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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.12.2005

Komische Religonsgeschichte(n)

Hans Conrad Zanders Sachbuch fragt: "Warum waren die Mönche so dick?"

Rezensiert von Thomas Kroll

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Katholische Mönche und eine Nonne beten in der Geburtskirche in Bethlehem (AP)
Katholische Mönche und eine Nonne beten in der Geburtskirche in Bethlehem (AP)

"Warum waren die Mönche so dick?". In großen weißen Lettern ziert die Frage das Cover des Sammelbandes mit "wahre[n] Komödien aus der Geschichte der Religion". Dick ist Hans Conrad Zander, der Autor, keineswegs, schlau hingegen schon. In 24 ebenso kurzweilige wie unterhaltsame Geschichten hat er allerhand Gewichtiges, Wissenswertes und Anekdotisches aus dem Fundus der Christentumsgeschichte genüsslich und humorvoll verpackt.

Kostprobe 1: Was trieb den heiligen Antonius in die Wüste? Jeder gebildete Christ, so Zander, glaubt zu wissen, dass die Angst vor Frauen den Mann aus Mittelägypten zum Einsiedler werden ließ. Man denke nur an die zahlreichen Werke der Malerei, die "Die Versuchungen des heiligen Antonius" vor Augen führen.

Weit gefehlt! Zander lenkt den Blick in die Schriften des heiligen Athanasius. Der gilt als zuverlässiger Augenzeuge für das, "was wirklich los war in der Einsiedelei des heiligen Antonius". Man liest von mehreren tausend gestandenen Männern, die in Höhlen, Felsspalten, Erdlöchern und Hütten rings um den Heiligen leben - in göttlich guter Laune, denn, so Athanasius wörtlich, "da wurde keiner vom Steuereintreiber geplagt."

Im Folgenden informiert Zander über die Folgen der totalen Besteuerung im römischen Reich gegen Ende des dritten Jahrhunderts. Ferner berichtet er von der Steuerbefreiung christlicher Priester durch den römischen Kaiser Konstantin im Jahre 313. All das mündet in die Frage:

"Ist vielleicht das ganze christliche Mönchtum, ja ist vielleicht, historisch-kritisch betrachtet, der ganze katholische Klerus gar nicht aus Angst vor der Frau entstanden, sondern aus Angst vor dem Finanzamt? ... Die gesamte christliche Elite, dort die Mönche, hier die Priester, alle waren sie auf wunderbare Weise steuerfrei geworden. Alsbald begann in Rom ein wahrer Oklahoma-Run reicher Familienväter auf die katholische Priesterweihe. Noch gab es ja keine Zölibatspflicht."

Apropos Zölibat. In dieser Sache kennt sich Zander, ehemaliger Dominikanermönch, bestens aus. Zu diesem Thema hat er vor Jahren ein kleines "Schwarzbuch" vorgelegt. Demnach ist der Zölibat skandalös, erotisch, frech - und lustig; er macht schlank, glücklich und männlich. Mehr davon erfährt man in "Wie Robinson Crusoe sich nach dem Zölibat sehnte. Worin wir die unendliche Einsamkeit der protestantischen Seele kennen lernen".

Kostprobe 2: Die Geschichte vom Seefahrer, den das Schicksal auf eine einsame Insel verschlug, war vor dem Erscheinen von Daniel Defoes Roman bereits fünfmal gedruckt worden - "allerdings ziemlich wahrheitsgetreu und somit ohne allen Publikumserfolg." Sie handelt von Alexander Selkirk, einem halbstarken Maulhelden, der "wegen störenden Benehmens in der Kirche" aus seinem schottischen Heimatort verjagt wird. Selkirk heuert als Seeräuber an und wird auf eigenen Wunsch im Frühjahr 1704 auf einer einsamen Insel ausgesetzt.

"Wie erstaunt waren die Kapitäne von zwei anderen britischen Seeräuberschiffen, als sie fünf Jahre später, auf diesem Eiland zufällig an Land gingen und dort ein Lebewesen herumrennen sahen, das zwar noch immer aussah wie ein Mensch, das sich aber benahm wie eine Ziege. ... Aus lauter Sehnsucht nach Gesellschaft hatte sich Alexander Selkirk, der Asoziale, auf der menschenleeren Insel Mas-a-tierra in eine Ziegenherde gruppentherapeutisch integriert."

Was hat das mit Zölibat, gar mit Religion zu tun? Zander weiß Rat. Er zeichnet nach, wie Defoe, Sohn eines aufsässigen Protestanten, im anglikanischen London Schiffbruch um Schiffbruch erlebt. Überdies verdeutlicht Zander, wie der verkrachte Journalist all die Rückschläge ummünzt - zunächst in ein Alter Ego namens Robinson Crusoe, dann in bares Geld. Daniel Defoe als Jünger Calvins!

"Einsamkeit! Die Weltliteratur ist voll von Psycho-Kitsch, von nasebohrendem Tiefsinn zu diesem Thema. Robinson ist radikal anders. Robinson Crusoe tut etwas. ... Fern jedem literarischen Weltschmerz hat Daniel Defoe seine eigene religiöse Lebensanschauung in Robinson Crusoe hineinphantasiert ... Das Hohe Lied des Zölibats heißt "Robinson Crusoe" und ist geschrieben von einem englischen Calvinisten. Ein äußerst englisches Urbild der Männlichkeit ist das. "Das Empire", pflegte meine Großmutter zu sagen, "ist von Männern geschaffen worden, die ihre Zeit nicht mit Weibern verloren haben.""

Ohne Zweifel: Hans Conrad Zander beherrscht sein Metier, das pfiffige Erzählen, das Eröffnen ungewohnter Perspektiven. Beinahe wäre dem Großmeister der religiösen Satire ein "ökumenisch korrektes" Buch geglückt. Doch muss der Autor augenzwinkernd eingestehen, dass neben mindestens achtzehn katholischen Komödien nur fünfeinhalb protestantische ins Gewicht fallen. Alle Geschichten bezeugen Zanders Arbeit am "everlasting dream von einer selbstironischen, aufgeklärten Katholizität." Dazu möchte der Schweizer auch seine Leserschaft ermutigen - Pointe um Pointe, Geschichte um Geschichte, mindestens 24 Mal.


Hans Conrad Zander: Warum waren die Mönche so dick? Wahre Komödien aus der Geschichte der Religion
Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2005
188 Seiten (gebunden), 14,95 EUR.

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