Kommentar: Berlin als Projektionsfläche deutscher Ängste

Das Land Berlin sollte laut neuem Hauptstadtvertrag zusätzliche Milliarden erhalten. Nun wollen einige Unionspolitiker die Sache neu aufrollen. Das ist nicht nur politisch motiviert, sondern zeugt von tiefsitzenden Ressentiments gegen die Hauptstadt.
Selten wurde eine landespolitische Machtfrage bundesweit mit so viel Eifer begleitet und diskutiert wie die sich ankündigende rot-grün-rote Koalition in Berlin. Die Interpretation ist durchaus naheliegend, dass der Weltuntergangspopanz nicht nur auf eine reale und berechtigte Sorge um die Sicherheit jüdischen Lebens zurückgeht, sondern auch auf antilinke Beißreflexe.
Es lässt sich aber darauf auch nicht reduzieren. Denn die Bilder, die in der Debatte gezeichnet werden, stehen in einer langen Tradition. Deutschland fremdelt mit seiner Hauptstadt. Das nicht erst seit dem Sieg von Elif Eralp, eher seit der Kaiserkrönung, mit der Berlin zur ersten Hauptstadt des geeinten Deutschlands wurde.
Deutsche fremdeln seit Kaisers Zeiten mit ihrer Hauptstadt
Seit Berlin im 19. Jahrhundert zur Metropole wurde, ist es eher das „andere Deutschland“ als seine Verkörperung, eher Spion des Globalen im Herzen der Nation als ihre Krone. Auch wenn der gute Kaiser in Berlin lebte – für den Deutschen an sich ist die Stadt nichts. Allein ihre Existenz als Großstadt ist irgendwie undeutsch, sagt der Volkskundler Wilhelm Heinrich Riehl 1854 – sie vereinzele die Individuen und ruiniere die Nerven.
Anders als die altehrwürdigen Städte zwischen Rhein, Main und Donau gilt sie auch irgendwie als eine „künstliche“, als eine eigentlich „amerikanische Stadt“. „Spreeathen ist tot und Spreechicago wächst heran!“, schimpft der liberale Politiker Walther Rathenau 1899. Vielleicht ein überraschender Moment einer politischen Einigkeit mit Adolf Hitler, der Jahrzehnte später seine Hauptstadt mit Argwohn betrachtet, München als Wohnort vorzieht und schließlich plant, den kosmopolitisch „verjudeten“ Moloch Berlin mit der streng geordneten Stadt Germania zu überbauen.
Arm, aber sexy? Nur für Stippvisiten an der Mauer!
Dass nach dem Krieg das dezidiert unimperiale Bonn die Hauptstadt der BRD wurde, war da schon eher passend. Berlin wurde im Bewusstsein Westdeutschlands mehr und mehr zum Menschenzoo – da drüben war drüben, hier Punks, Gammler und andere Linksradikale, über die man beim Bustransfer zurück in den Odenwald schön schaudern konnte.
Aber selbst als Hauptstadt des geeinten Deutschlands bleibt Berlin den Deutschen irgendwie fremd: „Arm, aber sexy“ passte aus nord-süd-westlicher Perspektive vielleicht zur Kulisse für Stippvisiten an der Mauer, aber sicher nicht zum deutschen Selbstbild vom soliden Wohlstand durch ehrliche Arbeit – auch wenn man einen kurzen Augenblick lang einmal gerne so locker gewesen wäre. Zumal, wenn das Motto von einem schwulen Bürgermeister verkündet wird.
Während die Stadt in rechten Diskursen um 1900 davon bedroht war, durch ihre jüdische Bevölkerung „orientalisiert“ zu werden, ist das Bild heute fast eins zu eins in der „Islamisierung“ aufgegangen, die muslimischen Bürgerinnen und Bürgern in Neukölln oder Kreuzberg unterstellt wird – nach 9/11 boomt die Angst vor „Parallelgesellschaften“ im Herzen der Hauptstadt und kulminiert dieser Tage im Zerrbild eines drohenden islamistischen Queer-Kommunismus.
Söder sollte besser gleich die Hauptstadtfrage stellen
Dass Berlin nichts mit Deutschland zu tun hat, gehört heute standardmäßig zum Bierzeltrepertoire konservativer Volkstribune. So gesehen wäre es konsequent, wenn Markus Söder, wenn er schon den Hauptstadtvertrag in Frage stellt, gleich die Hauptstadtfrage stellte. Die preußische Hegemonie, die Berlin 1871 zur Hauptstadt machte, gibt es schließlich seit einem guten Jahrhundert nicht mehr; vielleicht ist einem Staat mit einer derart großen föderalen Tradition eine zentralistische Hauptstadt tatsächlich einfach nicht angemessen.
Warum also nicht zurück zu den bewährten Stätten des vornapoleonischen Reichs: Bundesrat in den Räumen des Immerwährenden Reichstags in Regensburg, Kanzlerkrönung im Frankfurter Dom. Das wäre schließlich nicht zuletzt auch im Sinne all jener sprichwörtlich Verrückten in Berlin, die dann endlich nicht mehr für die vorbeirauschenden Staatsbesuchseskorten mittelöstlicher Halbdiktatoren vom Lastenrad steigen müssten.




















