Imperien ist also regelmäßig: Wie kann beherrscht und ausgebeutet werden, was weit entfernt ist? Darwins liest die Weltgeschichte seit dem 16. Jahrhundert als eine Geschichte der Konkurrenz solcher Versuche der Fernherrschaft. Die europäische und später die amerikanische Dominanz waren dabei nicht absehbar. Die europäische nicht, weil Europa ein selbst stark in sich zerstrittenes Gebilde mit mehreren Zentren war, dem das osmanische Reich, die indische Mogul-Herrschaft und das chinesische Kaiserreich als sehr kompakte und ebenfalls expansive Mächte Paroli boten.

Was man im Rückblick Europa an Dynamik zuschreibt, ist historisch genauso gut als seine Instabilität zu beschreiben. Die amerikanische Dominanz wiederum stellt den Sonderfall einer Imperienbildung fast ohne Kolonien dar. Darwin nennt die Vereinigten Staaten ein "inoffizielles Imperium". Was in seinem glänzend geschriebenen und differenziert argumentierenden Buch an dieser Stelle allerdings fehlt, ist ein Kapitel über Währungsräume, die seit dem 19. Jahrhundert zu Imperien gehören.

Weltgeschichte als Geschichte von politischen Großräumen, das heißt für Darwin vor allem: sie als Handels- und Technikgeschichte zu schreiben. Soldaten allein reichen nicht, um weit Entferntes zu beherrschen. Die frühen Imperien beruhten mindestens so sehr auf Handelsgesellschaften, Kaufmannsnetzwerken, Missionen, die sie unter militärischem Schutz vorantrieben.

Die große Stärke von Darwins Buch liegt in diesem Interesse am Zusammenwirken von politischen Ambitionen, Seefahrt, Infrastruktur-Erschließung, Technikgeschichte und Kapitalismus. Er zeigt, dass es zuletzt die Kombination aus Dampfkraft, ideologischem Selbstbewusstsein und Experimentiergeist war, der die Europäer, vor allem die Briten, zu imperialer Macht verhalf. Die östlichen Imperien waren demgegenüber konservativ.

Bis 1914 lebte die Welt dann in der Epoche des "kooperativen Imperialismus". Und heute, nach zwei totalitären Versuchen, dem Ende der Kolonien, einer übrig gebliebenen Weltmacht und ihren asiatischen Gläubigern? Darwin gibt zu bedenken, ob nicht durch das ökonomische Aufholen Asiens und Russlands ein Gleichgewicht zwischen politisch dominierten Großräumen hergestellt wird, das so zuletzt vor fünfhundert Jahren bestand. Sein Buch zeigt jedenfalls sehr lehrreich, dass wir schon seit langem in einer einzigen Welt leben.

Besprochen von Jürgen Kaube

John Darwin: Der imperiale Traum. Die Globalgeschichte großer Reiche 1400-2000
Aus dem Englischen von Michael Bayer und Norbert Juraschitz
Campus Verlag, Frankfurt a. M. 2010
544 Seiten, 49,90 Euro

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