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Interview / Archiv | Beitrag vom 21.08.2017

Konfliktforscher über Terroranschläge"Auf Nachahmung angelegt"

Ulrich Schneckener im Gespräch mit Ute Welty

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Polizisten patrouillieren entlang des Boulevards Las Ramblas in Barcelona. Auf der Straße stehen Kerzen, die an die Opfer des Terroranschlags erinnern. (AFP / Pascal Guyot)
Nach dem Anschlag: Polizisten patrouillieren entlang des Boulevards Las Ramblas in Barcelona. (AFP / Pascal Guyot)

Die jüngsten Terroranschläge in Europa folgen einem festen Muster: Als Waffe dient stets ein Fahrzeug. Der Konfliktforscher Ulrich Schneckener ist überzeugt: Es handelt sich bei den Tätern nicht um "einsame Wölfe" - sie gehören dschihadistischen Netzwerken an.

Ute Welty: Nach den Anschlägen von Barcelona und Cambrils mit mindestens 14 Toten hat die Polizei erneut eine Wohnung in Ripoll durchsucht, im Norden von Katalonien. In den frühen Morgenstunden hätten katalonische Beamte unter anderem zwei Taschen und einen Karton mit Material sichergestellt. Das jedenfalls berichten spanische Medien am Montag. Augenzeugen sprechen demnach von einem beachtlichen Polizeieinsatz mit Beamten in Uniform und in Zivil. Die spanischen Behörden fahnden derzeit nach einem Marokkaner, 22 Jahre alt, der aus Ripoll stammt. Bisher konnte aber nicht bestätigt werden, dass er es war, der das Tatfahrzeug gesteuert hatte, das am Donnerstag in Barcelona in die Passanten gerast war. Ulrich Schneckener ist Professor für internationale Beziehungen und Friedens- und Konfliktforschung in Osnabrück an der Universität, und er analysiert zurzeit die jüngste Anschlagsserie. Guten Morgen!

Ulrich Schneckener: Guten Morgen, Frau Welty!

Welty: Ob Nizza, Berlin oder eben jetzt Barcelona – offenbar kann es ja immer und überall passieren, dass Terroristen ein Auto oder einen Lkw als Waffe missbrauchen. Inwieweit erreichen die Terroristen damit schon eines ihrer Ziele, nämlich dieses ungute Gefühl, dass es jeden jederzeit treffen kann?

Wie psychisch robust ist eine Gesellschaft?

Schneckener: In der Tat, dieses ungute Gefühl, das schleicht sich natürlich so allmählich in den Alltag ein der europäischen Gesellschaften, und das ist sicherlich auch eines der primären Ziele solcher Anschläge. Auf der anderen Seite hängt es auch ein Stück weit von uns selber ab, ob wir sozusagen dieses ungute Gefühl zulassen.

Das haben ja die Terroristen eigentlich nicht in der Hand, sondern es hängt sehr davon ab, wie man auf den Terrorismus reagiert, wie die Gesellschaften reagieren, wie psychisch robust sich Gesellschaften erweisen, wie wir über diese Anschläge reden, wie über die Anschläge berichtet wird. All das diktieren uns ja nicht die Terroristen, sondern das entscheiden wir ja selber.

Welty: Hat man das denn tatsächlich in der Hand? Also ich muss schon zugeben, wenn ich morgens manchmal auf die Straße gehe, und ich bin ja recht früh unterwegs, dann reagiere ich schon anders auf Geräusche oder wenn sich dort jemand aufhält, den ich nicht sofort erkennen kann.

Schneckener: Ich kann das nachvollziehen. Ich bewege mich auch in Städten, in denen es Anschläge gegeben hat, und wenn man mit Leuten spricht, mit der Bevölkerung spricht, man fängt an, auf Dinge zu reagieren. Insofern kann ich das nachvollziehen. Auf der anderen Seite muss man sich, glaube ich, immer wieder die Dimensionen klar machen, und man muss versuchen zu verstehen, was hinter diesen Entwicklungen steckt, und man muss vor allen Dingen auch sehen, dass Europa in gewisser Weise direkt und indirekt schicksalshaft, aber auch durch direkte militärische Beteiligung mit den Krisenregionen im Nahen Osten, insbesondere Syrien, Irak verbunden ist, und diese Verkopplung dieser Arenen ist etwas, was die Terroristen versuchen durch diese Anschläge auch herzustellen und zu markieren.

Also wir können nicht sagen, da hinten sind Kriege, die finden da irgendwo statt, und die kommen aber in Form einmal von natürlich Flüchtlingen, aber auch von Gewalt ein Stück weit zu uns zurück. Diese Verkopplung, aus der kommen wir so ohne Weiteres auch nicht raus.

Eine Ausweichstrategie des IS

Welty: Das heißt, die Gefahr ist dadurch auch gewachsen, dass der selbsternannte Islamische Staat zum Beispiel im Irak und in Syrien empfindliche militärische Niederlagen hat hinnehmen müssen?

Schneckener: Also auch dadurch. Ich würde diese Anschlagsserie, die wir jetzt seit mittlerweile drei Jahren, gut drei Jahren, in Westeuropa erleben, vor allen Dingen in Frankreich, Belgien, Großbritannien und Deutschland, die würde ich eher als eine Ausweichstrategie des IS bezeichnen. In dem Moment, wo der IS vor Ort in seinen Kernregionen militärisch unter Druck geraten ist, in dem Moment, wo auch eine internationale Koalition gegen den IS mobilisiert wurde, in dem Moment wurde verstärkt zu Anschlägen in europäischen – und auch in Nordamerika – Gesellschaften aufgerufen.

Da gibt es sozusagen einen Strategiewechsel. Den kann man eigentlich schon im September 2014 erkennen, als erstmals zu solchen Anschlägen, insbesondere zu so Low-Tech-Anschlägen, also Anschläge mit Alltagsgegenständen, aufgerufen wurde, und das wurde noch mal verstärkt im Mai 2016 von dem damaligen Sprecher des IS, der nochmals in einer sehr ausführlichen Erklärung auch erläutert, was man alles tun kann und wie man sozusagen seine Nachbarn in Angst und Schrecken versetzen kann.

Das ist einerseits perfide, weil man in der Tat denkt, es kann alles Mögliche passieren und jederzeit und überall, andererseits muss man sich auch klar machen, dass eigentlich das auch ein … dass der IS hier eigentlich auch ein Stück weit Steuerungsfähigkeit aufgegeben hat und Organisationsfähigkeit aufgegeben hat, denn wenn man sich die Anschläge anschaut – also wir hatten jetzt in den letzten drei Jahren über 30 Anschläge –, die meisten davon waren durch Einzeltäter – also das Barcelona-Schema passt da jetzt so gar nicht rein, Barcelona ist jetzt eher die Ausnahme, ist eher vergleichbar mit den Anschlägen von Paris und Brüssel –, in den meisten Fällen Einzeltäter.

Das heißt, der IS macht sich abhängig letztlich von den Fähigkeiten und den Möglichkeiten dieser Einzeltäter, die nicht bis ins Letzte steuern kann. Selbst wenn es da Kontakte gibt, selbst wenn es über soziale Netzwerke Kontakte gibt, selbst wenn es Versuche gibt, Leute anzuwerben, zu instruieren, letztendlich entscheidet der Einzeltäter, was er tut, wie er das tut und wo er was tut.

Verlust der Steuerungsfähigkeit

Welty: Sie haben eben gesagt …

Schneckener: Damit gibt natürlich der IS auch ein Stück weit Steuerungsfähigkeit auf. Also der Aufruf – wenn ich den Satz noch sagen kann – letztlich war ja so nach dem Motto: macht was, egal was, und das ist ja eigentlich für eine Organisation eher ein Verlust an Kontrolle, an Steuerung und so weiter.

Welty: Sie haben eben gesagt, wir haben es auch selber in den Hand, über die Wirkmächtigkeit solcher Anschläge zu entscheiden, in der Art und Weise, wie wir darüber reden, in der Art und Weise, wie wir darüber berichten. Inwieweit trägt Berichterstattung aber auch dazu bei, dass es womöglich Nachahmer gibt, dass noch mehr Menschen auf die Idee kommen, sich eines Lkw zu bemächtigen und dann einfach draufzuhalten?

IS knüpft an Al Kaida-Narrativ an

Schneckener: Also dieser Nachahmungseffekt ist, denke ich, dezidiert angelegt in dieser Strategie. Man hofft auf so einen Schneeballeffekt, dass sich durch Einzeltäter, die auch dann sehr stark in den Netzwerken, in dschihadistischen Kreisen gefeiert werden können, die sehr stark personalisiert ist, da gibt es dann in den entsprechenden Foren und bei den Magazinen auch ausführliche Reportagen, sofern man über diese Leute Näheres weiß. Die können dann dort als Helden auch markiert werden und sollen wiederum zur Mobilisierung dienen. Insofern spielen Medien eine starke Rolle. Nur dadurch, dass der IS oder dass überhaupt dschihadistische Netzwerke heute sehr stark über eigene Medien, über eigene Kanäle verfügen, denke ich, spielt es nicht so eine riesengroße Rolle, wie andere Medien da drüber berichten, sondern viel wichtiger ist eigentlich das Narrativ, das sich gebildet hat – und das hat sich schon seit Längerem gebildet.

Der IS knüpft letztlich an ein Narrativ an, das im Prinzip bei al-Qaida schon angelegt war und das in der dschihadistischen Szene in den letzten zehn, zwölf Jahren Verbreitung gefunden hat, nämlich sowas wie einen individualisierten Dschihad zu veranstalten, gerade in Europa, dass die Aufrufe in Europa, Anschläge zu begehen, um europäische Gesellschaften in Spannung zu versetzen, unter Druck zu setzen, zu polarisieren gegen Einwanderer und gegen muslimische Gruppierungen aufzubringen, also die Mehrheitsgesellschaft, wenn man so will, gegen muslimische Minderheiten aufzubringen, überhaupt so eine Frontstellung zu kreieren.

Welty: Und welches Narrativ kann die Mehrheitsgesellschaft diesem Narrativ wiederum entgegensetzen?

Schneckener: Ich denke, es bleibt gar nichts anderes übrig als immer wieder zu betonen, dass wir uns hier eben nicht in eine solche Polarisierung hineintreiben lassen, bis hin zu Überlegungen, die es in diesen Schriften gibt, die, wie gesagt, schon älter sind, an die der IS letztlich anknüpft, nämlich Europa oder europäische Gesellschaften in sowas wie einen Bürgerkrieg selbst zu verwickeln. All diesen Entwicklungen, denen muss von vornherein entgegentreten, und dazu gehört auch, dass es natürlich auch auf der Seite der Mehrheitsgesellschaft Gruppierungen gibt, die mit an dieser Radikalisierung schrauben.

Ob das jetzt Rechtspopulisten, Rechtsradikale, Rechtsextremisten sind, die natürlich mit antiislamischen und antimuslimischen oder überhaupt gegen alles Fremde sich wenden und die sozusagen hier wie kommunizierende Röhren letztendlich sich gegenseitig aufschaukeln und sich auch zum Teil gegenseitig nutzen, wie man das also auch …, wenn man Diskurse in Frankreich beispielsweise verfolgt, wo das noch viel stärker und dramatischer der Fall ist als in Deutschland, aber solche Anzeichen haben wir ja auch in den letzten Jahren in Deutschland erlebt.

Welty: Ulrich Schneckener untersucht an der Uni Osnabrück die Anschläge der vergangenen drei Jahre, und der in Barcelona hat diese traurige Reihe jetzt fortgesetzt. Jedenfalls, Herr Schneckener, ich danke Ihnen sehr herzlich für das Gespräch!

Schneckener: Vielen Dank! Tschüss!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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