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Interview / Archiv | Beitrag vom 07.04.2016

Konferenz zur SkandalogieDie Kultur der öffentlichen Empörung

André Haller im Gespräch mit Dieter Kassel

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Sechs Zeitungsständer stehen in München am Gehwegrand. (picture alliance / dpa /  Peter Kneffel)
Die Empörungswelle ist erklärbar - zumindest versucht eine Konferenz den Ursachen nachzugehen. (picture alliance / dpa / Peter Kneffel)

In den Enthüllungen der Panama Papers sieht der Kommunikationswissenschaftler André Haller einen "globalisierten Skandal". Die öffentliche Erregung verlaufe in den jeweiligen Nationen unterschiedlich und spiegele so auch den Stand der "Skandalkultur".

Die Enthüllungen der Panama Papers über Briefkastenfirmen, Steuerhinterziehung und Geldwäsche sind für viele Menschen an sich schon ein Skandal. Doch wie wird aus einem bemerkenswerten negativen Ereignis überhaupt ein Skandal? Und entsteht er möglicherweise erst durch den Umgang mit den Panama Papers in der Öffentlichkeit?

Nicht jedes Verbrechen sei automatisch ein Skandal, sagte der Kommunikationswissenschaftler André Haller im Deutschlandradio Kultur. Dafür seien drei Schritte notwendig:

"In einem ersten Schritt gibt es eine Grenzüberschreitung, in diesem Fall höchstwahrscheinlich auch rechtlicher Normen. Der zweite Schritt besteht darin, dass das Ganze veröffentlicht wird. Der letzte Schritt ist eigentlich der entscheidende: Es braucht eine gewisse Empörung zumindest in Teilen der Öffentlichkeit, so dass das Ereignis als Skandal wahrgenommen wird."

Die öffentliche Erregung verlaufe in den jeweiligen Nationen unterschiedlich, meinte Haller – je nach dem Stand der "Skandalkultur":

"Ob ein Thema zum Skandal wird oder nicht, ist vor allem auch davon abhängig, wie eine Nation historisch gewachsen ist, welche kulturellen Eigenschaften es gibt und wie hoch religiöse Werte innerhalb der Gesellschaft stehen."

Die Erzählmuster eines "globalisierten Skandals"

Bei den Enthüllungen aus den Panama Papers handele es sich um einen angehenden "globalisierten Skandal":

"Das bedeutet: Wir haben in verschiedenen Ländern der Welt jetzt die Ermittlungen, die Recherchen. Und wir sehen jetzt auch unterschiedlich Erzählmuster in den einzelnen Nationen."

Heute und morgen findet in Bamberg die erste internationalen Konferenz zur Skandalogie statt. Sie wurde von André Haller organisiert, wissenschaftlicher Mitarbeiter am dortigen Institut für Kommunikationswissenschaft.


Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Was macht ein bemerkenswertes negatives Ereignis eigentlich zu einem Skandal? Damit beschäftigen sich inzwischen Wissenschaftler aus ganz unterschiedlichen Disziplinen, und viele von ihnen treffen sich heute und morgen in Bamberg zur ersten internationalen Konferenz zur Skandalogie. Organisiert hat sie André Haller, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Bamberg. Schönen guten Morgen, Herr Haller!

André Haller: Guten Morgen, Herr Kassel!

Kassel: Die Tatsache, dass unzählige Politiker, Geschäftsleute, aber auch Kriminelle ihr Tun mit Hilfe von Briefkastenfirmen verschleiern, ist sicherlich bemerkenswert. Aber ist das an sich schon ein Skandal, oder entsteht dieser Skandal erst durch den Umgang mit den Panama-Papers in der Öffentlichkeit?

Haller: Ein Verbrechen ist nicht immer automatisch ein Skandal. Ein Skandal braucht immer drei Schritte: In einem ersten Schritt gibt es eine Grenzüberschreitung, in diesem Fall höchstwahrscheinlich auch rechtlicher Normen. Der zweite Schritt besteht darin, dass das Ganze veröffentlicht wird, was jetzt nach und nach passiert. Und der letzte, dritte Schritt ist eigentlich der entscheidende. Es braucht eine gewisse Empörung zumindest in Teilen der Öffentlichkeit, sodass das Ereignis als Skandal wahrgenommen wird.

Kassel: Findet denn diese Empörung statt oder nicht und man muss es einfach abwarten, oder kann man die steuern?

Haller: Steuern – menschliche Gefühle steuern, das ist natürlich schwierig. Was derzeit passiert, ist eine Kontextualisierung der ganzen Ereignisse. Es werden jetzt immer wieder neue Protagonisten eingeführt, es werden Verbindungen hergestellt in der Berichterstattung zwischen einzelnen Personen auch, Verwandten, die wohl beteiligt sind. Es werden Narrative wieder aufgegriffen zum FIFA-Skandal ja auch. Das sehen wir ja jetzt, das Personal aus der UEFA jetzt mit dem neuen FIFA-Chef verknüpft wird.

Inwiefern sich die Erregung, die öffentliche Erregung sich hier entwickelt, werden wir aber noch sehen. Es ist unterschiedlich auch je nach Nation. Man sieht das sehr schön, dass dieser Skandal, dieser angehende Skandal eben ein globalisierter Skandal ist. Das bedeutet, wir haben in verschiedenen Ländern der Welt jetzt die Ermittlungen, die Recherchen, und sehen jetzt auch unterschiedliche Erzählmuster in den einzelnen Nationen.

Stellenwert kultureller und religiöser Werte

Kassel: Liegt das jetzt zum Beispiel in dem Fall daran, dass es da unterschiedliche Einstellungen zur Wirtschaft und zu Geld gibt, oder gibt es sozusagen Skandalmentalitäten?

Haller: Man spricht eher von Skandalkulturen. Ob ein Thema zum Skandal wird oder nicht, ist vor allem auch davon abhängig, wie eine Nation historisch gewachsen ist, welche kulturellen Eigenschaften es gibt, welche religiöse Werte, wie hoch religiöse Werte innerhalb der Gesellschaft stehen. So haben wir zum Beispiel im US-amerikanischen Raum eine größere Skandalisierbarkeit von Sexualnormen als im europäischen Umfeld.

Kassel: Hängt denn diese Skandalkultur, konkret die Frage, wie anfällig eine Gesellschaft für Skandalisierung ist, nur davon ab, worum es geht? Das wäre ja, Beispiel USA, Sex besonders schlimm, andere Dinge vielleicht weniger. Oder gibt es auch Länder, die generell Skandale – ich formuliere es mal so – besonders schätzen, und andere, die relativ immun sind?

Haller: Man kann zumindest gesichert sagen, dass in Ländern, in denen der Boulevard-Journalismus eine größere Ausprägung hat, Skandale natürlich berichterstattenswerter sind. Und wenn eben keine echten Skandale da sind, dann werden auch welche inszeniert durch Boulevardmedien, denn Skandale steigern natürlich die Auflage, die Klickzahlen, die Quote.

Regulierende Funktion der Leitmedien

Kassel: Hat sich das auch durch das Internet verändert?

Haller: Durchaus, wobei man hier ganz klar sagen muss: Diese digitale Infrastruktur, die jeden User dazu bringt, auch selber zu skandalisieren, also jemanden anzuprangern, bedeutet nicht automatisch, dass ein Thema auch zum Skandal wird. Was es hier braucht, sind schon noch publizistische Medien, Leitmedien, also so ein Medium wie das Deutschlandradio zum Beispiel, was gleichzeitig im digitalen Umfeld ja auch Themen aufgreift, weiter verbreitet. Das bedeutet, ein einzelner Mensch, der im Internet jetzt unterwegs ist, hat eine eher geringe Chance, einen großen Skandal loszubrechen.

Kassel: Das heißt auch, also so verstehe ich Sie jetzt gerade, Herr Haller, dass sogenannte Leitmedien – Sie haben uns genannt, es gibt natürlich noch ganz andere –, dass die auch die Chance haben, einen vermeintlichen Skandal, der so als Internet-Twitterei beginnt, wieder zu stoppen?

Haller: Zu stoppen – so weit würde ich mich nicht aus dem Fenster lehnen, aber den klassischen traditionellen Medien kommt natürlich die Aufgabe zu, und das wird ja auch erfüllt größtenteils, Themen objektiv zu berichten, umfassend zu berichten und auch quellenkritisch an Sachen ranzugehen. Das bedeutet, Medien wird in der Zukunft immer mehr die Aufgabe auch zukommen, korrigierend einzugreifen in solchen Internetdiskussionen bis hin zum Shitstorm.

Skandalkultur in Deutschland

Kassel: Kommen wir noch mal kurz auf die Skandalkultur zurück. Wie steht denn da Deutschland da? Sie haben erwähnt die Rolle der Boulevardmedien, spielt eine Rolle, dann würde ich sagen, in Südeuropa, in Großbritannien ist das ausgeprägter als bei uns. Haben wir so eine mittelstark ausgeprägte Skandalkultur?

Haller: Das könnte man so sagen. Interessanter ist eher der historische Rückblick in Deutschland. Wenn man sich ansieht, was in den 50er-Jahren vor allem, 60er-Jahren auch skandalisiert wurde, nackte Haut in Filmen und so weiter, spielt heute alles keine größere Rolle mehr in Deutschland.

Es ist immer schön zu sehen, welche Skandale aktuell sind und welche vergangen sind, denn so sieht man schön, wie sich auch Werte verändern und auch Gesetzesnormen. In Deutschland würde ich schon sagen, ja, man könnte von einer Mittelstellung sprechen, denn wir haben natürlich auch Boulevardjournalismus, gleichzeitig viele Qualitätsmedien, im Bereich "FAZ", "SZ", und man sieht ja schon, dass da eigentlich ordentlich gearbeitet wird bei Skandalaufdeckung und -bearbeitung.

Kassel: Wenn Sie gesagt haben, Sex ist relativ vorbei in Deutschland – wo sind die Deutschen am empfindlichsten, was Skandale angeht im Moment?

Haller: Alles, was in der deutschen Geschichte begründet liegt, also kollektive Identität, das bedeutet Bezüge zum NS-Reich, auch zur DDR, also Fehlbezüge dahin. Gleichzeitig natürlich hat Deutschland eine sehr ausgeprägte Skandalkultur oder Skandalisierungswilligkeit, was Korruption angeht, Wirtschaftskriminalität, also all das, was auch in Gesetzen stark geregelt ist.

Kassel: André Haller, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikationswissenschaft und Organisator der ersten internationalen Konferenz zur Skandalogie an der Universität Bamberg. Herr Haller, ich danke Ihnen sehr für das Gespräch und wünsche Ihnen bei dieser Konferenz viel Erfolg und viele neue Erkenntnisse.

Haller: Vielen Dank, Herr Kassel!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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