Kommentar zu Social-Media-Verbot

Mehr Kindheit, weniger Smartphone

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Symbolfoto zum Thema Kinder nutzen Social Media: Ein Junge sitzt in einem dunklen Raum, sein Gesicht wird von einem Smartphone beleuchtet.
Das Leben von Jugendlichen in der westlichen Welt hat sich in den letzten 15 Jahren mit dem Eintritt in die Online-Welt fundamental verändert. © picture alliance / photothek.de / Thomas Trutschel
Ein Kommentar von Philipp Hübl |
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In der Politik wird über ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche nachgedacht. Experten diskutieren nun das Pro und Contra: Oft werden dabei Phänomene wie Sucht oder Mobbing ins Feld geführt. Doch das Problem liegt tiefer.
Die aktuelle Diskussion über ein Social-Media-Verbot für Kinder unter 14 Jahren konzentriert sich vor allem auf Extremfälle wie Cyber-Mobbing und Stalking, unter denen Kinder und Jugendliche besonders leiden. Durch die digitalen Medien wird antisoziales Verhalten auf erschreckende Weise erleichtert.

Kooperation und Konflikte sind nötig

Das muss man bekämpfen, keine Frage. Doch das grundlegende anthropologische Problem haben viele noch gar nicht in den Blick genommen: Die sozialen Medien verändern radikal, was es heißt, erwachsen zu werden.
Junge Menschen erleben die prägenden Jahre ihrer Pubertät immer weniger durch physischen Kontakt, also durch Kooperation und Konflikte, die nötig sind, um Resilienz und Autonomie zu entwickeln, sondern immer mehr durch einen Strom von Bildern und Filmen, die sie passiv und allein im Kinderzimmer konsumieren.
Der amerikanische Psychologe Jonathan Haidt hat in seinem Buch "Generation Angst" gezeigt, dass sich das Leben von Jugendlichen in der westlichen Welt in den letzten 15 Jahren fundamental verändert hat: Depressionen, Angststörungen, Schlafmangel, Selbstverletzungen und Suizide sind so hoch wie nie zuvor, vor allem unter Mädchen.

Weniger Social Media, mehr Gesundheit

Jugendliche verbringen immer weniger Zeit mit Freunden, und sie kennen immer weniger Menschen, denen sie sich anvertrauen können. Dieser Trend setzte um 2012 ein, als sich in kurzer Zeit jeder ein Smartphone und einen Social-Media-Account zulegte. Zwar zeigen viele Studien bisher nur Korrelationen, können also Verursachung nicht eindeutig belegen. Doch inzwischen stützen auch zahlreiche Experimente Haidts Analyse.
Seine deutsche Kollegin Julia Brailovskaia beispielsweise hat mit Kollegen nachgewiesen: Wenn junge Nutzer ihre Zeit auf den sozialen Medien reduzieren, steigert das spürbar ihre physische und psychische Gesundheit. Einfache Regeln wie „Kein Smartphone nach dem Abendessen“ wirken Wunder.
So sprechen trotz der nicht ganz eindeutigen Datenlage mindestens drei Argumente für ein Verbot. Erstens verändern die sozialen Medien auch Erwachsene, oft zum Schlechteren: Rechtspopulismus, eine linke Opferkultur und die Polarisierung der Öffentlichkeit sind auf dem Nährboden der sozialen Medien gewachsen.
Evolutionär handelt es sich um eine Fehlanpassung: Einstellungen, die in der Stammesgeschichte nützlich waren, zum Beispiel Macht zu misstrauen, schießen weit über das Ziel hinaus und verwandeln sich in abstruse Verschwörungstheorien. Wenn die Algorithmen also schon unsere eigenen Urteilsverzerrungen so systematisch gegen uns ausspielen, dann sind Kinder eine umso leichtere Beute.
Das zweite Argument für ein Verbot kommt aus der Spieltheorie: In einem Experiment in den USA sagten 60 Prozent der jungen Instagram-Nutzer, sie würden lieber in einer Welt ohne soziale Medien leben, aber nur unter der Bedingung, dass die anderen mitziehen. Ein Gesetz erleichtert diesen Schritt für alle. Mit dem schönen Nebeneffekt, dass die vernünftigen Eltern dann auch nicht mehr die Spielverderber sind, wenn sie den digitalen Konsum ihrer Kinder strenger als andere überwachen.

Der Schaden ist größer als der Nutzen

Das dritte und stärkste Argument schließlich folgt dem Vorsorgeprinzip, wie es in einem Diskussionspapier der Leopoldina heißt, der Akademie der Wissenschaften. Das Hirn von Heranwachsenden verdrahtet sich in der Pubertät neu, prägend sind dabei Faktoren wie sozialer Vergleich, Selbstbestätigung, Abgrenzung von den Eltern und Fragen der Identität. In dieser sensiblen Phase ist der potenzielle Schaden, den die sozialen Medien anrichten können, deutlich größer als der Nutzen.
Und sollte die Forschung in zehn Jahren Entwarnung geben, werden die dann Zwanzigjährigen ihren Eltern sicherlich nicht vorwerfen, dass sie als Kinder zu viel draußen gespielt haben.
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