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Interview / Archiv | Beitrag vom 10.01.2017

Kommt die FIFA-Mega-WM?"Chance, die WM weiter zu globalisieren"

Sylvia Schenk im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Die FIFA-Zentrale in Zürich (dpa / picture-alliance / Walter Bieri)
Die FIFA-Zentrale in Zürich (dpa / picture-alliance / Walter Bieri)

Sollte die FIFA die Zahl der Mannschaften bei der WM auf 40 oder 48 erhöhen, wäre das nach Ansicht von Sylvia Schenk von Transparency International problematisch für kleinere Ausrichterstaaten. Entscheidender sei jedoch, dass die FIFA Signale gegen Menschenrechtsverletzungen setzt.

Vor der Tagung des FIFA-Councils am heutigen Dienstag in Zürich warnte Sylvia Schenk im Deutschlandradio Kultur, durch eine Aufstockung der Teilnehmerzahl werde es für kleinere Länder noch schwieriger, als WM-Ausrichter zu fungieren. "Die Ausrichterländer werden ja nicht unbedingt mehr Geld verdienen, unter Umständen müssen die mehr ausgeben."

Schenk sieht offenbar die Gefahr, dass in diesem Fall nur noch Länder mit einer funktionierenden großen Liga wie etwa Deutschland, Italien oder Spanien eine WM ausrichten könnten. "Das wäre auch keine gute Entwicklung. Man will ja, dass die Weltmeisterschaft auch in noch mehr Ländern stattfinden kann als bisher."

Eine erhöhte Korruptionsgefahr sieht Schenk in einer "Mega-Fußball-WM" mit 40 oder 48 Teilnehmern jedoch nicht. Entscheidend werde sein, wie die damit verbundenen Mehreinnahmen ausgegeben würden. Sollte es, wie von der FIFA im vergangenen Jahr beschlossen, auch in die Entwicklung des Frauenfußballs gesteckt werden, sei das "ein Fortschritt an anderer Ecke, den man im ersten Moment gar nicht so im Blick hat", betonte die Leiterin der Gruppe Sport bei Transparency International.

Auch sei eine Ausweitung auf mehr Mannschaften eine "Chance, die WM mehr zu globalisieren", so Schenk. (uko)


Liane von Billerbeck: Eine Fußball-Mega-WM, die noch größer werden soll, noch länger dauern, noch mehr Mannschaften einbeziehen und – das vor allem – noch mehr Knete einbringen soll! Bevor wir darüber mit einer Korruptionsbekämpferin sprechen, denn die Frage steht ja dann immer im Raum, wenn es um viel Geld geht, hören wir erst mal zu, was die Fußballstars eigentlich zu der tollen FIFA-Idee sagen.

13, 16, 32, 48, das sind keine Körpermaße eines Supermodells – obwohl, da werden ja immer bloß drei gezählt –, sondern die Entwicklung der Fußballweltmeisterschaften von Beginn bis, ja, in die mögliche Zukunft. Wenn die FIFA das durchsetzt, was ihr so vorschwebt, dann erleben wir bald, dass zur Weltmeisterschaft 48 Mannschaften anreisen und diese Fußballfestspiele dann vermutlich eine ganze Jahreszeit dauern, bis das Publikum zu gähnen anfängt. Und worum geht's? Na klar, es geht um Geld! Anlass für uns, darüber mit Sylvia Schenk zu sprechen, die bei Tranparency International die Gruppe Sport leitet, und Transparency ist auch Mitglied bei der Sport and Rights Alliance, der unter anderem auch Terre des Hommes angehört. Sylvia Schenk, guten Morgen!

Sylvia Schenk: Hallo, guten Morgen, Frau von Billerbeck!

von Billerbeck: Eine Riesen-WM, statt jetzt 32 dann möglicherweise 40 oder 48 Mannschaften, die daran teilnehmen. Was bedeutet das?

Island war eine Bereicherung

Schenk: Ja, das bedeutet das, was wir in dem Vorgespräch ja eben schon so ein bisschen gehört haben, in dem Beitrag von Herrn Wolters: Es hat Vor- und Nachteile, es kommt immer darauf an, von welcher Pose man das betrachtet. Also, bei den Spielern ist es so, aus den großen Mannschaften, wenn es mehr Spiele bedeutet, dann ist es eine höhere Belastung für die Spieler, die sowieso schon an der Grenze sind; für kleinere Teams, für kleinere Länder, die bisher keine Chance hatten, ist das natürlich die Gelegenheit, einmal bei einer WM dabei zu sein, Sie haben das bei der Euro letztes Jahr gesehen mit Island, das war auf jeden Fall eine Bereicherung für das ganze Turnier. Also, insofern, wir dürfen es nicht nur unter engen deutschen oder europäischen Gesichtspunkten sehen, es ist eine Chance, die WM mehr zu globalisieren. Aber man muss natürlich schauen, wie ist der Modus, es darf nicht langweilig werden und es darf vor allen Dingen die Spieler nicht überlasten.

von Billerbeck: Ich sehe schon, da schlagen mehrere Herzen in Ihrer Brust. Einerseits die Frau, die gerne Fußball guckt – klingt jedenfalls so –, andererseits die Gefahr, dass da jemand belastet wird, und drittens, dass nette Mannschaften wie die Isländer auftauchen und die Herzen der Zuschauer, also auch Ihres erobern.

Sylvia Schenk, Sportbeauftragte bei Transpareny International (dpa/picture alliance/Paul Zinken)Sylvia Schenk, Sportbeauftragte bei Transpareny International (dpa/picture alliance/Paul Zinken)

Schenk: Ja, ich habe auch mit anderen gesprochen und habe mich etwas vorbereitet auf das Telefonat, unter anderem auch mit Fußballfanvertretern gesprochen. Die sagten mir, es gibt die Chance für Fußballfans aus Ländern, die sonst nicht bei der WM dabei sind, auch mal dabei zu sein, es muss dann aber auch sichergestellt sein, dass die großen Mannschaften nicht erst zum Schluss einsteigen, also praktisch es eine Vorrunde nur der kleinen Teams gibt. Das würde wieder bedeuten Mehrbelastung für die Spieler. Also, so ein bisschen ist es die Quadratur des Kreises, was da gerade versucht wird. Ich bin mal gespannt, ob es so beschlossen wird und wie dann der Modus letzten Endes aussieht.

von Billerbeck: Nun sind Sie aber ja Korruptionsbekämpferin, als Frau von Transparency mit dem Schwerpunkt Sport. Mehr Spiele, das bedeutet mehr Geld. Heißt das auch, es gibt eine größere Gefahr eben für Korruption?

Wird das Geld in die Entwicklung des Frauenfußballs gesteckt?

Schenk: Das kommt ja immer darauf an, wie man den Vergabemodus macht, wie die Entscheidungsfindung ist, welche Sicherheitssysteme man präventiv einbaut. Da ist die FIFA Gott sei Dank inzwischen dabei, einiges anders zu machen als in der Vergangenheit. Insofern bedeutet das mehr Geld, das sind ja erst mal mehr Einnahmen für die FIFA selber, nicht unbedingt ein höheres Korruptionsrisiko. Die Ausrichterländer werden ja nicht unbedingt mehr Geld verdienen, unter Umständen müssen sie mehr ausgeben. Das wäre dann wieder ein Problem unter dem Gesichtspunkt: Heißt es, dass mehr Stadien gebaut werden, die nachher leerstehen, oder heißt es, dass nur noch ganz, ganz wenige Länder, die eine funktionierende große Liga haben wie Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und England, solche Großevents dann ausrichten können?

Das wäre auch keine gute Entwicklung, man will ja, dass die Weltmeisterschaft auch in mehr Ländern noch stattfinden kann als bisher. Also, insofern, alleine unter Korruptionsgesichtspunkten kann man da nichts zu sagen. Das Entscheidende wird nachher sein: Wie wird das Geld ausgegeben, wird es, wie die FIFA ja im vergangenen Jahr beschlossen hat, dann unter anderem in die Entwicklung des Frauenfußballs gesteckt – da will die FIFA ja ganz große Schritte nach vorne machen, die Zahl der Spielerinnen und Mannschaften weltweit deutlich erhöhen –, das wäre natürlich wiederum ein Fortschritt an anderer Ecke, die man im ersten Moment gar nicht so im Blick hat.

von Billerbeck: Stimmt. Nun ist ja Transparency International Mitglied bei der Sports and Rights Alliance. Wie steht es dann mit den Menschenrechten? Wenn wir uns vorstellen, dass in viel mehr Ländern auch die Fußball-WM stattfindet, dann sind da ja auch viele Länder dabei, wo die Lage der Menschenrechte eher mau ist. Wie reagieren Sie denn auf die Möglichkeit, die ja immer wahrscheinlicher wird?

Schenk: Ja, wir haben ja im Moment schon das Problem, dass wir ...

von Billerbeck: Genau.

Schenk: ... mit den nächsten beiden Ausrichterländern, Russland, große Schwierigkeiten bevorstehen, was Hooliganismus, was Rassismus betrifft, Homophobie und anderes. Genauso mit Katar, mit den Migrantenarbeitern, das Problem gibt's übrigens auch in Russland. Da wird im Moment seitens der FIFA ja Gott sei Dank inzwischen gegengesteuert und versucht, Dinge in Bewegung zu bringen. Das wird ein großes Thema in Zukunft bei allen Großveranstaltungen weltweit sein, hängt auch nicht unbedingt mit einer größeren WM zusammen, weil, wenn die WM größer ist, dann können kleinere Länder das noch viel weniger stemmen als jetzt schon. Also, insofern ist das eher ein Argument dann dagegen, dass es in kleinere und schwierige Länder geht. Andererseits, China weiß man inzwischen, dass die sich wohl für 2030 bewerben wollen, die investieren gerade ja ganz reichlich in den Fußball und verderben dort so ein bisschen die Transferpreise, ...

von Billerbeck: Darüber haben wir heute auch schon berichtet, genau.

Signale gegen Menschenrechtsverletzungen

Schenk: ... das muss man auch kritisch sehen. China kann es aber jetzt schon ausrichten und China kann auch eine große WM ausrichten. Also, viel entscheidender wird sein, dass die FIFA deutliche Signale setzt gegen Menschenrechtsverletzungen, dass sie zum Beispiel den Ausrichtervertrag so gestaltet und Garantien auch vom Ausrichterstaat verlangt, dass dort etwas gegen Menschenrechtsverletzung von vornherein gemacht wird und dass sie auch für Abhilfe sorgt, wenn es trotzdem zu Verletzungen kommt.

von Billerbeck: Vor der Entscheidung der FIFA über eine künftige Mega-Fußball-WM sprachen wir mit der Korruptionsbekämpferin und Menschenrechtlerin Sylvia Schenk von Transparency International. Ich danke Ihnen für das Gespräch!

Schenk: Gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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