Israel in deutschen Medien

Kommentar: Deutschlands Oberlehrer sind zurück

04:18 Minuten
Israel-Flagge mit Deutschland-Farben an der East Side Gallery in Berlin (Berliner Mauer)
Deutsche sollten Israelis nicht erklären, wie sie sich zu verteidigen haben, meint Philipp Peyman Engel von der Jüdischen Allgemeinen. © IMAGO / Zoonar / IMAGO / Zoonar.com / Bruno Coelho
Von Philipp Peyman Engel · 24.10.2023
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Nach dem Terrorangriff der Hamas mahnten deutsche Journalisten Israel zur Mäßigung. Belehrungen aus dem Land der Täter seien schwer erträglich, kommentiert der Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen, Philipp Peyman Engel. Er vermisst Objektivität.
Hand aufs Herz: Ich hatte gedacht, dass es länger dauern würde. Viel länger. Doch es brauchte gerade einmal ein paar Stunden, bis der erste deutsche Oberlehrer sich zu Wort meldete. Die Leichen der mehr als 1400 israelischen ermordeten Babys, Kinder, Frauen, Männer, Greise, Schoa-Überlebenden waren noch nicht mal kalt, da meldete sich der Israel-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, Peter Münch, zu Wort.
Seine Analyse war ebenso gefühllos wie bösartig: Der israelischen Regierung und allen voran Premierminister Netanjahu spiele das judenfeindliche Massaker in die Karten, so Münch. Und mehr noch: Jerusalem werde den Angriff der palästinensischen Terrororganisation Hamas eiskalt für seine Zwecke ausnutzen. Bezeichnend: Kurz nach Veröffentlichung hatte die SZ den Text grundlegend umgearbeitet – jedoch ohne jeglichen Transparenzhinweis.

Größtes Trauma in der Geschichte Israels

Wir rufen uns in Erinnerung: Der 7. Oktober 2023 ist wohlgemerkt der dunkelste Tag in der Geschichte des israelischen Staates und des jüdischen Volkes nach der Schoa. Noch nie wurden seit dem Holocaust mehr Juden an einem Tag ermordet. Der Judenstaat wurde auch deshalb gegründet, damit jüdische Kinder sich nie wieder in einem Wandschrank verstecken müssen, um nicht ermordet zu werden. Es ist das größte Trauma in der Geschichte Israels, aber klar: Wer profitiert? Die israelische Regierung. Natürlich.
Verbunden mit dieser, nun ja, sehr eigenwilligen Betrachtung der Angriffe, war eine Mahnung der Süddeutschen Zeitung: Israel möge sich doch nun mäßigen, sich an das Völkerrecht halten und nicht die Zivilbevölkerung in Gaza für die Untaten der Hamas büßen lassen.
Braucht Israel diese Ermahnungen wirklich? Und falls ja: Braucht Israel diese Belehrung jetzt ausgerechnet aus dem Land der Täter? Aus dem Land, in dem deutsche Frauen und Männer für die Auslöschung von über sechs Millionen Juden verantwortlich waren?

Israel, die einzige Demokratie in Nahost

Natürlich nicht. Israel ist eine Demokratie, übrigens die einzige in Nahost. Die israelischen Streitkräfte gehören zu den moralischsten Armeen der Welt. Der Schutz der Zivilbevölkerung von Gaza ist der Armee nicht weniger wichtig als die Strukturen der Hamas nachhaltig zu zerstören.
In diesen Tagen erleben wir – wie bei vorangegangenen Kriegen gegen Israel –, dass es oftmals keinen objektiven Blick auf die Situation im jüdischen Staat und Gaza gibt. Der „Stern“ spricht von „Vergeltungsschlägen“ Israels und nicht von Angriffen mit dem Ziel, Israels Bürger vor weiteren Attacken der Hamas zu schützen. Die Deutsche Presse Agentur dpa berichtet regelmäßig von der „militanten Palästinenserorganisation“ Hamas. Von Kämpfern. Würde man Anis Amri, den Attentäter vom Berliner Breitscheidplatz, auch als „militant“ und als „Kämpfer“ bezeichnen? Wohl kaum.

Geht es um Israel, verrutschen Journalisten die Standards

Es ist keine neue Erkenntnis, aber in dieser Situation schmerzt sie noch mehr als sonst: Wenn es um Israel geht, verrutschen vielen Journalisten die Standards. Den besten Kommentar zum Status quo der deutschen Israel-Berichterstattung lieferte passenderweise denn auch kein Journalist, sondern ein Comedian. Der Kabarettist Christian Ehring konstatierte letzte Woche in seiner Sendung „extra3“:
"Wir leben in einem Land, in dem man selbst auf Nachrichten von den schrecklichsten Gräueltaten gegen Juden ein ‚Ja, aber‘ als Antwort bekommt. Es ist nicht auszuhalten. Wenn Israel gerade irgendetwas braucht, dann Solidarität, Unterstützung, Mitgefühl. Aber ganz bestimmt keine Relativierungen und keine Belehrungen. Dass die Nachfahren der Mörder von damals meinen, den Nachfahren der Überlebenden erklären zu müssen, wie diese für ihre Sicherheit zu sorgen haben und wie nicht, ist der Gipfel der Schamlosigkeit. Mehr kann ich dazu nicht sagen."
Ich auch nicht. Den Worten des Kabarettisten ist nichts hinzuzufügen.

Philipp Peyman Engel wurde 1983 im Ruhrgebiet geboren und ist in der Jüdischen Gemeinde Dortmund aufgewachsen. Während des Studiums schrieb er für Magazine, Tageszeitungen und mehrere jüdische Publikationen. Seit 2014 war er Redakteur bei der "Jüdischen Allgemeinen Wochenzeitung", leitete dort mehrere Jahre lang das Feuilleton, danach war er Chef vom Dienst. Seit dem jüdischen Neujahr Rosch Haschana Mitte September 2023 ist Engel Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen.

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