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Sein und Streit | Beitrag vom 18.10.2020

Kommentar zu MoriaLeben in der Todeswelt

Von Daniel Loick

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Ein Geflüchteter aus Afghanistan trägt einen Teil seiner Habseligkeiten durch das zerstörte Lager Moria auf Lesbos in Griechenland, 12. September 2020.  (NYTNS/laif/ Mauricio Lima)
Nach dem Brand im Lager Moria hat sich die Lage dort noch weiter verschlechtert: Der Philosoph Daniel Loick erkennt dahinter eine gezielte "Politik des Todes". (NYTNS/laif/ Mauricio Lima)

Die Zustände im Geflüchteten-Lager Moria waren schon lange katastrophal. Seitdem das Lager abgebrannt ist, werden sie regelrecht lebensfeindlich. Das ist kein Zufall, mahnt Philosoph Daniel Loick: Die entstehende „Todeswelt“ sei politisch gewollt.

Eines der symbolträchtigsten Bilder, die uns seit dem verheerenden Brand im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos erreichen, zeigt Menschen, die sich in einem örtlichen Friedhof inmitten der Grabsteine ausruhen. Weil ihr Lager zerstört und der Weg in das nahegelegene Dorf von wütenden Anwohnern blockiert wurde, gab es für die Geflüchteten keinen anderen Zufluchtsort mehr. Diesen Menschen, die soeben noch ihre letzten Habseligkeiten verloren hatten, blieb nur noch die Wahl, sich zu den Toten zu gesellen.

Verdammt zu einem Status als "lebende Tote"

Der Philosoph Achille Mbembe prägte den Begriff der Nekropolitik, einer Politik des Todes. Damit beschrieb er das globale Zusammenspiel politischer Entwicklungen, die zur Entstehung von Bedingungen führen, unter denen menschliches Leben unmöglich ist. Diese "Todeswelten", so Mbembe, verdammen immer größere Bevölkerungsgruppen zu einem Status als "lebende Tote".

Seit dem Großbrand in Moria ist deutlich geworden, dass sowohl die Europäische Union, als auch die griechische Regierung sich von dem Anspruch verabschiedet haben, ihre Politiken nach dem Prinzip des Schutzes menschlichen Lebens auszurichten. Nicht nur werden den Geflüchteten regelmäßig ihre Menschenrechte vorenthalten; mittlerweile steht auch ihr biologisches Leben auf dem Spiel.  

Porträt von Daniel Loick. (Rainer Kurzeder)Die Situation auf Lesbos widerspricht offensichtlich menschenrechtlichen Standards, sagt der Philosoph Daniel Loick. (Rainer Kurzeder)

Schon vor dem Großbrand war Moria heillos überfüllt und von katastrophalen hygienischen Bedingungen geprägt, unter denen ein Covid-19-Ausbruch geradezu provoziert wurde. Nach dem Feuer verschlechterte sich diese Situation dramatisch. Die zuständigen Behörden weigerten sich tagelang, ausreichend Wasser, Essen, Zelte und Medizin zur Verfügung zu stellen. Bilder zeigen auch Gruppen obdachloser Geflüchteter, die vor einer geschlossenen Filiale der deutschen Supermarktkette Lidl campieren, nur Fensterscheiben trennen sie von den dringend benötigten Lebensmitteln. Gleichzeitig hinderte die griechische Polizei NGOs und Solidaritätsgruppen daran, Medizin oder Lebensmittel zu verteilen: Versorgung wurde also nicht nur nicht bereitgestellt, sondern aktiv verhindert.

Von Ausgrenzung zu Todespolitik

Zusammengenommen haben diese Praktiken auf Lesbos eine Todeswelt entstehen lassen. Die dahinterstehende Politik hat damit die Schwelle von der bloßen Ausgrenzung – der Verteidigung unseres Wohlstands gegen eine imaginierte Bedrohung von außen – zu einer aktiven Politik des Todes überschritten: Die europäischen Regierungen wenden eine Reihe von Techniken an, die im Ergebnis darauf abzielen, das Leben unerwünschter Bevölkerungsgruppen zur Disposition zu stellen.

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Diese Zustände wurden von Menschenrechtsgruppen, Kirchen, humanitären Hilfseinrichtungen, politischen und sozialen Bewegungen immer wieder angeklagt. Die Situation auf Lesbos widerspricht so offensichtlich sowohl menschenrechtlichen Standards, als auch dem EU-Recht, sie widerspricht aber auch moralischen Prinzipien, christlichen Tugenden und den vielzitierten "europäischen Werten". Aber all diese Appelle sind wirkungslos verhallt.

Eine Welt des Lebens wäre möglich

Dabei hat die Coronakrise gezeigt, dass wir unsere Gesellschaft innerhalb kürzester Zeit grundstürzend verändern können. Dass es möglich ist, ungeheure medizinische Ressourcen zu mobilisieren, Unmengen an Forschungsgelder freizugeben, Massenevents zu verschieben, Millionen von Menschen von der Änderung ihres Alltagsverhaltens zu überzeugen. Ebenso möglich ist es, sich um die elementaren Grundbedürfnisse der Menschen auf Lesbos, im Mittelmeer und anderswo zu kümmern.

Wie können wir also die politischen Logiken überwinden, die zur Einrichtung von Todeswelten führen? Wie können wir stattdessen eine ganz andere Welt schaffen, eine die eine Welt des Lebens wäre?

Daniel Loick ist Professor für Politische Philosophie und Sozialphilosophie an der Universität Amsterdam. Er ist Herausgeber des Bandes "Kritik der Polizei", der 2018 im Campus-Verlag erschienen ist.

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