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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 06.07.2020

KolumnenschreibenMeinungen im Kampfsportmodus

Ein satirischer Einwurf von Paul Stänner

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Frau fechtet mit einem Bleistift gegen ein Stück Papier  (imago images / Ikon Images/Alice Mollon)
Meinungen, Ansichten, Bewertungen tagein, tagaus - gar nicht so leicht, die in Dauerschleife abzuliefern. (imago images / Ikon Images/Alice Mollon)

Früher erhielten berühmte Menschen eine Kolumne, heute machen Kolumnen Unbekannte berühmt. Aber wie ist das, wenn man dauernd eine Meinung artikulieren muss? Autor Paul Stänner macht sich Gedanken über die Arbeitswoche eines Glossenschreibers.

Was muss man sich nicht alles aus den Fingern saugen!

Da ist man irgendwann auf dem Weg in den Journalismus falsch abgebogen, und plötzlich hängt man in einer Dauerschleife. Ist Kolumnist statt Journalist. Und ist gezwungen, davon zu leben, dass man eine Meinung hat. Zu diesem oder jenem. Zu allem. Hauptsache: Meinung. Denn eine Meinung ist ein Produkt, das will verkauft werden, und der Kolumnist will davon leben.

Die Woche des Kolumnisten ist lang

Ich gewähre Ihnen mal einen Einblick in den Alltag eines Profi-Kolumnisten. Das Wichtigste: zündende Themen! Heute ist Montag ... "Rassenkrawalle in den USA". Da habe ich noch Stoff für Monate. Das kaufen alle Zeitungen.

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Dienstag ... 
"Putin schreibt sich eine neue Verfassung". Auf Putin kann man immer gehen, das nehmen die konservativen Blätter. Das "Neue Deutschland" natürlich nicht.

Mittwoch ... 
"Die Partei Die Linke und ihr Verhältnis zu Putin". Wäre auch für alle, außer das "Neue Deutschland". Falls das gerade als langweilig gilt, hier die Alternative: "Donald Trump kauft Pflaster auf, weil er glaubt, die seien gut gegen Corona". Das stimmt zwar nicht, ist ihm aber zuzutrauen. Zur Not wird es eine Satire. Geht an die "Titanic" und den "Eulenspiegel".

Donnerstag ... Da hab ich noch gar nichts. Ich wähle: "Rassismus in Deutschland". Das ist hübsch kontrovers, das greift rechts und links in die deutsche Volksseele, daraus kann man was machen. Und Donnerstage sind immer besinnlich. Das nimmt die "Zeit".

Droht eine neue Toilettenpapierkrise?

Freitag ... 
"Kommt eine neue Toilettenpapierkrise?" Super Schlagzeile! Ein neuer Klopapier-Spaghetti-Engpass ist zwar nicht in Sicht, aber gerade gestern ist mir eine Meinung dazu eingefallen. Und vielleicht kommt bis Freitag ja die Krise!

Oder wenigstens Samstag, wenn die Leute - von mir angestachelt - einkaufen waren! Man muss einfach das Ohr am Puls der breiten Masse haben, das ist das Wichtigste für einen Kolumnisten. Geht an alle. 

Samstag ... 
Fehlt noch was Knackiges zum Wochenende: "Waffennarren in den USA", das Thema funktioniert immer. Oder: "Zahnarzt rettet Karies!", das wäre mal was Positives. Und so überraschend! Apropos Karies: "Was würde Wolfgang Neuss über Andy Scheuer sagen?"

Sonntag ...
Endlich frei. Ich muss nichts meinen, ich kann den Mund halten, muss nicht denken - aber, da fällt mir ein: Bekommen die Deutschen eigentlich genügend Kinder? Das wäre ein Thema für den Wochenanfang. Geht an die "Passauer Neue Presse".

Flatterndes Fähnchen im Wind

So geht es tagein, tagaus. Meinungen, Ansichten, Bewertungen. "Wer keine Ahnung hat, soll einfach mal die Klappe halten", hat der Kabarettist Dieter Nuhr gesagt. Er selbst hält sich auch nicht dran. Warum also ich?

Was sind wir Kommentatoren doch ein glücklicher Berufsstand! Egal, welche Farbe unser Fähnchen trägt, wenn es nur im Wind flattert. Solange sich jeder in seiner Blase bewegt, hat er immer recht und kann sich die Freiheit herausnehmen, der Welt mal so richtig einen prononcierten Standpunkt um die Ohren zu hauen.

Da prallt in den rechten wie den linken Kolumnen eine Meinung auf sich selbst - scharf und unmissverständlich. Meinungen haben und Meinungen dulden ist in Deutschland keine Kultur, sondern Kampfsport.

Und gerade heute? Mit welcher Meinung verdien' ich mir jetzt mein Geld? Ich denke, ich schreibe gleich noch einen Kommentar über die geistige Kernschmelze als Supergau in Politik und Medien. Geht an Deutschlandfunk Kultur. 

Da mach ich mich mal locker. Für Geld.

Porträt von Paul Stänner (privat)Paul Stänner, Autor und Journalist (privat)Der Autor und Journalist Paul Stänner wurde in Ahlen in Westfalen geboren, hat in Berlin Germanistik, Theaterwissenschaft und Geschichte studiert. Im März erschien sein neustes Buch "Agatha Christie in Greenway House".

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