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Fazit / Archiv | Beitrag vom 03.03.2018

Kongress in KölnHörspiel-Boom im Radio

Von Johannes Nichelmann

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Ein Mikrofon in einem Studio (imago/ZUMA Press/Andy Abeyta)
Auditives Geschichtenerzählen erlebt momentan einen großen Hype. (imago/ZUMA Press/Andy Abeyta)

Audios und Podcasts boomen. Noch nie hat es im Netz so viele kostenlose Hörspiel-Angebote gegeben wie heute. Von dokumentarischen Formaten bis hin zu Soaps ist fast alles dabei. Beim "Kölner Kongress" wurde darüber diskutiert.

"Your secrets are on BBC. You hide. Your secrets are on Russia Today. Your secrets are on television. You are exposed. Your secrets are on Deutschlandfunk" Andreas Niegel: "Man ist so ein Organismus oder eine Maschine, die das macht."

"You are" heißt die Performance, des 28-Jährigen Andreas Niegel und seiner Mitstudierenden der Kunsthochschule für Medien. Sie sitzen inmitten von Mikrofonen, Kabeln und bunten Lichtern – improvisieren eine Erzählung über die Medien. Welche Rolle Radio darin noch spielt, darum geht es beim Kölner Kongress. Feature-Redakteur Wolfgang Schiller:

"Es ist natürlich eine Konkurrenz um Aufmerksamkeit, weil jeder Mensch hat nur ein gewisses Zeitbudget am Tag, das der dem Hören oder Sehen oder Lesen widmen kann und um dieses Budget konkurrieren wir alle. Wir wollen ja, dass wir gehört werden und gelesen werden."

Früher konnten Hörer per Telefon über Handlungen mitentscheiden

Den ganzen Tag über wurden Performances, Klanginstallationen, Literaturinszenierungen, Vorträge und Symposien präsentiert. Die beiden Radiomacher Max von Malotki und Jana Wuttke eröffneten in ihrem Werkstattbericht "Gebaute Realitäten" Einblicke in eine neue Welt des interaktiven Hörspiels. Die Nutzerinnen und Nutzer als Entscheider über den Fortgang von Geschichten, mit Hilfe von sprachgesteuerten internetbasierten intelligenten persönlichen Assistenten, wie der "Alexa" von Amazon. Jana Wuttke:

"Wir sind dabei die Figuren zu entwickeln, die einzelnen Szenen sozusagen auch zu testen und letztendlich auch wie viel Interaktion und wie viel Bindung an den Nutzer brauche ich überhaupt, um die Geschichte gut zu erzählen?"

Vergleichbar, sagt Max von Malotki, mit improvisierten Hörspielen, bei denen früher Hörerinnen und Hörer per Telefon über die Handlung mitentscheiden durften:

"Sowas für sich alleine zu Hause zu machen, während man seine Ruhe hat und nicht irgendwie für ganz viele Leute im Radio jetzt was zu machen, wo man nervös wird, das ist natürlich eine Chance das mal auszuprobieren."

Ein großer Hype um Podcasts

Auditives Geschichtenerzählen erlebt momentan einen großen Hype. Nicht zuletzt, weil insbesondere aus den USA innovative und spannende dokumentarische Erzählungen via Podcast von sich reden gemacht haben. Fiktionale Hörspiele aber hatten es Übersee bis zuletzt ziemlich schwer. Sie seien altmodisch, kitschig und insgesamt eine schlechte Investition für Radiosender. Jonathan Mitchell aber glaubt an die Kraft von fiktionalen Stoffen für die Ohren. Deswegen hat der den Hörspiel-Podcast "The Truth" ins Leben gerufen:

"Vielleicht war ich so naiv, dass ich glaubte, wenn ich das hören will, wollen es andere vielleicht auch! Es ist nicht so, dass ich es revolutioniere, aber ich folge eindeutigen Trends!"

Mitchell erzählt seine Geschichten naturalistisch, macht seine Aufnahmen auf der Straße, im Park, in Wohnungen. Lässt seine Schauspielerinnen und Schauspieler improvisieren. Die Hörspiele klingen nicht selten wie die Audiospuren von Filmen. Das ist der Sound, den er will. "The Truth" ist Teil eines Podcast-Konsortiums, finanziert sich über Werbung. Künstlerische, avantgardistische Produktionen allerdings hätten kaum Chancen auf dem Markt. Jonathan Mitchell:

"Ich glaube das ist etwas, was nur durch ein institutionelle Unterstützung möglich ist. In einer kommerziellen Welt ist das außerordentlich schwierig." 

"Fiktionale Hörspiele haben eine unglaubliche Kraft"

Beim Kölner Kongress ebenfalls zu Gast: Der BBC-Produzent Sean O’Connor. Der 50-Jährige hat nicht nur die Fernsehserie "East Enders" mitverantwortet, die mit der deutschen "Lindenstraße" zu vergleichen ist, sondern auch die BBC Radio 4 Seifenoper "The Archers". Die Serie erzählt seit 1950 täglich Geschichten vom Landleben im fiktiven Ort Ambridge in den West Midlands. Über fünf Millionen Menschen hören täglich zu. Im letzten Jahr sorgte die Soap mit einer Erzählung über häusliche Gewalt national und international für Schlagzeilen. Sean O’Connor:

"Das hatte dieselbe Grundlage wie die MeToo-Debatte. Darüber, wie wir Frauen behandeln und wie wir das verändern könnten."

Die Hilfs-Hotlines der BBC verzeichneten daraufhin deutlich mehr Anrufe. Erzählen in fiktiven und dokumentarischen Geschichten ist immer dann besonders relevant, wenn es den Agenda Settern aus Politik, Wirtschaft und Co. zuvor kommt. BBC-Produzent Sean O’Connor:

"Fiktionale Hörspiele haben die Kraft bestimmte Areale in der Psyche der Menschen zu erreichen, die Dokumentationen nicht erreichen. Es zeigt uns, wie lebensfähig Hörspiele sind, wie lebensfähig populäre Hörspiele sind."

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