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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 30.01.2015

Kommunikation bei PflanzenGrünzeug mit Grips

Von Udo Pollmer

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Akazienbaum in Südfrankreich (dpa / picture alliance / Robert B. Fishman)
Akazien können töten: Mit der erhöhten Produktion von Tanninen vergifteten solche Bäume in Südafrika Antilopen, die sie abfressen wollten. (dpa / picture alliance / Robert B. Fishman)

Ohne Information gibt es kein Leben. Ohne Erbinformation keine Lebewesen. Und solange wir leben, kommunizieren wir - das gilt nicht nur für Menschen, sondern auch für Tiere und Pflanzen. Doch worüber quatscht das Gemüse? Und wer hört das Gras wachsen?

Kommunikation ist in der Natur allgegenwärtig, selbst Pflanzen halten gern mal ein Schwätzchen. Ein beliebtes Thema im Gemüsebeet sind die Pflanzenfresser. Pflanzen können sogar einzelne Tierarten voneinander unterscheiden – sie erkennen die Schädlinge an ihrem Speichel. Dann beginnen sie mit der Bildung von spezifischen Abwehrgiften. Gegen eine Herde von Weidetieren ist eine einzelne Pflanze jedoch machtlos. Deshalb verbünden sie sich und gehen gemeinsam gegen den Feind vor. So geschehen in Südafrika. Dort gingen abertausende von Kudus, das sind Antilopen mit gedrehten Hörnern, durch den koordinierten Gegenangriff der Pflanzen zugrunde.

Dem unerklärlichen Massensterben kam die Fachwelt erst auf die Spur, als sie den Mageninhalt der Kudus untersuchte. Die Chemiker fanden darin Akazienblätter, an sich eine Lieblingsspeise. Doch diese Blätter wiesen hohe Gehalte an Tanninen auf. Tannine machen Eiweiß unverdaulich. Das ist bei der eiweißarmen Pflanzenkost riskant. Normalerweise sind die Gehalte in den Blättern ungefährlich. Aber sobald die Blätter der Akazien gefressen werden, reagieren die Bäume heftig: Binnen weniger Minuten steigen die Tanningehalte rasant an – erstaunlicherweise auch in den Akazien ringsum, die noch gar nicht betroffen sind. Die Signalstoffe werden per Luftpost weitergereicht. Um den Pflanzen diesen Infoweg abzuschneiden, fressen Weidetiere gewöhnlich gegen die Windrichtung. Bei den verendeten Kudus hatte das nicht mehr geklappt, weil ihre Gehege zu klein waren. Die Akazien waren gewarnt und für die Antilopen gab es kein Entrinnen.

Stimmengewirr mit interessanten Infos

In heißen und trockenen Klimaten verdunsten die Botenstoffe. Das ist der Grund, warum die Natur im Mittelmeerraum so intensiv duftet. Was dem Urlauber in die Nase steigt, ist für die Pflanzen ein Stimmengewirr, aus dem sich jede die interessanten Nachrichten herauspickt. In kühleren und feuchteren Regionen sind viele der Infochemikalien wasserlöslich. Sie werden über den Wurzelraum weitergegeben. Die Wurzeln "schmecken" die Stoffe.

Ebenso wichtig sind die Symbiosen der Wurzeln mit Pilzen. Die dünnen Pilzfäden, das Mycel, sorgen für eine enge Vernetzung, sie reichen die Schädlingswarnungen sozusagen per Rundmail weiter. Zugleich sind die Pilze der Paketdienst der Pflanzen. Douglasien liefern darüber beispielsweise Kohlenstoff an Birken, andere Pflanzen bieten Phosphat oder benötigen Stickstoff. Die Mycelien transportieren auch Gifte, um bei anderen Pflanzen Schädlinge zu vergiften oder um konkurrierende Kräuter am Wachstum zu hindern.

Pflanzen betrügen und bestehlen

Seit bald 80 Jahren ist bekannt, dass das Wurzelwerk einer Roggenpflanze eine Länge von bis zu 600 Kilometern erreicht; zählt man die feinen Wurzelhärchen dazu, werden es überschlagsmäßig bis zu 10.000 Kilometern. Bei Millionen von Roggenpflanzen pro Hektar ergibt sich ein beachtliches Netzwerk. In der Fachwelt wird es gern mit dem Internet verglichen. So wie sich im Internet Viren verbreiten, so reisen übrigens auch Pflanzenviren durch das Wurzel-Internet.

Pflanzen sind lernfähig, sie haben ein Gedächtnis und sie handeln zielbewusst. Sie bilden Allianzen, kämpfen miteinander um Licht und Nährstoffe, sie betrügen, bestehlen und töten einander. Pflanzen haben ein Ego. An der Einsicht, dass nicht nur Tiere, sondern auch Pflanzen ein Bewusstsein haben, werden wir auf lange Sicht wohl nicht vorbeikommen.

Für Veganer ist das eine Botschaft, die nachdenklich macht. Veganer verzichten bewusst auf Tierisches, um das Leid auf dem Planeten zu mindern. Doch was für Tiere recht ist, ist für Pflanzen billig: Wer konsequent ist, verspeist Pflanzenfresser. Dann gibt's eben aus ethischen Gründen Hackbraten statt Grünkohl. Und alle jene, die fordern, den Tieren endlich Menschenrechte zu gewähren, sollten bedenken, dass sich damit gleichermaßen Tierrechte für Gemüse und Getreide begründen lassen.

Pflanzen liefern den Tieren die Nahrung und den Sauerstoff zum Atmen, ohne Pflanzen würden sie verhungern und ersticken. Deshalb ist Pflanzenschutz wichtiger als Tierschutz. Mahlzeit!

 

Literatur:

Van Hoven  W: Tannins and digestibility in greater Kudu. Canadian Journal of Animal Sciience 1984; 64: (Suppl.): 177-178

Hooimeijer JF et al:  The diet of kudus in a mopane dominated area, South Africa. Koedoe 2005; 48: 93-102

Trewavas A: Plant intelligence. Naturwissenschaften 2005; 92: 401–413

Brenner ED et al: Plant neurobiology: an integrated view of plant signalling. Trends in Plant Science 2006; 11: 413-419

Trewavas A: What is plant behaviour? Plant, Cell and Environment 2009; 32: 606–616

Hall M: Plant autonomy and human-plant ethics. Environmental Ethics 2009; 31: 169-181

Gagliano M et al: Out of sight but not out of mind: Alternative means of communication in plants. PLoS One 2012; 7: e37382

Giovannetti M et al: At the Root of the Wood Wide Web. Plant Signaling & Behavior 2006; 1: 1-5

Trewawas A, Baluska F: The ubiquity of consciousness. EMBO reports 2011; 12: 1221-1225

Fleming N: Plants talk to each other using an internet of fungus. BBC Earth 11.11.2014

Mehr zum Thema:

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