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Religionen | Beitrag vom 31.05.2020

KonfirmandenarbeitGott als Navigator

Von Lotte Glatt

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Ein lächelndes Mädchen mit braunen Haaren. (privat)
Die 14-jährige Helene Glatt besucht den Konfirmanden-Unterricht in Berlin-Frohnau. (privat)

Die 14-jährige Helene Glatt nimmt seit letztem Sommer am Konfirmandenunterricht teil. In ihrer Gemeinde in Berlin-Frohnau kommen dabei Handy, Rap und Instagram zum Einsatz. Wegen der Coronapandemie wird das Projekt jetzt sogar verlängert.

Warum will sich meine Cousine Helene eigentlich konfirmieren lassen? Sie sagt: "Ich finde es halt auch schön, dass ich dann später zum Beispiel Patentante werden könnte. Dass man offiziell ein Mitglied der Kirche ist. Und es macht einen schon irgendwie in gewissen Hinsicht stolz oder auch glücklich."

Seit Ende August 2019 besucht die 14-jährige Helene den Konfirmandenunterricht der evangelischen Kirchengemeinde in Berlin-Frohnau. Die Konfirmation soll im Juni 2020 stattfinden – so der ursprüngliche Plan.

Glaube gehörte schon in der Kindheit dazu

Helene und ich treffen uns einige Wochen nach ihrem ersten Unterricht, um über ihre Erwartungen an das Jahr bis zu ihrer Konfirmation zu sprechen - und über ihre Einstellung zum Glauben. Helene erzählt:

"Also am meisten mit auf den Weg gegeben meines Glaubens haben mir meine Großeltern mütterlich- sowohl als auch väterlicherseits, da die beide gläubig sind. Väterlicherseits, die sind zwar katholisch und mütterlicherseits sind evangelisch, aber die haben halt mir schon, als ich klein war, immer von Gott erzählt. Und ich glaube, dass ich deswegen halt auch an Gott glaube. Weil das schon von Kind auf dazu gehört hat und eigentlich auch klar war."

Gottesdienst-Tracking per Smartphone-App

Während die Vorbereitungszeit auf die Konfirmation in einigen Gemeinden bis zu zwei Jahre dauert, sind es in Frohnau neun Monate. Und die haben es in sich. Jeden Donnerstag geht Helene in den Konfirmandenunterricht. Zwei gemeinsame Fahrten stehen auf dem Programm. Und natürlich sollen Helene und die anderen Konfirmanden regelmäßig zum Gottesdienst gehen. Um das zu protokollieren, verwenden sie eine spezielle App auf dem Handy, erklärt Pfarrer Ulrich Schöntube, der den Konfirmandenunterricht leitet:

"Die Konfirmanden sind ja aufgerufen, unter anderem 15 Gottesdienste im Jahr zu besuchen, um auch zu wissen, wie ein Gottesdienst in einer Kerngemeinde abläuft. Und um darüber sich selbst Rechenschaft zu geben, scannen sie quasi über einen QR Code ein, welche Gottesdienste sie besucht haben, und sehen dann auch untereinander: Ah, der Simon hat schon neun Gottesdienste besucht, ich nur sechs, dann werde ich mal Sonntag gehen. Also sie haben untereinander ein gewisses Ranking."

Ein Mann mittleren Alters im Sessel vor einem Bücherregal. (privat)Ulrich Schöntube ist Pfarrer in Berlin-Frohnau. (privat)

Das Handy kommt auch im Unterricht selbst immer wieder zum Einsatz. In einer Stunde setzen sich Helene und die anderen mit dem Thema "Gebet" auseinander. Dabei sollen sie Bilder auf der Foto-Plattform Instagram hochladen, die zeigen, wofür die Jugendlichen im Alltag dankbar sind. Bilder vom Urlaub am Meer oder einem gemütlichen Zuhause kommen da zusammen, manche schreiben, sie seien dankbar für ihre Haustiere, für die coolste Trainerin oder die besten Freunde.

Helene postet ein Bild von der ersten Konfirmandenfreizeit in den Herbstferien:

"Man sieht eine sehr nette Gemeinschaft, man sieht uns Konfis. Und ich habe halt den Hashtag geschrieben #DankbarinFrohnau und dann habe ich geschrieben: Ich bin dankbar, dass ich euch alle kennengelernt habe."

Gruppengefühl durch Konfirmanden-Freizeit

Auf der Konfirmandenfreizeit sei ihre Gruppe eng zusammengewachsen, sagt Helene: "Also am Anfang der erste Tag, da war schon alles noch recht langweilig. Man wusste nicht, wohin mit sich. So verging die Zeit auch überhaupt nicht. Aber dann schon am nächsten Tag hat man sich dann halt mit allen angefreundet, die dabei waren. Und dann hat das Ganze auch viel mehr Spaß gemacht."

Die Freizeit sei das Herzstück der Konfirmandenzeit, meint auch Pfarrer Ulrich Schöntube:

"Die Fahrt im Herbst ist einfach das große Highlight. Mich hat das auch berührt, dass mal Konfirmanden geschrieben hatten: ‚Also die Konfirmandenfahrt, das war die beste Zeit in meinem Leben.’ Das habe ich am Elternabend gesagt und habe die Eltern gefragt: Was macht ihr denn nur zu Hause mit euren Kindern?"

Eigene Worte statt auswendig lernen

Auch am Unterricht sollen die Jugendlichen Spaß haben, so Ulrich Schöntube. Deswegen hält er wenig davon, Bibelpassagen oder Psalmen einfach auswendig zu lernen, wie es früher oft der Fall war. Pfarrer Schöntube möchte den Jugendlichen in erster Linie dabei helfen, ihren Glauben mit eigenen Worten auszudrücken.  Als Beispiel nennt er den Psalm 23:

"Der Herr ist mein Hirte. Nun ist der Hirte vielleicht nicht unbedingt ein Bild von Gott, was Konfirmandinnen und Konfirmanden heute verwenden würden. Was heißt das eigentlich? Wie würdest du es denn heute ausdrücken? Da schrieb ein Konfirmand: Der Herr ist mein Navigator. Dann ist das sozusagen ein in ihrer Vorstellungswelt gemäßer Vergleich."

Im Unterricht selbst hält sich Pfarrer Schöntube eher im Hintergrund. Die einzelnen Unterrichtseinheiten leiten rund ein Dutzend Teamerinnen und Teamer – ältere Jugendliche, die selbst vor ein paar Jahren noch Konfirmanden waren und danach eine kleine Ausbildung durchlaufen haben. Sie alle waren von ihrer Zeit als Konfirmanden so begeistert, dass sie als Teamer weitermachen wollten:

"Weil ich da selber die Teamer gesehen habe jede Woche. Die mir etwas beibringen wollten und auch beigebracht haben letztendlich. Und ich wollte das auch weiterführen."

"Die waren für mich auch immer irgendwie so ein Vorbild. Und ich weiß nicht, ich hatte auch manchmal einfach keine Lust zum Gottesdienst zu gehen und die haben das aber immer gemacht. Und da einerseits ein Vorbild und aber auch so persönlich, weil die halt teilweise 2,3 Jahre älter waren."

"Ich habe auf jeden Fall gemerkt, wie man mit Menschen auch richtig umgehen kann und auch wie die Kirchengemeinschaft funktioniert. Und auch, dass es halt nicht nur auf die Arbeit von den Pfarrern allein ankommt, sondern dass die Teamer auch die unterstützende Kraft dabei sind."

Bibel-Rap und Gruppen-Standbild

Die heutige Stunde dreht sich um das Abendmahl und die Einsetzungsworte: "Nehmet hin und esset - dies ist mein Leib, der für euch gegeben wird"

Nachdem alle zusammen die Bibelverse, in dem das Abendmahl beschrieben wird, rappen und dazu singen, werden die Konfirmanden in zwei Gruppen aufgeteilt. Sie sollen "Das letzte Abendmahl" von Leonardo Da Vinci nachstellen. Nur zwei freiwillige "Bildhauer" dürfen sich das Bild kurz ansehen und die Mitspieler dann auffordern, bestimmte Posen einzunehmen, um Jesus und seine Jünger im Standbild nachzustellen. Die anderen Konfirmanden wissen dabei noch nicht, welches Bild entsteht.

Helene ist eine von den zwei Bildhauern. Sie soll das Bild fertigstellen und gibt Anweisungen: "Alle ein bisschen nach da gucken. Und dann so ein bisschen so schimpfen oder so ein bisschen so machen. Und einer von euch guckt zu ihr und der andere guckt sie an."

Danach sollen die Konfirmanden herausfinden, in welche Rollen sie gerade geschlüpft sind. Eine Teamerin spricht Nike an, die in der Mitte steht:  "Wie fühlst du dich? Und wer bist du, denkst du?"

Nike: "Ehm, der Mittelpunkt."

Teamerin: "Okay, und wie fühlst du dich so? Wenn du jetzt siehst, es ist ein Tisch vor dir? Also eher eine Tafel und alle sind irgendwie auf dich gerichtet?"

Nike: "Wie ein sehr wichtiger Mensch."

Teamerin: "Okay."

Ulrich Schöntube: "Nike, wer bist du?"

Nike: "Jesus!"

Teamerin: "Ja! Also du bist so der Mittelpunkt. Ihr wart..."

Tobi: "Ich glaube einer von den beiden war Judas, glaube ich."

Teamerin: "Nee, Judas ist am Rand, das war einer von euch beiden. Und weshalb wir das alles gemacht haben, der Sinn dahinter war: Auch wenn Jesus so in der Mitte ist und nicht alle erreicht von ihm aus, seid ihr trotzdem alle an einem Tisch mit ihm. Und seid trotzdem in Jesus‘ Gesellschaft."

Das Wichtigste sind die Freunde

Aktionen wie diese sind es, die Jakob beim Konfirmandenunterricht gefallen:

"Dass wir jetzt so selbst was machen können und wir nicht nur dasitzen und irgendwie zuhören. Das finde ich gut."

Nike klingt etwas skeptischer:

"Manchmal ist es bisschen langweilig, und manche Lieder, die wir singen, sind jetzt nicht so für meinen Geschmack irgendwie.  Aber trotzdem finde ich es cool, dass wir generell was singen."

Für Helene ist noch etwas wichtig beim Konfirmandenunterricht:

"Ich gehe sehr gerne, weil ich einfach meine ganzen Freunde wiedersehe also ja, die ganzen Freundschaften, die da entstanden sind, dass man da seine Freunde sieht. Und das halt dann wöchentlich, das ist schön. Und generell, weil wir einfach eine gute Gemeinschaft sind."

Wegen Corona: Konfirmation um ein Jahr verschoben

Seit Mitte März kann sie ihre Freunde allerdings nicht mehr im Konfirmandenunterricht sehen. Wegen der Ausbreitung des Corona-Virus ist nicht nur die Schule für die Neuntklässlerin mehrere Wochen lang geschlossen, auch Helenes Konfirmandenunterricht fällt erstmal aus. Ende April wird dann die Konfirmation, die ja im Juni hätte stattfinden sollen, auf Anfang März 2021 verschoben.

"Klar ist es schade", sagt Helene. "Und ich verstehe auch, dass sie es auf nächstes Jahr verschoben haben, weil, wenn die es jetzt irgendwie auf den Herbst verschieben würden, und dann müssen sie es noch mal absagen, wäre es halt noch mal ziemlich doof, wegen der ganzen Planung. Ja, man muss es jetzt halt hinnehmen."

Lieber nicht per Videoschalte

Eine Gemeinde in Braunschweig bietet zur Zeit an, per Videoschalte zu konfirmieren. Der Pfarrer selbst sendet dabei den Segen zur Konfirmation aus der Kirche direkt ins Wohnzimmer der Konfirmanden. Für Helene wäre das nichts:

"Also ich glaube, dann bringe ich lieber die Geduld auf und warte. Wenn man ja dann in der Kirche ist, dann ist auch die Stimmung ganz anders, denn man hat seine Familie, die Familie von den Freunden, man sieht die Freunde sind alle beieinander. Und wenn man dann halt im Wohnzimmer zum Beispiel sitzt und dann über Skype konfirmiert wird, würde ich das komisch finden, weil man hat diese Atmosphäre halt nicht."

Auch ein Online-Unterricht als Ersatz für die Konfirmandenstunden vor Ort kommt für Pfarrer Schöntube nicht in Frage. Dafür sei die Gruppe von rund 30 Konfirmanden zu groß, sagt er. Sollte es in den kommenden Monaten weitere Lockerungen geben, will Ulrich Schöntube den Unterricht nach den Sommerferien fortführen und wenn möglich bis zur Konfirmation weiterlaufen lassen:

"Die normalen Inhalte des Konfirmandenunterrichts werden wir im November abgeschlossen haben. Und dann werden wir in einen neuen weiteren Themenkreis einsteigen. Und das ist ein schönes Zusatzangebot, so hoffen wir. Das Thema Liebe wird eine große Rolle spielen. Die Frage: Wer bin ich? Also da ist noch ein bisschen kreativer Spielraum. Aber wir haben schon eine ganze Reihe an Ideen."

Helene jedenfalls wird weiter dabei sein. Und hat sogar Lust, nach ihrer Konfirmation selbst Teamerin zu werden.

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