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Sein und Streit | Beitrag vom 17.03.2019

Kommentar zur Aktion der evangelischen KircheLügenfasten - geht das?

Von Andrea Roedig

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Eine Illustration von zwei Geschäftsmännern. Sie kreuzen die Finger hinter ihrem Rücken beim Handschlag. Der Hintergrund ist blau. (Imago / Mark Airs)
Mit Lügen zum Erfolg? Das funktioniert so lange, wie andere schöne Lügen von uns hören wollen. (Imago / Mark Airs)

Unter dem Titel „Mal ehrlich! Sieben Wochen ohne Lügen“ ruft die evangelische Kirche zum Lügenfasten auf. Andrea Roedig meint, noch besser wäre es, wir würden auf die Lust am Lügenkonsum verzichten.

"Epimenides, der Kreter, sagt: Alle Kreter lügen", so geht eines der ältesten philosophischen Paradoxa. Der Satz ist nicht sinnvoll aufzulösen: Wenn es wahr ist, dass alle Kreter lügen, lügt auch Epimenides. Wenn er aber lügt, dann ist die Aussage "alle Kreter lügen", falsch. Die Katze beißt sich in den Schwanz, und schon dieses kleine Beispiel zeigt: Im Gegensatz zur einfachen, klaren Wahrheit bringt uns die Lüge immer in Schwierigkeiten, in logische, moralische oder auch gesellschaftliche.

Leistungslügen - wenn Ehrlichkeit nicht zum Erfolg führt

In letzter Zeit gibt es viel öffentliche Aufregung um etwas, das man "Leistungslüge" nennen könnte. Beim renommierten Spiegel-Journalisten Claas Relotius angefangen, der seine Reportagen zum Teil frei erfand. Und dann beschäftigt die Öffentlichkeit – wieder einmal – ein Dopingskandal erster Güte: Sportler bei der nordischen Ski-Weltmeisterschaft in Seefeld wurden bei der Eigenbluttransfusion erwischt, teilweise noch mit der Nadel in der Vene. Johannes Dürr, ein Skilangläufer, der schon einmal gesperrt wurde, bekannte in einem ARD-Dokumentarfilm sein Doping, schwor ab und dopte weiter. Ohne das, erklärt er, hätte er die verlangte Leistung nicht bringen können.

Lügen als soziales Doping

Die Lüge ist so etwas wie soziales Doping. Sie verschafft demjenigen, der schummelt einen Vorteil gegenüber anderen. Die Lüge funktioniert aber nur in einem Gesamtsystem, sie hat immer eine Empfängerseite, sie sei "ein Sprachspiel, das gelernt sein will", sagt Ludwig Wittgenstein. Hochstapler berichten, dass sie anderen Menschen immer nur das sagen und versprechen müssten, was diese sich wünschten. Dann funktioniere der Betrug perfekt. Die Lüge als Wunschmaschine macht die Welt auch interessanter. Einmal weil sie durchaus etwas Poetisches hat, sie baut Luftschlösser, und allein dafür müsste man sie schätzen. Sie hält aber auch das beliebte Spiel von Versteck und Aufstöbern in Gang. Ohne Lüge gäbe es keinen Krimi und sonntagabends keinen "Tatort".

Andrea Roedig ist Philosophin und Publizistin. Sie ist Mitherausgeberin der österreichischen Kultur- und Literaturzeitschrift "Wespennest". 2015 erschien ihr Buch "Bestandsaufnahme Kopfarbeit" zusammen mit Sandra Lehmann im Klever-Verlag.  (privat)Lügen will gelernt sein: Die gut verpackte Unwahrheit ist Teil eines Sprachspiels, sagt Andrea Roedig. (privat)

Sieben Wochen ohne Lügen, fordert die evangelische Kirche als Fastenopfer. Kann das überhaupt gehen? Die Lüge sei eine Bequemlichkeit, eine Komfortzone, heißt es in dem Aufruf. Bequem aber ist dieser Pakt mit dem Teufel oft gerade nicht; wer lügt, muss etwas verbergen, und wenn die Sache auffliegt, werden Exempel statuiert. Die überführte Betrüger*in  zahlt den Preis stellvertretend für alle, die nicht erwischt werden, und für den Erhalt des Systems: Der Skisportler Johannes Dürr hat wegen wiederholten Dopings eine erhebliche Haftstrafe zu erwarten. Gerade die Leistungslüge ist aber nicht bloß eine individuelle Tat, sondern Antwort auf einen strukturellen Zwang. Der Lügner ist immer auch Symptomträger einer unfreien Gesellschaft.

Lüge als Symptom von Zwang

Vielleicht sollten wir den Aufruf der evangelischen Kirche so verstehen, dass mit dem Lügenfasten nicht nur das aktive Lügen gemeint ist, sondern auch der passive Lügenkonsum. Sieben Wochen keine Lügen hören wollen, das hieße: keine märchenhaften Extremleistungen im Sport erwarten, keine wutlustigen Fake-Tweets von Trump und weniger aufregende Revolver-Reportagen. Wir müssen uns andere Wunder suchen, andere Abenteuer, andere Leistungskonzepte. Denn auf Dauer funktioniert das Spiel mit der Lüge nicht, allein schon aus logischen Gründen: Sieben Wochen ohne Lügen, das lässt sich, mit etwas Toleranz, gut vorstellen. Aber sieben Wochen ohne Wahrheit – das ginge wirklich nicht.

Andrea Roedig ist Philosophin und Publizistin. Sie ist Mitherausgeberin der österreichischen Kultur- und Literaturzeitschrift "Wespennest". 2015 erschien ihr gemeinsam mit Sandra Lehmann verfasster Interviewband "Bestandsaufnahme Kopfarbeit" im Klever-Verlag.

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