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Sein und Streit | Beitrag vom 13.12.2020

Kommentar zu DemokratieverachtungSchwören, nicht verschwören!

Von Wolfram Eilenberger

Ein Mann legt seine Hand auf das Herz für einen Schwur. (Symbolbild) (Getty Images / E+ / Todd Keith)
Hand aufs Herz: Wolfram Eilenberger kennt einen Schwur, den wir erneuern sollten. (Getty Images / E+ / Todd Keith)

Verschwörungserzählungen sind gefährlich und zersetzend. Nur eine nicht. Das ist die, in der die meisten von uns leben. Für sie sollten wir sogar dankbar sein, kommentiert Wolfram Eilenberger.

Meine Damen und Herren, danke, dass Sie mir Ihre Zeit schenken. Danke, dass mir im öffentlichen Rundfunk Gelegenheit gegeben wird, aus freien Stücken zu Ihnen zu sprechen. Denn die Verschwörung, die ich in den folgenden drei Minuten aufzudecken gedenke, gehört zum Ungeheuerlichsten, was Menschen je ersonnen haben. In zahlreichen Ländern der Erde wird ihre Wahrheit deshalb bis heute verschwiegen, unterdrückt, ja verfolgt.

Verschwörung im Herzen Europas

Worum also geht es? Und warum spricht kaum jemand darüber? Wie in einem heute kaum noch auffindbaren Buche, das mir, nebenbei bemerkt, eher zufällig in die Hände fiel, nachzulesen ist, begann besagte Verschwörung im Jahre 1291. Und zwar im Herzen Europas, genauer gesagt, auf dem Gebiet der heutigen Schweiz.

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Dort begab es sich, dass Menschen unterschiedlichster Lebensläufe, religiöser Überzeugungen und Muttersprachen spontan zusammentraten, um einen ebenso unerhörten wie mutigen Eid abzulegen: Fortan, schworen diese ersten Wenigen einander, würden sie ihre Differenzen hintanstellen und stattdessen das allen Gemeinsame betonen. Würden sie ihr Leben nach besten Vernunftgründen und klaren Fakten ausrichten, anstatt nach blinden Dogmen und einsamen Befehlen.

Ein Schwur im Zeichen von Gleichheit und Freiheit

Vor allem aber, so ihr Schwur, würden sie fortan in einer Gemeinschaft von Freien und Gleichen füreinander Sorge tragen und ihr Lebensglück nach verbindlichen Regeln befördern. Gegen alle Wahrscheinlichkeit gelang es diesen "Eidgenossen", wie sie sich bald stolz nannten, ihrer Vision eine landesweite politische Gestalt zu geben. Und zwar in Form von Kantonen, von denen es zunächst 22 gab – unter ihnen, als einer der letzten, Genf.

Der Autor und Philosoph Wolfram Eilenberger (Annette Hauschild/Ostkreuz)Despoten wissen, wie anfällig Menschen für Wundergeschichten ist, sagt Wolfram Eilenberger. Aber ist die demokratische Verschwörung nicht noch viel wunderbarer? (Annette Hauschild/Ostkreuz)

Der Rest nun aber ist, wie man so schön sagt, Geschichte. Binnen nur weniger Jahrhunderte breitete sich die republikanische, freiheitliche Vision dieser Verschworenen über den gesamten Kontinent aus, ja, über große Teil der Welt.

Ihr Ideal aktiver Teilhabe und eines öffentlichen, wohl informierten Vernunftgebrauchs und Gerade-Denkens gewann mehr und mehr Anhänger. Mittlerweile ist ihr Credo so erfolgreich und allgemein akzeptiert, dass die meisten Menschen, auch in Deutschland, sich nicht einmal mehr bewusst sind, ebenfalls aktiver Teil solch einer Verschworenen-Gemeinschaft der Freien und Gleichen zu sein.

Fiktionen prägen unser Leben

So jedenfalls steht es, Wort für Wort, in einem der letzten Gedichte des argentinischen Schriftstellers und Dichters Jorge Luis Borges geschrieben – dem wohl größten und klarsichtigsten Verschwörungserzähler des 20. Jahrhunderts. Borges hat ein Leben der Frage gewidmet, mit welcher Wucht Fiktionen in unser sogenannt wirkliches Leben eingreifen, ja, es von innen heraus prägen und bestimmen.

Einst selbst in der Schweiz aufgewachsen, indes im diktatorischen Argentinien zum Denker gereift, wusste er aus ureigener Erfahrung, wie ganz und gar unwahrscheinlich, ja geradezu fantastisch prekär besagte Verschwörung der Freien ist. Und wie ungeheuer anfällig und durstig der menschliche Geist für falsche Wundergeschichten bleibt, die Populisten und Despoten gezielt streuen, um unsere Urteilskraft zu verdunkeln und damit ihre Macht selbstisch zu sichern.

Borges' "Los Conjurados" – die demokratisch Verschworenen

Wie um seine eigene, lebenslange Mitgliedschaft im Bunde dieser Eidgenossen offen zu legen, entschloss Borges sich kurz vor seinem Tode im Jahre 1986, aus Argentinien in den Kanton seiner Jugend, nach Genf, zurückzukehren. Dort war es auch, wo er besagtes testamentarisches Gedicht zu Papier brachte, dem er folgerichtig den Titel "Los Conjurados" – "Die Verschworenen" gab.

Es gibt sie also, die gute politische Verschwörung. Wir leben dankenswerterweise sogar mitten in einer Variante von ihr und müssen nur wach und mutig genug bleiben, uns auch in Zukunft unbedingt zu ihren tragenden Idealen der Freiheit und Gleichheit zu bekennen. Ich weiß, das alles mag, einmal so erzählt, wie eine völlig irrsinnige Geschichte klingen. Ist aber, ich schwöre es Ihnen, nichts als die Wahrheit.

Wolfram Eilenberger ist Philosoph, Publizist, Schriftsteller und ehemaliger Chefredakteur des "Philosophie Magazins". Nach seinem Bestseller "Zeit der Zauberer. Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919-1929", erschien jüngst von ihm "Feuer der Freiheit. Die Rettung der Philosophie in finsteren Zeiten (1933-43)".

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