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Vollbild | Beitrag vom 08.10.2016

Komödie "Welcome to Norway" "In einer Krisensituation muss man auch lachen können"

Rune Denstad Langlo im Gespräch mit Susanne Burg

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Filmstill mit Primus (Anders Baasmo Christiansen) und seiner Frau Hanni (Henriette Steenstrup) aus "Welcome to Norway" (Foto: Neue Visionen Filmverleih)
Szene aus dem Film "Welcome to Norway". Primus (Anders Baasmo Christiansen) ist ein Mann mit Visionen, an die seine Frau Hanni (Henriette Steenstrup) nicht mehr so recht glauben mag. (Foto: Neue Visionen Filmverleih)

Hotelbesitzer Primus kann Menschen nicht leiden, ist aber auch ganz Geschäftsmann. Da kommen die Flüchtlinge gerade richtig, an denen er verdienen will. Mit "Welcome to Norway" reagiert Regisseur Rune Denstad Langlo mit Humor auf den wachsenden Rassismus.

Susanne Burg: Mit dieser Begrüßung beginnt die Komödie "Welcome to Norway". Der Norweger Primus will sich als Geschäftsmann endlich gesundstoßen, indem er sein Hotel im Norden des Landes, das nie fertig wurde, in eine Unterkunft für Flüchtlinge umwandelt und dafür Geld vom Staat bekommt. Die Flüchtlinge selbst sind ihm ziemlich egal, Hauptsache die Kasse klingelt. Aber so einfach ist das dann alles nicht. Das Geld fließt nicht so einfach und die Flüchtlinge benehmen sich nicht so, wie Primus sich das wünscht. Am Donnerstag läuft "Welcome to Norway" bei uns an. Der Regisseur ist der Norweger Rune Denstad Langlo, und als ich ihn getroffen habe, wollte ich von ihm wissen, warum er sich gerade bei diesem Thema ausgerechnet für eine Komödie entschieden hat.

Rune Denstad Langlo: Nun, jede Tragödie ist meiner Meinung nach auch eine Komödie, und es hängt auch viel Komödie in einer Tragödie drin. Ich fand das alles so ernsthaft geworden ist bei uns in Norwegen, alles hat sich so polarisiert. Die Rechten waren nur noch wütend, die Linken waren nur noch wütend, und keiner hat mehr gelacht. Und ich finde, in einer ernsthaften Krisensituation muss man auch immer in der Lage sein, lachen zu können, und auch die Flüchtlinge sollten übrigens lachen können. Wir Menschen sollten nicht über andere lachen, sondern zusammen miteinander lachen. Und auch dieser Idiot, der das dieses Flüchtlingsheim eröffnet, auch das ist jemand, da kann man auch mal lachen.

"Er kann Deutsche nicht leiden, ebenso wenig Äthiopier"

Burg: Sie nennen den Protagonisten Primus einen Idioten – er startet eben dieses Flüchtlingsheim im Norden von Norwegen. Er wirkt am Anfang erst mal wie ein recht unreflektierter Mensch, der gerne mal seine rassistischen Einstellungen auch äußert, sich gar nicht viel dabei denkt. Hatten Sie eine bestimmte Figur im Kopf – wie haben Sie diese Figur entwickelt?

Langlo: Ja, also Primus, diese Hauptfigur, der hat viel von meinem Vater. Primus, er mag einfach Menschen nicht. Er kann Schweden nicht leiden, er kann Deutsche nicht leiden, ebenso wenig kann er Äthiopier leiden. Und das ist jemand, der immer irgendwelche Schnapsideen und Projekte hat, ungeduldig ist, schnell wütend wird – das ähnelt sehr meinem Vater. Und irgendwie ist diese Hauptfigur einfach ein durchschnittlicher Norweger, etwas naiv, sehr schlecht mit Geld, hat Eheprobleme und ist immer voller Projekte und voller Pläne und hofft, mit seinem neusten Plan wird er nun endlich zum Millionär.

Burg: Sie sagen, er ist eigentlich so der typische Norweger, das Ganze spielt aber im Norden von Norwegen. Gibt es noch etwas Besonderes an den Menschen im Norden, sind die besonders engstirnig?

Langlo: Wenn Menschen kaum auf andere Menschen treffen, dann haben sie Angst vor den Fremden. Vor einhundert Jahren hatten viele Norweger Angst vor den Schweden, und ich glaube, wenn man nur so auf dem Land lebt, kaum Leute trifft, dann wird man etwas engstirnig. Heute leben die meisten Leute nun in Städten, da hat sich vielleicht etwas geändert. Aber ich glaube, Primus ist ein sehr einfacher Mensch, aber hat letztendlich doch ein großes Herz, weil in dem Moment, wo er nun endlich auf andere Menschen trifft, da wird sein Herz einfach größer. In meiner Recherche bin ich auf viele solcher Geschichten gestoßen, auf viele solcher Menschen, die dann plötzlich Herz gezeigt haben und plötzlich zu guten Menschen wurden.

"Wir waren am Ende Leute aus 20 Nationen"

Burg: Da wollte ich eigentlich später erst drauf kommen, aber es passt gerade so gut. Am Ende kommen sich ja im Film alle näher, die größten Vorurteile werden dann auf allen Seiten abgebaut. Glauben Sie daran, dass Rassismus durch reale Begegnungen abgebaut werden kann?

Langlo: Ja, daran glaube ich wirklich, und ich habe diese Erfahrung auch bei den Dreharbeiten zu diesem Film wirklich gemacht. Wir waren am Ende Leute aus 20 verschiedenen Nationen, die 14 verschiedene Sprachen gesprochen haben. Aber ich muss zugeben, an den ersten Drehtagen konnte ich kaum schlafen, weil ich so nervös war und mich fragte, wie soll das bei 50 Menschen aus 20 Nationen funktionieren. Aber dann hat sich dieser Zug mit Drehbeginn einfach in Bewegung gesetzt, alle sind mit an Bord gekommen, und dann funktioniert das, wenn man sich anfängt, besser zu kennen. Das trifft übrigens auch auf die Flüchtlinge zu – wir hatten dann alle viel Spaß miteinander, auch die Flüchtlinge. Und das waren wirklich echte Flüchtlinge, die Sie da im Film sehen, die aus der ganzen Welt kamen.

Burg: Das heißt, haben Sie am Set am Anfang die Themen auch wiedergefunden, die der Film behandelt, also wurden Sie mit Ihrer eigenen Ignoranz konfrontiert?

Langlo: Im Gegenteil, ich war eigentlich eher übervorsichtig, und es war mir fast peinlich, gewisse Plot Points, gewisse Sachen aus meinem Drehbuch laut zu erzählen, also hab ich's immer etwas heruntergespielt und hab gesagt, na ja, eigentlich ist er ja ein guter Kerl, dieser Primus, der ist ja gar kein Rassist. Aber daraufhin reagierten die Flüchtlinge, die im Film mitmachen, lachend und meinten, nee, sag's einfach, wie es ist. Sie haben sich mit eingebracht, haben ihren eigenen Humor mit eingebracht, hinzugefügt und wurden echte Nebendarsteller. Und dann gibt es ja auch einige Szenen beispielsweise, die waren wirklich schwierig. Ich erinnere mich an diese Szene in der Bibliothek mit dieser Frau, die beschreibt, wie sie vergewaltigt worden ist von mehreren Soldaten, und das ist natürlich eigentlich eine sehr tragische Sache, und trotzdem wurde in dem Kontext dieser Szene da auch ein gewisser Humor noch mit eingefügt. Ich denke, meine Ignoranz war es auch, in den Flüchtlingen immer nur Opfer zu sehen und sie immer nur schonen zu wollen. Auch das ist eine Form von Ignoranz.

"Natürlich gibt's auch rechtsgerichtete Leute in meinem Film"

Burg: Bei dieser Szene, die Sie erwähnen, da sitzt eine Sozialarbeiterin und bietet einen Sprachkurs für die Flüchtlinge an, in Wirklichkeit aber möchte sie von den Flüchtlingen drastische Geschichte hören und so auf unangenehme Art und Weise teilhaben am Leid der Flüchtlinge. Wollten Sie damit auch die andere politische Seite kritisch beleuchten, also nicht die der Rassisten, sondern die der Gutmenschen?

Langlo: Ja, beide Frauen im Film, also die Ehefrau von Primus und die Sozialarbeiterin, sie stehen für mich für so das linke Norwegen, also für Leute, die linksgerichtet sind und die in der Welt einen tragischen Ort sehen, die aber letztendlich nur reden und nichts dagegen tun. Und das ist etwas, was man, denke ich, auch hier in Deutschland wahrscheinlich hat oder linksorientierte Leute sind hier wahrscheinlich ähnlich, und ich wollte in meinem Film auch ein bisschen darauf hinweisen. Natürlich gibt's auch rechtsgerichtete Leute in meinem Film, der eine Freund beispielsweise von Primus, aber letztendlich ist Primus der Einzige, der wirklich etwas tut. Daher kommt eben auch sein Name, Primus – er bewegt etwas. Ihm ist wahrscheinlich gar nicht bewusst, dass er eigentlich ein guter Mensch ist, aber ich glaube, wenn jeder so handeln würde wie er, hätten wir weit weniger Probleme, denn er behandelt Menschen einfach menschlich.

Burg: Im März ist der Film in Norwegen rausgekommen, welche Reaktionen gab es denn auf den Film?

Langlo: In Norwegen war der Film ein riesiger Publikumserfolg, und die meisten Leute fanden ihn wirklich brüllend komisch. Nur in Oslo – eine gewisse kulturelle Elite fand es gar nicht witzig und war der Meinung, da hätte man doch kein Recht, über so etwas zu lachen, aber letztendlich war das eine Minderheit. Ich hab wirklich viele Gespräche geführt mit vielen Zuschauern aus ganz unterschiedlichen Nationalitäten, und die meisten fanden es einfach nur großartig, dass sie 90 Minuten im Kino lachen konnten, sich entspannen konnten. Danach schaltet man wieder die Nachrichten ein, dann ist die ganze Welt wieder eine einzige Tragödie. Wenn man die Welt durch die Nachrichten so schlecht sehen muss, ist es doch viel einfacher, sich echte Menschen im Kino anzuschauen und einfach anderthalb Stunden durchzulachen.

Burg: Womit wir wieder am Anfang des Gespräches angekommen sind: die Bedeutung von Komödien im Kino. Bei uns kann man den Film ab Donnerstag in den Kinos sehen, "Welcome to Norway" heißt er, und Rune Denstad Langlo ist der Regisseur. Herzlichen Dank für Ihren Besuch, thank you very much for coming!

Langlo: Thank you!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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